CD SAMUEL BARBER: VANESSA – Live-Mitschnitt aus dem Kennedy Center Concert Hall Washington vom Jänner/Februar 2025; nationalsymphony.org

Vor zwanzig Jahren verkörperte sie noch Erika, die 20-jährige Nichte (oder doch Tochter?) der Vanessa in der bei Chandos 2004 erschienenen Gesamtaufnahme von Samuel Barbers Oper „Vanessa“ mit dem BBC Symphony Orchestra & Choir unter der musikalischen Leitung von Leonard Slatkin. Nun ist Susan Graham The Old Baroness im gerade veröffentlichten Konzertmitschnitt von „Vanessa“.
Auch sonst wartet die im Eigenlabel des National Symphony Orchestra erschienene Neuproduktion mit geballter Barber-Expertise auf. Thomas Hampson, der gemeinsam mit Cheryl Studer für die Deutsche Grammophon die maßstabsetzende Gesamteinspielung aller Barber-Songs mit John Browning am Flügel und dem Emerson String Quartet aufgenommen hat, verkörpert in der neuen „Vanessa“ einen erstaunlich stimmfrischen ‚The Old Doctor‘
Gianandrea Noseda, das National Symphony Orchestra und der Konzertchor der University of Maryland haben sich jüngst dieses amerikanischen Opernvorreiters in Konzerten in Washington angenommen. In den Hauptrollen sind Nicole Heaston (Vanessa), J’Nai Bridges (Erika) sowie Matthew Polenzani (Anatol) zu erleben.
In der nach der Umarbeitung 1964 auf drei Akte geschrumpften Oper auf ein wortökonomisches Libretto von Barbers Lebenspartner Gian Carlo Menotti nach einer Erzählung aus „Seven Gothic Tales“ von Isak Dinesen geht es um die mit eherner Härte ins Buch des Lebens gestanzten Frauenschicksale von Vanessa und Erika im Verhältnis zu den geheimnisvollen, fatalen Verführern Anatol I und II.
Das, was Anatol II unter der Decke mit der jungen Erika und hierauf der älteren Vanessa samt ihren Seelen anstellt, bildet einen toxisch gärenden Subkontext zu der äußerlich banalen Handlung um die Unwägbarkeiten der Beziehung einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann bis zu deren Eheschließung.
Nur die alte Baronin, Vanessas Mutter und Erikas Großmutter, ist über alles im Bilde und verweigert sicherlich nicht grundlos, zuerst Vanessa, dann auch Erika jegliches Gespräch.
Die Vorgeschichte ist mystisch genug: 20 Jahre hat Vanessa auf ihren Liebhaber Anatol gewartet. Als ein junger Mann plötzlich vor der Tür steht, handelt es sich um den Sohn des einst geliebten, von beiden Frauen in ihrer Isolation auf dem abgelegenen Landsitz verständlicherweise begehrten Mannes. Erika wird von ihm schwanger, lässt abtreiben. Vanessa bekommt am Ende den jungen Anatol, heiratet ihn und verlässt das gemeinschaftliche Haus. Erika wartet ab da auf den Ersehnten. Es ist ein Warten auf Godot.
Aber ist es so einfach, wie es scheint? Was wäre, wenn Erika Vanessas Tochter mit dem älteren Anatol ist? Dann wäre Erika in einem inzestuösen Verhältnis befangen.
Die Irrungen und Illusionen, romantischen Projektionen und Täuschungen, Begierden und Sehnsüchte, das in Sachen sexueller Attraktion brutale Verrinnen von Zeit (Abhängen aller Spiegel durch Vanessa, später durch Erika) und das Wegbrechen eines rationalen Realitätsverständnisses bilden die Ingredienzien einer klanglich eklektisch generierten Oper, die Kino-Suspense und ein Amalgamieren von diversen musikalischen Stilmerkmalen der italienischen Oper, der deutschen Spätromantik sowie Hollywoods Soundkulissen à la Hitchcock zu einem Ganzen bündeln will.
Der ausgebildete Bariton Samuel Barber erweist sich als ein ausgesprochen sängerfreundlicher Komponist, der eine expressiv textbezogene Parlandoästhetik untersetzt von arios-melodischen, vielfach liedhaft lyrischen Elementen bei einem raffiniert kleinmotivisch rhythmisiert bis (hoch)dramatisch in bester Puccinimanier aufkochenden Orchesterpart kultivierte.
Eine spannende Geschichte rankt sich um die erste Besetzung der Titelpartie. Nachdem Maria Callas abgewunken hatte und Sena Jurinac infolge Krankheit ausfiel, blieb als ‚dritte Wahl‘ Eleanor Steber. Die Uraufführung am 15. Januar 1958 an der New Yorker Metropolitan Opera unter der Stabführung von Dimitri Mitropoulos war ein schöner, infolge der Aufführungen ebenfalls 1958 bei den Salzburger Festspielen international beachteter Erfolg, der sich zunächst als keineswegs nachhaltig erwies. Erst in den beiden letzten Jahrzehnten hat sich „Vanessa“ zu Recht als ein amerikanischer Opernklassiker etablieren können.
Großartig packend und ereignishaft ist, was Gianandrea Noseda aus dem technisch fabelhaften National Symphony Orchestra an vielfältigen Klangschichtungen herausdröselt und an musikhistorischen Bezügen offenlegt, wie sinnenfesselnd er die teils grellen Farben der Partitur in Ekstase und Schmerz gleichermaßen zum Oszillieren bringt.
Nicole Heastons leuchtender, in der Mittellage stofflich prächtiger, in der Höhe mit dem nötigen Thrill aufwartender dramatischer Sopran ist eine exzellente Besetzung für die Titelpartie.
Die ebenso aus den USA stammende, blendend aussehende Mezzosopranistin J’Nai Bridges, die kürzlich in Madrid ihr Rollendebüt als Carmen gab, muss als Erika die grässlich erbarmungslose Dynamik von elementarem Liebeserleben, Verlassenwerden und der gruseligen Hoffnung auf Wiederkehr des Verlorenen wiederholen. Sie stattet die erbarmungswürdige Figur mit einem beachtlichen Maß an Verletzlichkeit und Fragilität aus.
Matthew Polenzani wirft als Anatol all sein tenorales Rüstzeug mit der gehörigen Portion Zynismus und Härte in die Waagschale einer Rolle, die ihrer dramaturgischen Fatalität und Faszination ungeachtet kaum Sympathien generieren kann.
In kleineren Rollen ergänzen Jonathan Bryan als Nicholas, The Major Domo und Samuel Weiser als Footman.
Top-Empfehlung!
Dr. Ingobert Waltenberger

