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CD „SCHUBERTIADE“ – Mehrstimmige Gesänge mit Klavierbegleitung – Chor des Bayerischen Rundfunks, Justus Zeyen spielt auf einem historischen Érard Flügel; BR Klassik 

23.01.2022 | cd

CD „SCHUBERTIADE“ – Mehrstimmige Gesänge mit Klavierbegleitung – Chor des Bayerischen Rundfunks, Justus Zeyen spielt auf einem historischen Érard Flügel; BR Klassik 

 

Raritätenprogramm zum 225. Geburtstag von Franz Schubert am 31. Jänner 2022

 

Veröffentlichung: 4.2.2022

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Als Schubertiaden gelten private Hauskonzerte der Musik Franz Schuberts etwa in der Wohnung Ignaz Sonnleithners oder in derjenigen von Schobers Onkel Derffel – oft mit Schubert selbst am Flügel – heute als der Inbegriff bürgerlicher Geselligkeit im Biedermeier. An diesen unterhaltsamen Abenden ab dem Jahr 1821 gab u.a. Johann Michael Vogl Schuberts neueste Liedschöpfungen zum Besten, aber auch Lesungen, Tänze, gemeinsame Turnübungen oder Gesellschaftsspielchen standen auf der Tagesordnung. Laut Florian Heurich gehörte zum Ritual auch, „dass Schubert mit seinem engeren Zirkel zum Abschluss noch um die Häuser zog.“ 

 

Heute sind “Schubertiaden” Synonym von hochprofessionellen Kammermusik-Festivals, wie die vielleicht berühmteste im vorarlbergischen Schwarzenberg und Hohenems. 

 

Auf der vorliegenden CD hat der Leiter des Chors des Bayerischen Rundfunks, Howard Arman, ein stimmiges Programm mit selten aufgeführten Gesängen für mehrere Männer- oder Frauenstimmen a cappella oder mit Klavierbegleitung, aber auch den 20-minütigen „Mirjams Siegessang“ für Sopran-Solo (Christina Landshamer), Chor und Klavier als krönenden Abschluss gewählt. 

 

Das Album startet mit dem “Gondelfahrer” für Männerchor und Klavier D 809, wo Schubert nach den Worten Johann Mayrhofers stimmungsvoll venezianisch den Mond und die Sterne den flücht’gen Geisterreih’n nach einer Barcarole sanft tanzen lässt. Im wunderbaren “Ständchen” für Alt-Solo (Merit Ostermann), Männerchor und Klavier D 920 zieht der smarte Verehrer an des Liebchens Kammer klopfend mit seinem Wunsch “Drum, wenn Freundschaft, Liebe spricht, Freundin, Liebchen, schlaf du nicht!” unverrichteter Dinge wieder von dannen. Zu tief ist der Schlummer der Geliebten. Und wer wollte den schon stören? Die drei Lieder für Männerchor a cappella D 825 zeigen mit ihrem melancholisch die Jugend zu Grabe tragenden Gebimmel der Abendglocken, dem himmelwärts gewandten Minnegesang einer ewigen Liebe und schlussendlich dem Aufbruch in die Weite der Freiheit der Natur Schuberts Meisterschaft und melodisch harmonische Unverwechselbarkeit im chorischen Schaffen. Sie offenbaren den hintersten Sinn von Schuberts Liedschaffen, wo im Lied all das Empfinden einer reinen Seele kondensiert ist und als ein poetisch sublimes Erleben sich selbst genügt. 

 

Von den wenigen nur für Frauenstimmen geschrieben Stücken sind auf der CD “Gott in der Natur” D 757 und “Der 23. Psalm. Gott ist mein Hirt” D 706 zu hören. Schubert hat diese apart kunstvollen Gesänge für Schülerinnen der Singschule von Anna Fröhlich geschrieben. Überaus reizvoll ist die Rede und Echo-Gegenrede zwischen Tenor-Solo (Andrew Lepra Meyer) und Männerchor in “Nachthelle” D 892. Emphatisch besingt der Held sein inneres Glück, das sich in jubelnden Tönen entladen muss: “Ich fass in meinem Herzenshaus nicht all’ das reiche Licht, es will hinaus, die letzte Schranke bricht.”

 

Nach “Sehnsucht” für Männerchor a cappella D 656 nach dem Lied der Mignon aus “Wilhelm Meister” von Goethe schließt die CD mit “Mirjams Siegesgesang” D 942. Für gemischten Chor komponiert, wird der Auszug der Israeliten aus Ägypten mit der Prophetin Mirjam an der Spitze erzählt. 

Die künstlerische Qualität der CD ist untadelig. Besser können diese so speziellen Schubert’schen Gesänge mit ihrem schwärmerischen Herz so riesengroß und unstillbar nicht interpretiert werden. Der edle Klang des Érard-Flügels ist so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i dieses gelungenen Geburtstags-Ständchens.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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