CD ROBERT SCHUMANN: Fantasie in C-Dur, Faschingsschwank aus Wien, Humoreske; harmonia mundi
NIKOLAI LUGANSKY mit strukturell klaren, viril kraftvollen Interpretationen

„Durch alle Töne tönet, Im bunten Erdentraum, Ein leiser Ton gezogen, Für den, der heimlich lauschet.“ Friedrich Schlegel
Der erste Gedanke zum neuen Schumann Albums Luganskys: So muskulös mit festem Anschlag klassischer Prägung ohne viel Pedal-Tamtam und unglaublicher technischer Vollendung, das ist typisch russische Schule. Lugansky, ausgebildet am Moskauer Konservatorium, war Schüler von Tatjana Petrowna Nikolajewa (für die Shostakovich seine 24 Präludien und Fugen op. 87 schrieb). 1994 gewann er den Tchaikovsky Wettbewerb.
Schumann ortet Lugansky näher an Beethoven als andere Interpreten, jedoch schon den Blick auf Berlioz und Brahms aus der Ferne anpeilend. All die zauberische Poesie, die Schumanns romantisches Universum inkl. widersprüchlichster Empfindungen erstehen lassen, scheinen der Realität ins Kolossale entwachsen bzw. sie weit in Gefilde der unendlichen Fantasterei zu transzendieren.
1838 vollendet, Franz Liszt gewidmet, greift Robert Schumann in der Fantasie in C-Dur, op. 17, Themen aus Beethovens „Die ferne Geliebte“ und der „Siebten Symphonie“ auf. Beim ersten vor rasender Leidenschaft nahezu berstenden Satz kann die autobiografische Note zum Verständnis des zerklüfteten Werks beitragen. Schumann, in seiner Liebe zu Clara von deren Vater Friedrich Wieck ausgebremst, dürfte um ihre Gefühle gebangt haben.
Nikolai Lugansky vermag es, das daraus erwachsende Gefühlsspektrum von schwebenden Erinnerungen, bis in erratischen Bildern gipfelnden Wahnvorstellungen in starken Farben bis zu extremer Wildheit auszuschöpfen. Im Anschlag bleibt Lugansky allerdings ohne allzu differenziertes Raffinement. Im zweiten Satz mit den vielgestaltig synkopierten und punktierten Rhythmen hingegen gelingt Lugansky eine Sternstunde kontrolliert pianistischer Bravour, stets durchglüht vom Spiel des Schumannschen Doppelnatur-Schelmenpaars Florestan und Eusebius. Tränen und Flammen, Schmerz und Freude kämpfen wie Sparringpartner um die Oberhand mit allen exzentrischen Mitteln, die dem Komponisten zur Verfügung gestanden haben mögen. Kaum ein anderer Komponist ist der Wahrhaftigkeit des Dualismus der seelischen Abgründe näher gekommen als Schumann.
Der Faschingsschwank aus Wien in B-Dur, Op. 26, sofort nach der auf dem Album ebenso zu hörenden Humoreske, op. 20, überwiegend 1839 während seines Aufenthaltes in Wien entstanden, ist ebenso von atmosphärischem Wetterleuchten, einer ungeheuerlichen sensitiven Empfindungsvolatilität geprägt. Allerdings stehen das komödiantisch wirbelnde Treiben, die Freude an der Maskerade, die karnevaleske Identitätssuche im Vordergrund der heftig wirbelnden Notenstürme. In fünf Episoden wechseln einander Rustikales, Melancholie, Heiterkeit, Träumereien und ein turbulenter Ausklang ab. Mit dem Zitat der „Marseillaise“ im Theaterdonnermodus brachte Schumann seine Auflehnung über die zensuraffine Donaumetropole symbolisch zum Ausdruck.
Nikolai Lugansky schlägt ähnlich wie Svjatoslav Richter ein recht flottes Tempo an. Er macht aus dem „Faschingsschwank“ tatsächlich ein „romantisches Schaustück“ par excellence, zündet pianistische Pyrotechnik, ohne geschmeidig sein zu wollen. Die „Humoreske“ in sieben Sätzen scheint Luganskys durchdachter Charakterzeichnung, seinem dynamisch kräftig modellierten Strich samt einem Quäntchen unaufgeregter Tastentigerei am ureigensten zu liegen.
Dr. Ingobert Waltenberger

