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CD RONDOS FOR ADRIANA – ADRIANA GONZÁLEZ und das Ensemble Diderot mit Arien von Mozart, i Soler, Tarchi, Bertoni, Giordani, Anfossi und Weigl; Audax Records

Auf den Spuren von Adriana Ferrarese

02.02.2026 | cd

CD RONDOS FOR ADRIANA – ADRIANA GONZÁLEZ und das Ensemble Diderot mit Arien von Mozart, i Soler, Tarchi, Bertoni, Giordani, Anfossi und Weigl; Audax Records

Auf den Spuren von Adriana Ferrarese

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„Es erschien uns folgerichtig, Variationen zu integrieren, die die besonderen Qualitäten unserer Adriana hervorheben. Es war eine monatelange Arbeit des Schreibens, Probierens, Anpassens und Interpretierens.“ Iñaki Encina Oyón

Mozarts erste Fiordiligi hieß Adriana Ferrarese del Bene. Die aus Friaul stammende, am venezianischen Ospedale dei Mendicanti ausgebildete Sopranistin verfügte Zeitzeugen zufolge über eine in der Höhe als auch Tiefe gleichfalls ansprechende, voluminös expandierende Stimme. Sie war Susanna in Mozarts „Le nozze di Figaro“ und trat am Wiener Burgtheater in Vicente Martín i Solers Oper „L’arbore di Diana“ auf. Mit Lorenzo da Ponte soll sie ein Pantscherl gehabt haben.

Ihre Gesangskarriere hielt von 1784 bis 1804. Die Sängerin reüssierte in Opera Seria und Buffa-Rollen. 1788 wurde sie als Prima buffa vertraglich an die Wiener Hofoper verpflichtet. Über ihre Bühnenpräsenz, ihren Stil und ihre darstellerischen Fähigkeiten sind unterschiedliche Auffassungen überliefert. Bei aller zwiespältigen Rezeption durch Zeitgenossen musste Ferrarese aber über die Fähigkeit verfügt haben, dem, was man cantar die sbalzo nennt (extreme Intervallsprünge von ganz oben nach ganz unten und vice versa), eine neue dramatische Qualität beschert und natürlich Koloraturen bravourös gemeistert zu haben. Zahlreiche Komponisten haben jedenfalls Rondos für sie geschrieben, in denen genau diese vokalen Eigenschaften effektvoll zur Geltung kommen konnten.

Im vorliegenden Album wandelt die guatemaltekische Sopranistin Adriana González nicht nur auf ihren persönlichen Erfolgspfaden der Figaro-Gräfin und der Fiordiligi. Sie stellt vielmehr gemeinsam mit dem auf historischen Instrumenten spielenden Ensemble Diderot, dem weltbesten Barockgeiger Johannes Pramsohler unter der musikalischen Leitung des baskischen Dirigenten Iñaki Encina Oyón ein glanzvolles Raritätenprogramm vor, das vor allem die Wiener Laufbahn der Vornamensvetterin Adriana Ferrarese mit speziellen Arien in Form des Rondos in due movimenti schlaglichtartig beleuchtet. Der Musikwissenschaftler Karl Böhmer, der maßgeblich an der Zusammenstellung des Programms mitwirkte, steuert im Booklet umfangreiche musikhistorische Details bei.

Der musikalische Reigen startet mit dem stilistisch sehr mozartischen Rondo der Diana ‚Teco porta, o mia speranza‘ aus dem buffo Singspiel „L’arbore di Diana“ von Vicent Martín i Soler. Der Erfolg der Ferrarese bei einem Diana-Auftritt im Oktober 1788 in Wien beruhte aber vor allem auf dem Rondo ‚Ah! Sol bramo, o mia speranza‘ des Titelhelden aus der Oper „l conte di Saldagna“ des jungen neapolitanischen Komponisten Angelo Tarchi, das Ferrarese aus Mailand importierte. Wie im damaligen Primadonnenopernzirkus üblich, durften begehrte Goldkehlchen Arien ihrer Wahl in Opern anderer Tonsetzer einlegen wie der Kuckuck sein Ei in fremde Nester, sie nach Belieben transponieren und sie sich so ganz auf ihre Bedürfnisse zurechtschneidern. Dem Rondo mit ‚Seufzern, langen Sostenuto-Linien und großen Sprüngen, Läufen, Trillern und improvisierten Kadenzen‘ geht wie den meisten Nummern des Albums ein Accompagnato-Rezitativ voraus.

