Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD ROSSINI „STABAT MATER“ – GUSTAVO GIMENO dirigiert das Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Wiener Singverein; harmonia mundi

17.04.2022 | cd

CD ROSSINI „STABAT MATER“ – GUSTAVO GIMENO dirigiert das Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Wiener Singverein; harmonia mundi

„Schaut die Mutter voller Schmerzen, wie sie mit zerrißnem Herzen unterm Kreuz des Sohnes steht: Ach! wie bangt ihr Herz, wie bricht es, da das Schwerdt des Weltgerichtes tief durch ihre Seele geht!“

stab

Eine wechselvolle liturgische Geschichte und heute kaum noch Bedeutung im Messgeschehen hat dieses mittelalterliche zehnstrophige Reimgedicht um das Leid der Gottesmutter vor ihrem gekreuzigten Sohn. Im Gegensatz dazu haben Legionen an Komponisten den poetisch hervorragenden Text oder Teile davon mit ihrer Musik unterlegt. Palestrina, Scarlatti, Caldara, Vivaldi, Pergolesi, Haydn, Boccherini oder Schubert sind nur einige davon. Nach Rossini gab es viele weitere Vertonungen etwa von Liszt, Frank Martin, Gorecki oder Pärt.

Das so Besondere und zugleich Sonderbare an Rossinis Vertonung liegt wohl darin, dass einige Solostücke wie besonders die bis zum hohen des notierte Tenorarie „Cujus animam gementem“ oder auch das Duett von Mezzo und Sopran „Quis est homo“ eher an fetzige Opern-Bravourstücke oder schwungvolle virtuose Belkantonummern erinnern als Ähnlichkeit mit düster schmerzerprobten liturgischen Gesängen aufweisen.

Rossini hatte den Applaus von der Pariser Aufführung seiner letzten Oper „Giulllaume Tell“ noch im Ohr, als er dieses – mit einem Auftrag des Priesters und Staatsrats Manuel Fernandez Varela ausgestattet – theatralische „Stabat Mater“ in Angriff nahm. 1833 sollte es am Karsamstag aufgeführt werden. Da Rossini aber schwer erkrankte, hat sein Studienkollege Giovanni Tadolini sieben von den dreizehn Nummern fertig gestellt. Erst 1841 vollendete Rossini das Werk aus eigener Feder so, wie wir es auf der CD hören, als ihn ein Streit zwischen Verlegern (Antoine Aulagnier wollte das Werk in der Fassung aus 1833 veröffentlichen und aufführen lassen) ihn dazu zwang.

Die neue Aufnahme markiert nicht nur das Aufsehen erregende Debüt von Gustavo Gimeno und des Orchestre Philharmonique du Luxembourg beim Label harmonia mundi, sondern setzt der ohnedies schon heftigen opernhaften Geste noch eins drauf. Wenn schon Rossini mit dem mystischen Text gemacht hat, was er wollte, soll es halt so ein. Die eingängigen Melodien erklingen mit einem unglaublichen schwelgerischen Melos, zum fröhlichen Tenorsolo zu Beginn des Quartetts „Sancta Mater“ möchte man am liebsten das Tanzbein schwingen. Wenn der Bass und Mezzo das „Fac me vere tecum flere, Crucifixo condolere, Donec ego vixero. Iuxta crucem tecum stare Te libenter sociare In planctu desidero“ anstimmen, haben wir es erst recht mit großer Oper zu tun.  

Das Solistenquartett Mari Agresta (Sopora); Daniela Barcellona (Mezzo), René Barbera (Tenor) und Carlo Lepore (Bass) kommt den Intentionen des Dirigenten spürbar gerne nach und agiert saft- und kraftvoll. Allerdings hätten ein weniger ausschwingendes Höhenvibrato des Mezzos und weniger Forcieren des Tenors ein Mehr an Hörvergnügen gebracht. Der Wiener Singverein (Einstudierung Johannes Prinz) beweist einmal mehr, dass er nach wie vor zu den führenden Konzertchören der Welt gehört. Das Andante maestoso „Inflammatus“ aber auch das finale Amen samt Vorzeige-Fuge überwältigt durch hochdramatische Wucht, ausgewogene Stimmgruppen und eine stupende Klangqualität. Maria Agresta haut in ihrer großen Arie mit ihren 2 hohen Cs auf den Putz, als ob sie Aida wäre. Womit der Schlussfolgerung des Autors im Booklet, wonach das Werk „nicht nur stilistisch, sondern auch institutionengeschichtlich zwischen Kirche, Oper und Konzertsaal steht“, sich als selbsterfüllende Prophezeiung erweist.

Die Aufnahmetechnik ist, wie bei harmonia mundi üblich, vom Feinsten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

Diese Seite drucken