CD RUGGERO LEONCAVALLO „ZINGARI“ – Gesamtaufnahme mit Krassimira Stoyanova, Arsen Soghomonyan und Stephen Gaertner; Opera Rara
Erste Studioeinspielung der Oper

Neben dem heute sattsam bekannten Verismo-Reißer „I Pagliacci“, dem einzigen Werk, mit dem Leoncavallo unauslöschlich Operngeschichte geschrieben hat, wurde zu seinen Lebzeiten das Dramma Lirico „Zingari“ aus dem Jahr 1912 am häufigsten aufgeführt. Ob Leoncavallo mit der kurzen vom Hippodrome Theatre in London (wo Leoncavallo 1911 eine Serie von Aufführungen seiner Oper „I Pagliacci“ dirigiert hatte) in Auftrag gegebenen Oper an den Erfolg des 20 Jahre früher fertig gestellten „Bühne auf der Bühne“ Einakters anschließen wollte? Auf jeden Fall ist „Zingari“ noch kürzer als „I Pagliacci“. Die beiden Episoden sind durch ein Intermezzo voneinander getrennt. Das Stück hat eine einfache Handlung und kommt mit insgesamt nur vier Protagonisten aus.
Die Handlung erinnert an die Grundkonstellation der mexikanischen Netflix-Serie „Glühendes Feuer“. Da bringt der Polizist Hugo die schöne Flor, Frau seines Freundes Ricardo, um, indem er ihr Haus in Benzin tränkt und anzündet. Flor verbrennt elendiglich, nur ihre Baby-Zwillinge können gerettet werden. Motiv: Beißende Eifersucht und machistischer Alleinbesitzanspruch auf eine begehrte Frau.
In „Zingari“ geht es auch nicht besser zu. Schauplatz ist das Donauufer. Das leidenschaftliche wie sprunghafte Roma-Mädchen Fleana (Sopran) trifft heimlich den jungen Adeligen Radu (Tenor). Als die beiden offiziell zusammen sind, weil sich Radu den Stammesregeln unterwirft, protestiert nur noch der Dichter Tamar (Bariton), der es ebenfalls auf Fleana abgesehen hat. Während der Hochzeit ist sein verzagtes Lied aus der Ferne zu hören.
Und so wie das Liebesglück ein Vogerl ist, und bald da und dorthin fliegt, wechselt nach einem Jahr die Zuneigung Fleanas von Radu zu Tamar. Als die beiden frischen Turteltäubchen in eine Strohhütte zum Rendezvous verschwinden, nimmt Radu tödliche Rache. Er verbarrikadiert den Eingang und zündet die Hütte an. Die beiden Lover kommen in den Flammen um. Der Älteste der Gemeinschaft (Lukas Golinski) sagt der nach Blut dürstenden Menge während die Hütte einstürzt, den Mörder wegen Wahnsinns laufen zu lassen.
Die Thrillerhandlung ist reißerisch, die Basis-Ingredienzien von Ehebruch und mörderischer Eifersucht ähneln „I Pagliacci“ oder von der Dreieckskonstellation Sopran, Tenor, Bariton her auch Bizets „Carmen“ zum Verwechseln. Der Erfolg der auf einem Gedicht von Alexander Puschkins aus dem Jahre 1827 basierenden Oper stellte sich vor allem in London sowie den USA ein, war kurz und heftig.
Die Neueinspielung mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter der musikalischen Leitung von Carlo Rizzi, dem nunmehrigen künstlerischen Direktor von Opera Rara, ging einer konzertanten Aufführung in der Cadogan Hall voraus.
Die Musik von „Zingari“ rekurriert auf osteuropäische Folklore, sie ist voller klanglicher Exotismen und lang gesponnenen Vokalisen der Titelheldin. Leoncavallo versteht es in „Zingari“, Spannung durch einen straffen Bogen über die vielen, atmosphärisch packenden kleinen Genreszenen zu erzeugen. Im Vergleich zu den ganz großen Meisterwerken des Verismo bleibt der einer Filmmusik ähnliche Sound aber doch epigonal. Man könnte ein großes Rätselraten starten, wo welches musikalische Thema oder Motiv schon in anderen Musikdramen aufgetaucht ist. Die Chöre (zu Beginn) erinnern an eine Mischung aus „Cavalleria rusticana“, „Otello“ und „Turandot“. Auch Anleihen aus „I Pagliacci“ und „Il Tabarro“ sind unüberhörbar. Das soll aber keinesfalls heißen, dass die Oper nicht sehr hörenswert wäre. Dem Chor kommt insgesamt eine tragende Rolle zu, der Opera Rara Chorus (Einstudierung Eamonn Dougan) entledigt sich dieser heiklen Aufgabe vorzüglich.
Carlo Rizzi entlockt dem Royal Philharmonic Orchestra die richtige Mischung aus großer Oper, bunten Volksszenen und stimmungsvollen Tableaus. Das elegante, schmachtend herzzerreißend schöne „Intermezzo“ zählt zu den magischen Höhepunkten der Einspielung.
In der Titelrolle ist die dramatische Sopranistin Krassimira Stoyanova aufgeboten. Bei aller Bewunderung für ihre große, wahnsinnig schön timbrierte Stimme nimmt man ihr die junge Frau des Stücks nicht wirklich ab. Dafür glühen die Emotionen umso dichter und gefährlicher. Vor allem in den Duetten mit dem vom Bariton zum Tenor mutierten Arsen Soghomonyan, der final zum pyromanischen Killer wird, ist sofort neben zärtlicher Zuneigung in wunderbar romantischen Kantilenen jene typisch veristische Scheinidylle spürbar, die der Katastrophe vorausgeht.
Soghomonyan nennt einen breit geführten und baritonal klingenden Heldentenor sein Eigen. Er legt die Figur des Radu als einen kräftigen Landjunkerlackl mit gefährlich brutalem Unterton an. Ein ganz großer Charaktersänger ist dieser armenische Tenor, der in Berlin in der Pique Dame als Hermann unter Kirill Petrenko in der Philharmonie brillierte und in der stimmlichen Entwicklung schon längst bei Verdis „Otello“ angelangt ist (z.B.: München 2021).
Der amerikanische Bariton Stephen Gaertner ist für den erotischen Verführer Tamar goldrichtig gecastet, weil er mit der nötigen viril samtigen Stimme ausgestattet für eine mächtig aufgeheizte Dramaturgie mit dem verzehrend eifersüchtigen Rivalen Radu sorgt. Auch er ist mit Rollen wie Rigoletto, Jago, Scarpia oder Escamillo auf der Bühne längst in heldischen Gefilden zu Hause. In „Zingari“ kann er die Wandlung vom unbeachteten Mauerblümchen zum das „Spiel“ entscheidenden Lover glaubhaft und stimmlich ausreichend wandelbar vollziehen.
Klare Empfehlung für alle neugierigen Verismo Begeisterten bzw. Liebhaber großer, ausdrucksstarker Opernstimmen.
Hören Sie selbst: Youtube Link https://www.youtube.com/watch?v=x77MxxHixz4
Dr. Ingobert Waltenberger

