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CD: Sasha Stychkina tastet sich an die Abgründe der Klavierliteratur heran

06.06.2026 | cd

Sasha Stychkina tastet sich an die Abgründe der Klavierliteratur heran

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Wer mit fünfzehn Jahren als jüngste Finalistin den Marguerite-Long-Wettbewerb in Paris aufmischt, dem stehen eigentlich alle Türen offen. Sasha Stychkina, Spross einer russisch-griechischen Künstlerfamilie, wählte jedoch einen anderen Weg. Sie verordnete sich eine schöpferische Pause, zog nach Berlin und studierte bei Kirill Gerstein an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Das Ergebnis dieser bewussten Reifungszeit liegt nun vor: ihr Debütalbum, eingespielt im geschichtsträchtigen Teldex-Studio.

Statt einer gefälligen Visitenkarte serviert die junge Pianistin ein anspruchsvolles, klug durchdachtes Programm, das den Hörer fordert – und reich beschenkt. Es ist eine Reise in die Abgründe und Höhen der Klavierliteratur, eine Art musikalische Ahnenforschung.

Den Auftakt bildet Maurice Ravels Menuet sur le nom de Haydn. Stychkina spielt ihn mit feinem Rubato undkörperlichen Präsenz. Der extrem direkte, transparente Klang lässt einen glauben, mit auf der Klavierbank zu sitzen. Die Idylle währt jedoch nur kurz.

Mit den Fünf Préludes des nahezu vergessenen Alexei Stanchinsky betritt sie historisches Neuland. Stanchinsky, ein tragisches Genie, das Skrjabin schätzte, in der Psychiatrie endete und mit nur 26 Jahren ertrank, schreibt wie aus einem Dostojewski-Roman. Stychkina gelingt es fabelhaft, die extreme Spannung zwischen elegischer Melancholie und eruptiven Ausbrüchen auszubalancieren. Besonders das abschließende Largo mit seinen schweren, düsteren Akkorden zieht den Hörer in einen regelrechten Bann. Diese Aufnahme ist die eigentliche Entdeckung des Albums.

Als reinigendes Gewitter folgt Frédéric Chopins Walzer As-Dur op. 42. Stychkina lässt ihn funkeln und flirren, ohne je ins Oberflächliche abzugleiten. Die rhythmische Raffinesse – die Oberstimme im Zweiertakt gegen das dreiteilige Fundament – wird bei ihr zum lebendigen Atem.

Den monumentalen Mittelpunkt bildet Carl Maria von Webers erste Klaviersonate. Stychkina zeigt, dass dieses Werk weit mehr ist als ein technisches Zirkusstück. Sie verleiht dem Allegro kraftvolle Entschiedenheit, lässt das Adagio opernhaft atmen und verwandelt das schattenhafte Menuetto in eine dämonische Szene. Das finale Rondo gerät unter ihren Händen zu einer Demonstration atemberaubender artikulatorischer Präzision und rhythmischer Unerbittlichkeit.

Richtig unbequem wird es bei Béla Bartóks Drei Etüden op. 18. Statt folkloristischer Wärme gibt es hier die kalte, abstrakte Moderne der frühen 1920er Jahre. Stychkina musiziert diese Stücke mit bewundernswertem Mut zur Hässlichkeit und lässt besonders im finalen Rubato jede tonale Sicherheit der Komposition bewusst vermissen.

Zum Finale schließt sich der Kreis mit Franz Liszts monumentalen Variationen über Bachs Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen. Unter dem Eindruck des Todes seiner Tochter Blandine geschrieben, entfaltet Stychkina ein orchestrales, geradezu sinfonisches Panorama. Vom mephistophelischen Beginn über das schmerzhaft nackte Thema bis hin zum strahlenden lutherischen Choral Was Gott tut, das ist wohlgetan führt sie den Hörer durch Hölle und Fegefeuer – um schließlich in ein diatonisches Licht zu münden.

Ein gewaltiger, beeindruckender Schlusspunkt eines Debütalbums, das keine Wünsche offenlässt.

Dirk Schauß, im Mai 2026

 

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