CD SANCTA OVETENSIS – bislang unveröffentlichte Arien des spanischen Barockmeisters JOAQUÍN LÁZARO – Jone Martínez (Sopran), Jorge Jiménez (Violine) und Aarón Zapico mit seinem Ensemble Forma Antiqua; Winter & Winter

Tauchen wir tief ein in die Archive der Kathedrale von Oviedo. Dort finden sich Manuskripte des Joaquín Lázaro, die der Musiker und Priester als Ergebnis seiner Arbeit in seinen letzten fünf Lebensjahren dem Kapitel vermacht hatte. Er war ab 1781 mit der Musik der Kapelle Sancta Oventensis beauftragt und hatte dort wahrlich Glänzendes zu des Höchsten Lob komponiert. Der gleichermaßen großzügige wie freundliche Meister war ungemein kreativ und schaffensfroh, obwohl er sich dauernd mit gesundheitlichen Problemen herumschlagen musste. So wurde er auch nur vierzig Jahre alt.
Dass so viel seiner seraphen Musik erhalten ist, verdanken wir nicht zuletzt seinem fleißigen Lieblings-Schüler Luis Blasco, der als Kopist wie auch als Countertenor-Solist in der Kathedrale reüssierte, wenngleich er durchaus umstritten immer im Vordergrund stand, wo immer Lázaro sich vertreten ließ.
Fast hundert Werke des überaus produktiven Joaquín Lázaro beherbergt das Musikarchiv der Ovieder Kathedrale. Darunter finden sich u.a. Arien, Lieder und ein Oratorium: Weitere seiner Stücke finden sich in den Kathedralen von Astorga, Mondoñedo, Colegiata de Santa María del Campo (La Coruña) und Abadía de Monserrat.
Das Programm des vorliegenden Albums besteht aus sechs Sopranarien und drei Instrumentalkompositionen unbekannter Urheberschaft: Ein Violinkonzert sowie zwei Ausschnitte aus Prozessionsmusiken. Die Zeitspanne der Entstehung kann mit 1781 bis 1786 eingegrenzt werden. Wie gut müssen die Musiker der Kapelle gewesen sein, wenn die stupende Virtuosität des Soprans und des Violinsolisten als Maßstab genommen werden. Welcher musikalische Glanz durchströmte da im ausgehendemn18. Jahrhundert die hohen Kirchenschiffe Asturiens?
Bei vier der bunt instrumentierten Dacapo-Arien (Streicher, Hörner, Continuo, fallweise Flöten) handelt es sich um genuine Weihnachtsmusiken, wo es naturgemäß um die Geburt Jesu geht. Ob allerdings der Neugeborene bei der prächtigen Arie „Dios mio, Calla“ mit all dem flötenfiependen Vogelgezwitscher gut geschlafen hätte, mag fraglich sein. In den anderen Arien lauschen wir mit ebenso lautmalerischem Gepränge dem Weg des Sterns nach Bethlehem oder in „Del risco se despeña“ erweckt die Metapher der taubedeckten Rose den kleinen Jesu. Eigentlich waren diese Arien für „treble“ geschrieben, das waren Chorknaben mit besonders hohen Stimmen.
Selbstredend wurde die Patronin der Diözese und der Stadt Oviedo, die heilige Eulalia, auch musikalisch besonders gefeiert. Daher ist es nicht verwunderlich, dass zur höheren Ehre der Märtyrerin von Mérida jede Menge an Arien, Hymnen und Liedern entstanden, von denen wir zwei auf der CD hören können: „A Eulalia dichosa“, „Encendida en vivo fuego“.
Kurz zur Heiligengeschichte: Nachdem sich die zwölfjährige Eulalia zum römischen Statthalter von Mérida gewagt hatte, um gegen die Christenverfolgung zu protestieren, wurde sie mit heißem Öl bespritzt, ihre Knie verbrannt, und sie anschließend in einen Feuerofen geworfen. Die Legende will es, dass Eulalia dennoch unversehrt blieb bzw. bei ihrem Tode durch das Schwert die befreite Seele als weiße Taube gen Himmel flog.
Lázaro hatte auch Instrumentalmusik komponiert, allerdings ist im Kapitel nichts davon erhalten. Daher ist es verständlich, dass sich die Produzenten des Albums dafür entschieden haben, anonyme Stücke aus dem reichen Archiv ins Programm zu nehmen: feierliche Prozessionsmusiken und ein Violinkonzert ganz im italienischen Stil in drei Sätzen mit zwei gepfeffert anspruchsvollen Allegro-Teilen, die ein ruhig kantables Adagio umschließen.
Die Sopranistin Jone Martínez, Schülerin des Countertenors Carlos Mena, ist eine echte Entdeckung. Mit jugendlichem Strahl, hoher Flexibilität und jubelnden Höhen bringt sie alle Voraussetzungen mit, um die religiös verzückte und gleichzeitig weltlich mit allerlei Schnörkeln geschmückte Musik direkt in die Herzen des Publikums zu pflanzen.
Das Alte Musik Ensemble Forma Antiqua unter der musikalischen Leitung von Aáron Zapico ist mit Leidenschaft und geschürzten Tempi zur Stelle. Der Spanier Jorge Jiménez, der u.a. Bachs Goldberg-Variationen mit Barockgeige für Panclassics auf CD gebannt hat, ist Garant einer historisch informierten und atmosphärisch dicht zupackenden Lesart.
Dr. Ingobert Waltenberger

