Alexander Rudin bürstet Robert Schumann gegen den Strich

Manche Menschen erben von ihren Eltern Silberbesteck oder ein Haus. Alexander Rudin erbte von seiner Mutter eine lebenslange, glühende Liebe zu Robert Schumann. Daraus ist kein verstaubtes Pflichtprogramm entstanden, sondern eine echte künstlerische Liebesaffäre. Auf seiner neuen Aufnahme mit dem Orchester Musica Viva beim Label Fuga Libera zeigt der russische Cellist und Dirigent, wie lebendig und unverbraucht Schumann klingen kann, wenn man ihn von der dicken romantischen Klangsauce des späten 19. Jahrhunderts befreit.
Im Zentrum steht ein faszinierender Fall musikalischer Archäologie: die Urfassung von Schumanns vierter Sinfonie in d-Moll op. 120. Chronologisch eigentlich seine zweite Sinfonie (1841), wurde sie vom Komponisten zehn Jahre später stark überarbeitet und verdichtet. Rudin und Musica Viva spielen die ursprüngliche, leichtere und transparentere Fassung. Das Ergebnis ist eine Befreiung. Der Kopfsatz lebt von echter Dialogfreude, die Romanze atmet intime Wärme, das Scherzo prescht herrlich ungestüm voran und das Finale gewinnt durch flottes Tempo und klare Kontraste eine ganz eigene Frische. Hier wird Schumann wieder leichtfüßig.
Auch das Cellokonzert in a-Moll op. 129 erklingt in schlanker, kammermusikalischer Besetzung. Rudin übernimmt hier gleich doppelte Verantwortung als Solist und Dirigent. Sein warmer, kantabler Ton und die aufmerksamen Antworten der Holzbläser schaffen schöne Momente großer Innigkeit. Lediglich in den extremen, zerrissenen Passagen hätte man sich stellenweise etwas mehr schroffe Kante und Abgründigkeit wünschen können. Rudin bleibt hier eher der noble, kontrollierte Gestalter.
Den eigentlichen Höhepunkt bildet die Fantasie in C-Dur op. 131. Ursprünglich für Joseph Joachim geschrieben, hat Rudin sie für sein Cello transkribiert. Die Entscheidung erweist sich als Volltreffer. Das dunklere, erdige Timbre des Cellos verleiht dem Werk eine neue, nachdenkliche Tiefe, während die hellen Streicher und Holzbläser von Musica Viva einen wunderbaren Kontrast bilden. Es entsteht der Eindruck eines großen, gleichberechtigten Gesprächs.
Musica Viva klingt auf dieser Aufnahme wie ein erstklassiges Ensemble aus lauter Solisten, die sich für Schumann zusammengetan haben. Die Transparenz tut der oft gescholtenen Instrumentation des Komponisten außerordentlich gut. Man hört jede Nuance, jedes harmonische Augenzwinkern und die verletzliche Schönheit eines Künstlers am Rande des Abgrunds.
Alexander Rudin liefert mit dieser Einspielung kein starres Denkmal, sondern ein lebendiges, atmendes Porträt Schumanns. Ein Album für alle, die den romantischen Meister lieber beim Denken und Fühlen erleben wollen statt im monumentalen Orchesterdonner.
Dirk Schauß, im Mai 2026
Robert Schumann
Sinfonie Nr. 4, Cellokonzert a-moll, Fantasie C-Dur
Musica Viva
Alexander Rudin, Cello und musikalische Leitung
Fuga Libera, FUG866D

