Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: Rossini «Mit List zum Ziele» («L’equivoco stravagante“. Archiv-Aufnahme von 1973 aus dem Radio-Studio Bern (2-CD RELIEF)   

30.11.2022 | cd

CD-Besprechung: Rossini «Mit List zum Ziele» («L’equivoco stravagante“)  

Archiv-Aufnahme von 1973 aus dem Radio-Studio Bern (2-CD RELIEF)   

ror

Einmal mehr hat die umtriebige Nischenfirma RELIEF aus St. Gallen im Archiv des Schweizer Rundfunks SRG eine Rarität, diesmal eine des 19-jährigen Rossini ausgegraben. Und es hat sich gelohnt! Denn wir hören hier – allerdings in deutscher Übersetzung – eine hervorragend gesungene und musizierte Opera Buffa des jungen Rossini. Diese zweiaktige Oper kam 1811 in Neapel zur Uraufführung, war vermutlich wegen des als Kastrat verkleideten Soprans ein Skandal (gemeint als Parodie wohl ein Hieb gegen die Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Mode kommenden Kastraten) und verschwand nach drei Aufführungen in der Versenkung. Erst 1965 erfuhr dieses entzückende Werk unter dem später renommierten Rossini-Forscher Alberto Zedda in Siena seine Wiederentdeckung. Es war sicher eine Tat, dass Walter Oberer, seinerzeit Direktor und Regisseur am Berner Stadttheater, diese Buffa in einer eigens von Bruno Vondenhoff erarbeiteten deutschen Fassung in Szene setzte und sie fünfzehn Mal in Folge unter grossem Erfolg aufführen konnte. Sogar Gastspiele in Luzern und Fürth bei Nürnberg schlossen sich an. Die Buffa wurde dann im Radio-Bern unter Studio-Bedingungen aufgenommen. Es spricht für die hervorragende Ensembleleistung des Berner Stadttheaters, dass die Aufnahme in sage und schreibe nur zwei (!) Aufnahmesitzungen eingespielt werden konnte.

Diesen einzigartigen Ensemblegeist hört man in dieser fünfzigjährigen Aufnahme, die so gar nichts „Historisches“ an sich hat. Sie ist von RELIEF in einem mustergültigen Remastering aufgefrischt worden. Ein hübsches Booklet mit dem Libretto in deutscher Sprache liegt bei, ebenso darin enthalten Fotos und die Biographien der Mitwirkenden. Der vielseitige Dirigent Ewald Körner, ein wahrer Kapellmeister in des Wortes bestem Sinn, dirigiert den Herren-Chor (Einstudierung: Anton Knüsel) und das Orchester des Stadttheaters Bern mit leichtfüssiger Klanggebung, spritzigem Rhythmus und pointierter Akzentuierung. Kristina Laki ist als koloraturgewandte Elvira das „begehrte Objekt der Begierde“, William Pirie mit lyrischem Tenor ihr schwärmerischer Liebhaber Ermanno. Sie sind das Liebespaar, das mit List seine Hochzeit vom dünkelhaften Vater Gamberotto erschleicht. Dieser ist mit dem wohlklingenden Bariton von Morris Morgan fast zu sympathisch besetzt, während der dümmliche Geck Buralicchio von Richard Bedel auf köstlichste Weise verkörpert wird; er war der seinerzeitige Berner Publikumsliebling für die komischen Rollen! Das Dienerpaar ist mit Gunter Elmer (Frontino) und Elvira Lorenzi (Rosalka) adäquat und charmant besetzt.

Als Bonus sind noch Rossini-Arien mit Agnes Baltsa, Montserrat Caballé, Fernando Corena, José Carreras und vor allem Wilhelm Tisch aus Studio- oder Live-Aufnahmen des Schweizer Radios beigegeben. Besonders zu erwähnen ist Wilhelm Tisch, Emigrant aus Nazi-Deutschland, ein hervorragender Bass mit samtenem Timbre, von dem es kaum Aufnahmen gibt.

John H. Müller

 

Diese Seite drucken