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CD: RIO. Gaëlle Solal, Gitarre, Orchestre Royal de Chambre de Wallonie, Roberto Beltrán-Zavala, musikalische Leitun Fuga, FUG 863

02.04.2026 | cd

Gaëlle Solal und der einbeinige Kobold – Eine Reise durch Rio

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Wer Gaëlle Solal einmal auf der Bühne erlebt hat, weiß: Diese Frau bewohnt ihr Instrument. Die französische Gitarristin begnügt sich nicht damit, Noten abzuspielen – sie sucht die Reibung, den Schweiß und die Melancholie der Orte, aus denen die Musik kommt. Ihr neues Album RIO bei Fuga Libera ist das Ergebnis einer langen, hingebungsvollen Freundschaft mit der brasilianischen Seele. Zusammen mit dem Orchestre Royal de Chambre de Wallonie unter Roberto Beltrán-Zavala entfaltet sie ein Panorama vom Choro bis in die Gegenwart – mit jener mühelosen Eleganz, die man in den Gassen von Rio atmet.

Den Auftakt macht das monumentale Gitarrenkonzert von Heitor Villa-Lobos. Schon die ersten Takte sind ein Paukenschlag: ruppige Streicherakkorde fordern Aufmerksamkeit, dann stürmt die Gitarre mit unbändigem Vorwärtsdrang los. Solal hält mit Klarheit dagegen, die nie grell wird. Im zweiten Satz zeigt sie ihr feines Gespür für Atmosphäre: Über den repetitiven Strukturen des Orchesters lässt sie die Gitarre frei phrasieren, als erzähle sie eine Geschichte, die gerade erst im Moment entsteht. Wenn im Schlusssatz die dunklen Holzbläser die Szene übernehmen, antwortet sie mit einer Sehnsucht, die das Herz schwer werden lässt – ohne je ins Kitschige abzurutschen. Ein faszinierendes Spiel mit Licht und Schatten.

Ganz anders wirkt die Suite von Chiquinha Gonzaga. Zu hören sind hohe Streicher und weiche Holzbläserfarben, die die Gitarre sanft, aber bestimmt grundieren. Es ist ein Fest der Rhythmen, ein cooler, wiegender Tanz, der einen sofort aus dem Alltag reißt. In der Saudade erreicht die Wehmut ihren Höhepunkt – getragen von einem Oboensolo von schlichter Erhabenheit. Doch Solal bleibt nicht lange in der Melancholie: Im abschließenden Gaucho explodiert sie mit einem bezwingenden Elan, bei dem man förmlich die Sonne auf der Haut und den Staub der Straßen spürt. Ein Farbenrausch zum Mitwippen.

Den programmatischen Kern bildet jedoch Clarice Assads Concerto O Saci-Pererê. Hier wird der einbeinige, pfeiferauchende Kobold der brasilianischen Folklore lebendig. Die Klangkulisse erinnert an großes Kino: murmelnde Stimmen im Hintergrund, weit gespannte Akkorde, die Erwartung wecken. Der zweite Satz tastet sich an der Grenze der Hörbarkeit entlang, mysteriös und spannungsvoll, bevor das Finale zur wahren Tour de Force wird. Solal schlägt sich mit technischer Brillanz und einer frechen Spielfreude durch das Notendickicht – eine souveräne Demonstration, was die Gitarre heute als Stimme eines modernen, traumhaften Brasiliens leisten kann.

Den Schlusspunkt setzt Ernesto Nazareths Brejeiro – ein augenzwinkerndes Resümee. Nach all den orchestralen Stürmen und mystischen Wanderungen kehrt Solal zu einer spielerischen Leichtigkeit zurück, die dieses Album so besonders macht. Ein Abschied mit einem Lächeln: Musik bleibt trotz aller Tiefe immer auch ein Spiel.

Das Orchestre Royal de Chambre de Wallonie ist unter Beltrán-Zavala kein bloßer Begleiter, sondern ein echter Dialogpartner. Und Gaëlle Solal? Sie hat den Rhythmus der Cariocas verinnerlicht und gibt ihn zurück – frisch, modern und magisch. RIO ist weit mehr als eine Sammlung brasilianischer Werke. Es ist eine Liebeserklärung an eine Kultur, die sich ständig wandelt und genau deshalb nie aufhört zu faszinieren.

Dirk Schauß, im März 2026

RIO

Gaëlle Solal, Gitarre

Orchestre Royal de Chambre de Wallonie

Roberto Beltrán-Zavala, musikalische Leitun

Fuga, FUG 863

 

 

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