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CD: SAVERIO MERCADANTE: IL PROSCRITTO • Britten Sinfonia, Carlo Rizzi

18.04.2023 | cd

CD: SAVERIO MERCADANTE: IL PROSCRITTO • Britten Sinfonia, Carlo Rizzi

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Was war jenseits der grossen Vier?

Reformen gibt es in der Geschichte der Oper viele. Zu den weniger bekannten, und denen, die nicht oder nur teilweise umgesetzt wurden, zählt jene Saverio Mercadantes (1795-1870). Mercadante ist der wichtigste Komponist der italienischen Oper in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der nicht zu den grossen Vier (Rossini, Donizetti, Bellini, Verdi) gehört.

Mercadante erhielt trotz unehelicher Abstammung aus ärmlichen Verhältnissen ab 1808 eine Ausbildung am Konservatorium von Neapel. Zu seinen Lehrern zählte unter anderen der damalige Direktor und letzte Vertreter der «neapolitanischen Schule», Niccolò Antonio Zingarelli (1752-1837). Nach seinem Abschluss mit Auszeichnung (1816) blieb Mercadante als «primo aluno» am Konservatorium und wurde auf die Karriere eines Opernkomponisten vorbereitet. Ab etwa 1820 widmete er sich hauptsächlich dem Musiktheater und konnte bereits ein Jahr später mit «Elisa e Claudio, ossia L’amore protetto dall’amicizia» (UA Teatro alla Scala, Mailand) einen ersten grossen Erfolg verbuchen, der dann mehrere Scritture nach sich zog. So wurde auch Domenico Barbaja, unter Anderem Impresario des Kärntnertheaters, auf den jungen Komponisten aufmerksam und holte ihn 1824 nach Wien, wo er eine Saison gestalten sollte. Barbajas sonst fast untrüglicher Sinn für den Erfolg versagte hier. Das Wiener Publikum wollte nur Rossini. Und als Mercadante nach Neapel zurückkehrte, hatte sein Konkurrent Giovanni Pacini (1796-1867) das Vakuum genutzt und sich als führender Opernkomponist etabliert. Bevor Mercadante von 1827 bis 1830 war er in Madrid, Lissabon, und Cádiz als Komponist und Dirigent tätig war, war er für zwei Jahre Hauskomponist des Teatro San Carlo in Neapel. Als er 1833 Kapellmeister der Kathedrale von Novara wurde, zog sich Mercadante vorübergehend vom Musiktheater zurück. 1836 hatte ihm Rossini eine Scrittura des Théâtre Italien in Paris verschafft: «I briganti» («Die Räuber» nach Schiller) konnten aber nicht reüssieren.

Wesentlich bedeutsamer für Mercadantes Karriere war es, dass er bei diesem Aufenthalt an der Seine der Uraufführung von Meyerbeers «Les Huguenots» beiwohnen konnte. Dieses Ereignis hatte für Mercadante Erweckungscharakter und so kehrte er im Bestreben nach Italien zurück, die italienische Oper von Rossini zu «befreien» und im Sinne der Grand Opéra zu reformieren. Mit seiner ersten Reformoper, «Il giuramento» (UA Teatro alla Scala, Mailand, 1837), hatte Mercadante grossen Erfolg.

Bei seinen weiteren Reform-Opern «Elena da Feltre» (UA Teatro San Carlo, Neapel, 1839) «Il bravo (La veneziana)» (UA Teatro alla Scala, Mailand, 1839), «La vestale» (UA Teatro San Carlo, Neapel, 1840) wurde die Kritik immer lauter, Mercadante habe deutsche Komponisten imitiert und die Stimme und Melodie zu Gunsten der Instrumente und des Orchesters vernachlässigt.

«Il proscritto» («Der Geächtete») wurde dann zu einem «Best of»: Mercadante hat «das Beste» aus Konvention und Reform kombiniert. Die Oper ist reich an «schmissigen», leidenschaftlichen Melodien und gibt den Sängern genügend Gelegenheiten virtuos glänzen können. Es gibt Stellen, die an Rossinis Crescendi erinnern, und klassische Soloarien. Die Zahl der Soloarien hat Mercadante aber zu Gunsten von Ensembles, hier häufig Duetten, zurückgedrängt.

