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CD: ROBERT SCHUMANN: COMPLETE WORKS FOR PIANO TRIO – Antje Weithaas, Marie-Elisabeth Hecker, Dénes Várjon; Deutsche Grammophon

30.10.2026 | cd

CD ROBERT SCHUMANN: COMPLETE WORKS FOR PIANO TRIO – Antje Weithaas, Marie-Elisabeth Hecker, Dénes Várjon; Deutsche Grammophon

Emotional aufrührerische Dreiecksgeschichten – vom Himmel zur Hölle und zurück in einer Zehntelsekunde!

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Robert Schumann war der Prototyp des romantischen Künstlers. Ein zerrissener Mann, der unruhig seinen seelischen Eskapaden ausgesetzt war wie ein fragiles Schiffchen auf hoher See. Das Auf und Ab seiner Dispositionen nutzte er freilich als kreativen Antrieb, wenngleich er unter dessen Folgen bis zu Suizidfantasien- und versuch litt. Der offenbar manisch-depressive Künstler stürzte ohne jegliches Netz von schaffender Euphorie in schwarz melancholische Löcher und wurde von der Vorstellung, wahnsinnig zu werden, verfolgt. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er in der Heilanstalt Bonn-Endenich.

Das erste als „Fantasiestücke“ veröffentlichte Klaviertrio sowie die drei solcherart titulierten gehören zu den visionärsten, bewegendsten kammermusikalischen Schöpfungen aus Schumanns Feder. Die Hörerschaft kann in vier Stationen neun Jahre von Schumanns Biografie miterleben. Von den 1842 geschriebenen „Fantasiestücken“ bis zum dritten Klaviertrio in g-Moll, op. 110 aus dem Jahr 1851.

Da ist zunächst das persönliche Glück einer traumhaft erfüllenden Beziehung zu Clara Schumann, das sich in Schumanns künstlerischen Ambitionen und bemerkenswert gut strukturierter Schaffenskraft widergespiegelt. Wie Elisabeth Richter anmerkt, bot die Musik Schumann für lange Zeit Halt und Erfüllung. Freilich schwankte und wankte seine Verfassung, was sich in einer „permanenten Unruhe in seiner Musik, einer komplexen Rhythmik, nagend sich wiederholenden Motiven, verschachtelten Strukturen äußert.“

Klar ist auch, dass Schumanns Werk nicht aus seinen Lebensumständen als eine Art Tagebuch allein erklär- und deutbar ist, sondern selbstreflexiv einer künstlerisch originären Selbstbestimmung entrungen war. Alltag, schöpferischer Akt bis zu explosiver Produktivität, psychische als auch gesundheitliche Befunde in die eine oder andere Richtung überlagern sich permanent und undurchdringlich.

Als Schumann die Fantasiestücke schrieb, war er gerade mal zwei Jahre verheiratet. Clara war ihm alles, Geliebte, Vertrauensmensch, Interpretin, Kompositions-Kollegin und nicht zuletzt daraus resultierend kritische Ratgeberin. Gern hätte ich beider musikalischen Gesprächen gelauscht. Vielleicht sind ja die vier Sätze – Romanze, Humoreske, Duett und Finale im Marschtempo – nicht zuletzt Ausdruck eines aus dem Liebesaufbruch erwachsenen kompositorisch individuellen Reifeprozesses.  

Die drei späten Klaviertrios schreiben musikalisch maskiert fort, was Schumann sein Leben lang bewegte und begleitete, wie die Stimmen von Eusebius und Florestan, Meister Raro und die Davidsbündler, Dichter wie E.T.A Hoffman oder Jean Paul. Der Pianist Dénes Várjon benennt diese intellektuellen Haltepunkte sowie das Treiben des Karnevals als essentiell für das Verständnis der mit Schwellzeichen und vielen dynamischen Vorgaben so eigenwilligen Notation. „In den Trios liegen die musikalischen Gedanken oft wie im Schatten. … In den späteren Werken, etwa im g-Moll Trio, begegnen uns plötzlich ungewöhnliche Harmonien, die bereits eine Tür zur Musik der Zukunft öffnen. Sie wirken wie eine überraschende Farbe oder ein fremdes Licht in einem Gemälde: Im Widerspruch zu ihrer Umgebung legen sie eine weitere Bedeutungsschicht der musikalischen Textur frei.“

