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CD „SCHUBERT 4 HANDS“ – BERTRAND CHAMAYOU und LEIF OVE ANDSNES spielen Schubert für Klavier vierhändig aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten 1828; Erato

15.12.2025 | cd

CD „SCHUBERT 4 HANDS“ – BERTRAND CHAMAYOU und LEIF OVE ANDSNES spielen Schubert für Klavier vierhändig aus dem letzten Lebensjahr des Komponisten 1828; Erato

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Schubert starb im November 1828. Der Komponist fand noch bis zuletzt zu musikalischem Höhenflügen und Ausdrucksformen – oder soll ich besser sagen – kosmischen Anrufungen, die bis heute ihre Wirkung tun. Vor allem dann, wenn sich Pianisten wie Bertrand Chamayou und Leif Ove Andsnes zusammentun, um den vier eingespielten Stücken – die der Comtesse Karoline Esterházy gewidmete Fantasia in f-Moll D. 940, das Allegro in a-Moll D. 947 „Lebensstürme“, die Fuge in e-Moll, D. 952 und das Rondo in A D. 951 ihre Reverenz zu erweisen. Letztere beide stammen vom Juni 1828. 

Dabei wechseln sich die Pianisten, was die Verteilung der Ober- und Unterstimmen anlangt, ab (Chamayou Primo: Allegro, Fuge). Der Spieler des Secondo Parts muss sich standardmäßig immer um die Pedale kümmern. Chamayou über die technischen Anforderungen des vierhändigen Spiels: „Wenn man die Unterstimmen spielt, befindet sich die rechte Hand irgendwo in der Mittellage, wie die Bratsche in einem Streichquartett. Wenn man den Primo-Part, also die Oberstimmen spielt, übernimmt die linke Hand – die gewohnheitsmäßig ja das Bassfundament legt – etwa die Rolle der zweiten Geige. Für den Pianisten entsteht also eine Art Ungleichgewicht, das ein anderes Denken erfordert.“  Den ersten gemeinsamen Auftritt hatten die beiden Pianisten schon im Jahr 2016 aus Anlass des norwegischen Kammermusikfestivals in Rosendal absolviert. 

Völlig anders als beim in Sachen Schubert vierhändig maßstabsetzenden belgisch-japanischen Duo Crommelynck (Patrick und Taeko schieden 1994 gemeinsam freiwillig aus dem Leben) liegt der Fokus des Duos Chamayou/Andsnes nicht in einer Mystifizierung und lyrischer Feinzeichnung – Crommelyncks Art, Musik zu machen, erinnert an naturgetränkte Poesie – sondern sie begeistern sich vor allem an Schuberts 1828 neu entfachtem Interesse für Kontrapunkt und Fugentechnik, i.e. für mehrere eigenständige Stimmen.

Beiden Interpretationen ist gemeinsam, dass sie jeglichen äußeren Effekt meiden und den Spagat zwischen strenger Form und romantischer Atmosphäre in den Stimmungsbildern höchst elegant meistern. Der Unterschied liegt wohl in der Anschlagsintensität, wo Chamayou und Andsnes geradlinig nüchterner und handfester agieren als das Duo Crommelynck, das für schwebende Zwischentöne und eine empfindsam emotionalere Lesart stand, und den jeweils priorisierten Ausdrucksskalen.

Was die exzeptionelle Harmonie von Chamayou und Andsnes anlangt, so ist zu konstatieren, dass beide auch hervorragende Liedbegleiter sind und Musizieren im Ensemble schätzen. Ihr neues Album ist ein funkelnder Meilenstein in der modernen Schubert Rezeption und auf jeden Fall die Begegnung wert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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