Mozart ist auf dem Album mit dem Rondo der Susanna ‚Al desio di chi t’adora‘ aus „Le nozze di Figaro“, mit dem die Ferrarese nach ihrer Rollenvorgängerin Nancy Storace besonders reüssierte, dem berühmten ‚Dove sono i bei momenti‘ der Gräfin und dem virtuosen Rondo der Fiordiligi ‚Per pietà, ben mio, perdona‘ aus „Così fan tutte“ vertreten.

Um dem zweiten Star des Albums, dem italienischen Geiger Johannes Pramsohler, Gelegenheit zu geben, das Rondo-Repertoire der Zeit auch instrumental ein wenig zu repräsentieren, hören wir Mozarts „Rondo in C-Dur für Violine und Orchester“, KV 373 und das „Rondeaux in B-Dur für Violine und Orchester“, KV 269 mit reizvollen Kadenzen von Philippe Grisvard.

Das hier erstmals eingespielte Rondoncino ‚Mater cara, extremum vale‘ aus Ferdinando Gasparo Bertonis Oratorium „Balthassar“ weist auf die Anfänge der Ferrarese in Venedig zurück. Das Italien der schönst zu entdeckenden Rondos ist auf dem Album mit ‚Partiro dal caro bene‘ aus Giuseppe Giordanis Oper „Erfile“ und das mit Seufzern, exaltierten Ausbrüchen und Koloraturen gespickte ‚Se mi lasci, o mia speranza‘ aus Pasquale Anfossis „Sedecias“ vertreten. Einer Rarität der besonderen Art begegnen wir in Joseph Weigls flötendialogisierenden gebetsartigen ‚Giusti numi amor pietoso‘, das sich Ferrarese 1790 in Paisiellos „Nina ossia la pazza per amore“ -allerdings mit wenig Erfolg – einpasste.

Adrianna Gonzáles ist mir bei ihren ersten Alben für Audax Records (Lieder von Isaac Albéniz, Mélodies von Dussault und Covatti) mit ihrem fraulich üppigen, farbenreich timbrierten und technisch hochversierten Sopran sehr positiv aufgefallen. Auf dem neuen Album begeistert Gonzáles mit fein gesponnenen melodischen Linien, wunderbar gestalteten Ornamenten, gestochenen Koloraturen und – neu – mit dramatischer Attacke. Dabei erstehen im variantenreichen Ausdruck und emotional präzise abschattierten Gesang plastisch situativ passgenaue Figuren.

Zu Mozart-Opern hat die Sängerin ein persönlich besonderes Verhältnis, als Zerlina und Despina zu den ersten Opernerfahrungen im Atelier Lyrique der Pariser Oper gehörten. Im Internationalen Opernstudio in Zürich kam die Serpetta in „La finta giardiniera“ hinzu. Die Pamina und Figaro Gräfin (letztere auch bei den Salzburger Festspielen) folgten. Der Rest ist lebendige Operngeschichte der Gegenwart.

Fazit: Ein großartiges, penibel vorbereitetes wie detailreich gestaltetes Album mit Musik aus der Mozartzeit, künstlerisch wie aus einem Guss. Die Faszination des Albums erwächst aus der völligen vokalen wie instrumentalen Hingabe aller Beteiligten. Genießen Sie den wärmenden Zauber der Klänge in dunkel-kalten Zeiten doppelt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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