Die Aufnahmen entstanden innerhalb von sieben intensiven Tagen im Deutschlandfunk Kammermusiksaal Köln. Man glaubt dem Trio und kann es auch nachvollziehen, dass Erleichterung, Glück und Überwältigung die Empfindungspole nach dem „Marathon“ bildeten. Denn die kunstvoll ineinander geschachtelten „Geschichten, Geheimnisse und Gefühle“ konkretisieren sich etwa im Kopfsatz des Ersten Trios in d-Moll als nervöse kinetische Impulse, engmaschige kontrapunktische Geflechte und harmonische Reibungen sondergleichen. Das zehrt.

Kostprobe 2. Satz, Lebhaft, doch nicht zu rasch, Link: https://www.youtube.com/watch?v=SJUQFY4IGIQ&list=RDSJUQFY4IGIQ&start_radio=1

Das zweite, 1849 revidierte Trio in F-Dur kann zwar als sehnsüchtiger Gegenpol zu den Unsicherheiten, mit denen das Leben der Schumanns nach dem frühen Tod ihres Sohnes Emil und der Revolution von 1848/49 konfrontiert waren, gesehen werden. Der thematische Verweis auf die Eichendorff Vertonung „Dein Bildnis wunderselig, hab‘ ich im Herzensgrund“, op. 39/2 grundiert am Ende die liedhaft, im dritten Satz ins Tänzerische schwingende Atmosphäre. Lyrische Innigkeit und Tempo, ein zartes Techtelmechtel von Geige und Cello und ein Fugato eigneten sich Weithaas, Hecker und Várjon in nachtwandelnder Vollendung an.

Den Höhepunkt des Albums bildet das dritte Klaviertrio in g-Moll, op. 110. Mir kommen beim Hören Assoziationen wie agogisches Wetterleuchten oder polarlichtpsychedelisches, abstrakt seelisches Piktogramm in den Sinn. Welch Abbild unserer Zeit! Falsche Ruhe vor dem Sturm, Surfen vor dem Anbranden auf Wellenbrechern, „infernoartige Dramatik“. Final mischt Schumann sein würziges Viergangmenü kräftig mit unheimlichem Humor auf.

Weithaas, Hecker und Várjon denken gar nicht daran, die Abgründe, launischen Widerhaken und theatralischen Klüfte nivellierend zu kitten. Sie gehen dabei nicht so kompromisslos hyperaktiv wie die historisch informiert aufspielenden Faust, Queyras und Melnikov vor, lassen aber den kultiviert klassischen Schönklang des Trio Wanderer bewusst hinter sich. Sie nehmen die Vortragszeichen so, wie sie sind und musizieren mit Sinn und Hintersinn, den sagenhaft fallstrickig ausgelegten Fährten Schumanns auf der Spur. Und ihnen hie und da auf den Leim gehend. Grosso modo gelingt der Tanz auf dem Vulkan bei den rastlosen Sätzen eins, drei und vier besser als im mit ‚ziemlich langsam‘ betitelten Intermezzo des zweiten Satzes.

Ein Sonderlob gebührt dem Produzenten, Toningenieur und für den Schnitt verantwortlichen Christoph Franke. Musikalisch durch und durch, begleitete er den Aufnahmeprozess nicht nur technisch hervorragend, sondern, wie den Worten der drei Beteiligten zu entnehmen ist, auch als Motivator und Tippgeber. Mit seiner Hilfe gelang es, die Interpreten in ihrer Intensität bis an ihre Grenzen zu führen. Da ist der singuläre Mehrwert der Einspielung zum Greifen nah.

Die Veröffentlichung darf auch als Hommage an die große Geigerin und Pädagogin Antje Weithaas verstanden werden, die am 21. November ihren 60. Geburtstag feiern wird.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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