«Il proscritto» wurde aber trotz des Kompromisses, Mercadantes Annäherung an den Publikumsgeschmack, nach der Uraufführungsserie am San Carlo in Neapel, weder an andere Theater übernommen noch in Neapel wiederaufgenommen. Die Gründe für das Verschwinden des Geächteten sind zahlreich: an vorderster Stelle steht sich die Schwierigkeit das Werk zu besetzen, denn es braucht für die vier Hauptrollen zwei gute Tenöre, einen Mezzo und einen Kontraalt (für die Hosenrolle). Dazu kommen dann das grundsätzlich Interesse der Theater an Neukompositionen, die doch hörbare Modernität der Musik und der Vorwurf des Vaterlandsverrats, sich zu sehr «nordischen Einflüssen» unterworfen zu haben.

«Il proscritto» wurde am 4. Januar 1842, zwei Monate vor der Uraufführung von Verdis «Nabucco» gleichenorts, an der Scala in Mailand uraufgeführt. Wie damals üblich stammen beide Sujet-Vorlagen aus dem französischen Theater. Basis des von «Il proscritto» ist das fünfaktigen Drama «Le proscrit» der französischen Schriftsteller Frédéric Soulié und Timothée Dehay, 1839 uraufgeführt am Pariser Théâtre de la Renaissance. Bartolomeo Merelli, Impresario der Scala, wurde auf das Stück, das in Übersetzungen dann auch rasch an italienischen Häusern gezeigt wurde, aufmerksam und gab bei Gaëtano Rossi ein Libretto in Auftrag. Der junge Verdi lehnte es ab, Otto Nicolai gab ihm zu Gunsten den dann von Verdi vertonten «Nabucco» auf. Das Sujet war in Italien bekannt und erfolgreich und so arbeitete der Neapolitaner Librettist Marco D’Arienzo den Text um und Mario Aspa setzte es in Musik (17 Aufführungen seit der Uraufführung am 2. September 1841). Die Oper lief noch, als es zur Uraufführung von Mercadantes «Il proscritto» kam.

Das von Mercadante in Musik gesetzte Libretto stammt von Salvadore Cammarano. Die Handlung erinnert mit ihrer Zwangsheirat und dem Schiffbruch des Geliebten entfernt an Donizettis Lucia und wurde, um Problemen mit der Zensur aus dem Weg zu gehen, von Grenoble im Jahr 1817 ins spätmittelalterliche Schottland verlegt. Da ein Libretto jener Zeit primär möglichst vielfältige, «bewegende» Emotionen bieten musste (die Sänger müssen sich virtuos produzieren können), wofür Cammarano Spezialist war, war Ort und Zeit der Handlung unproblematisch auszuwechseln, was gang und gäbe war.

Ramón Vargas gibt den Giorgio Argyll mit souverän geführtem, noch immer enorm farbenreichen Tenor. Es sind aber erste Ermüdungserscheinungen zu konstatieren. Die Überraschung der Aufnahme ist Iván Ayón-Rivas als Arturo Murray. Sein kräftiger, höhensicher Tenor harmoniert bestens mit Vargas. Mit frischem, voluminösem, wunderbar klarem Sopran singt Irene Roberts die Malvina Douglas, die Tochter einer früheren Heirat von Anna Ruthven. Elizabeth DeShong ist mit ihrem herrlichen Kontraalt Odoardo Douglas, der Sohn einer früheren Heirat von Anna Ruthven. Sally Matthews reifer Sopran passt bestens zur Mutterrolle. Goderdzi Janelidze gibt mit hellem, agilen Bass Annas Sohn Guglielmo Ruthven. Alessandro Fisher als Osvaldo, Susana Gaspar als Malvinas Magd Clara und Niall Anderson als Offizier Cromwells ergänzen das Ensemble.

Die Britten Sinfonia und der Opera Rara Chorus (Direktor: Stephen Harris) sind unter musikalischer Leitung von Carlo Rizzi mit hörbarer Begeisterung am Werk.

Der Reiz der Einspielung liegt gleichermassen in der Entdeckung eines neuen Werkes wie auch der Möglichkeit einmal zu hören, wie jenseits der grossen Vier komponiert wurde.

Eine lohnende Ergänzung der Mercadante-Diskographie!

18.04.2023, Jan Krobot/Zürich

 

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