CD RICHARD WAGNER PARSIFAL – Erstveröffentlichung des Rundfunkmitschnitts aus Bayreuth vom 16.8.1955; Profil Hänssler
Ramon Vinay, Martha Mödl, und Fischer-Dieskau: Gloriose Besetzung für Wagners mystisches Bühnenweihfestspiel

Die Diskographie der Live Aufnahmen aus dem Bayreuth der Fünfziger Jahre ist mit dieser Publikation um ein wesentliches Juwel reicher. Dank Helmut Vetters und des Verlags Profil Hänssler unermüdlichem Einsatz um das akustische Erbe von Martha Mödl ist jetzt auch der von der Familie Wagner legitimierte Mitschnitt des Bayerischen Rundfunks von Wagners Parsifal aus 1955 allgemein zugänglich. Bisher gab es lediglich den zweiten Akt gekoppelt mit dem dritten Akt aus „Siegfried“ vom 12. August 1955 in einem Martha Mödl gewidmeten Doppelalbum.
Die Veröffentlichung schließt nicht nur die einzige offene Lücke in Hans Knapperstbusch‘ legendären Bayreuther Parsifal-Dirigaten, sondern markiert auch das sensationelle Bayreuth Debüt des 30 Jahre jungen Dietrich Fischer-Dieskau in der Rolle des Amfortas. Fischer-Dieskau hat in Bayreuth nur noch im Folgejahr den Amfortas gesungen und dort letztmals 1961 im „Tannhäuser“ die Rolle des Wolfram von Eschenbach übernommen. Kaum jemand hat den (seelisch) unheilbar verletzten Gralschef königlicher und zugleich schmerzlich düsterer interpretiert als er. Der Monolog „Nein, lasst ihn unenthüllt“ im ersten Akt ist ein im Eigenblut schürfendes Flehen um Erlösung, ein Ringen um die Gnade des Todes. Fischer-Dieskau füllt diesen Reigen um ewige Schuld, ja „Sündensucht“ ohne Aussicht auf ein Ende mit erschütternd expressiver Dringlichkeit. Der Hörer stolpert sprichwörtlich von einer Gänsehaut in die andere. Die ´“Erbarmen-Rufe“ habe ich nur noch von Eberhard Wächter in Wien ähnlich emotional abgründig gehört.
Hermann Uhde gab damals als Titurel den Befehl „Enthüllet den Gral“. Was für eine nahezu unvorstellbare Luxusbesetzung Uhde – der 1952 im Parsifal noch einen furchterregend dämonischen Klingsor sang – als Titurel ist, kann nur ermessen, wer weiß, dass der deutsche Heldenbariton im selben Jahr in Bayreuth die Titelrolle im „Fliegenden Holländer“ mit Varnay und Windgassen sang, und alsbald als Wanderer im „Siegfried“ reüssierte.
Der reine Tor, „durch Mitleid wissend“, der Amfortas erlösen wird, war mit dem Chilenen Ramon Vinay besetzt. In dieser Rolle hat sich Vinay, der mit Martha Mödl 1952 am Grünen Hügel die musikalisch hitzesiedende „Tristan und Isolde“ Premiere unter Herbert von Karajan bestritt, bereits 1953 unter Clemens Krauss dem Bayreuther Publikum präsentiert. Sein baritonal klingender Heldentenor alter Schule hielt für die Rolle des in einem fürchterlichen Zwiespalt zerrissenen Parsifal mit krisenhaft erkämpfter erlöserischer Vorsehung südländische Leidenschaft und schicksalshaft explosive Ausbrüche bereit („Amfortas! – Die Wunde! – Die Wunde!). Vinay harmoniert als vulkanisches Naturereignis bestens mit der Kundry der ebenso in ihrer absoluten Rollenidentifikation eruptiven Martha Mödl.
Die Kundry war wohl die große Signature-Rolle der Mödl in Bayreuth. Sie eröffnete damit 1951 die Bayreuther Nachkriegsfestspiele und war Wieland Wagners Kundry noch 1952 bis 1957 und 1959. Von all diesen Aufführungen sind Tondokumente erhalten, dazu gibt es Tonträger von Live-Mitschnitten von Mödls Kundry aus Köln 1949, Paris 1954 und aus Rom 1956. Ich habe sie alle und will keine missen, so gut dokumentieren diese Aufnahmen die Entwicklung der Möglichkeiten ihrer vom Timbre und Unbedingtheitsanspruch her so einzigartigen, alle (Fach)Grenzen sprengende Stimme.
Eine Besonderheit ihrer Gestaltung lag darin, dass die Mödl für alle Facetten dieser schillernd mythischen, zwischen den Jahrhunderten umherirrenden Figur (nach dem fatalen Lacher über den Erlöser am Kreuz „Da traf mich sein Blick“), Schuld und Sühne, Verführung und Dienerschaft verschiedene Zugänge findet. Für die Kundry im ersten Akt hat Mödl erdig muffige Töne wie aus einer anderen, jenseitigen Welt parat. Den Tod von Parsifals Mutter kommentiert sie kalt, knapp, holzschnittartig. Das Duett mit Klingsor im zweiten Akt bestürzt durch seine fatalistische Dämonie („schwach auch er“). Wie ein verletztes, todeswütiges Tier wehrt sich diese Kundry gegen den Auftrag, Parsifal verführen zu müssen. Dafür ist ihr in allen Farben schillernder Sopran ab „Parsifal weile“ ganz auf zauberische Verführung gepolt, die „Herzleide Erzählung“ erzeugt einen hypnotischen Sog hin zur berühmten Kussszene. Neben der kontraaltgetönten Tiefe und Mittellage verfügte die Mödl über eine hochdramatisch robuste Sopranhöhe. Nach Parsifals „Vergeh unseliges Weib!“ versucht sich Kundry, in wüsteste Verwünschungen zu retten. Bei Mödl legen die Parsifal hingeschleuderten „Irre, Irre“ Schreie Assoziationen zu einem markerschütternden Wahnsinn nahe.
Gustav Neidlinger, Alberich vom Dienst, will als Klingsor das gesamte Rittergezücht sich selber erwürgt sehen. Sein herber Charakterbariton hat das passende Timbre für solche Bösewichte, den Klingsor stattet er zudem mit einem nicht zu knappen Schuss zynischen Sadismus aus.
Ludwig Weber, der 1951 wie Martha Mödl bei der Premiere von Wieland Wagners epochaler „Parsifal“ Inszenierung (sie lief von 1951 bis 1973 ununterbrochen) als Gurnemanz mit von der Partie war, ist mit seinem ruhig geführten, väterlich sorgenden Bass, seiner unbedingten Textverständlichkeit und natürlichen Autorität einer der vorzüglichsten aller Gurnemanz Interpreten.
Auch in kleineren Rollen ließ man sich in Bayreuth nicht lumpen. Der erste Gralsritter war mit Josef Traxel (der später Stolzing in den „Meistersingern von Nürnberg“ war) und der dritte Knappe mit Gerhard Stolze – nicht nur als Mime und Loge hat er Operngeschichte geschrieben – luxuriös besetzt.
Bleibt Hans Knappertsbusch, der wie stets bei hoher Binnenspannung einen pastosen Wagnersound und getragene Tempi bevorzugte. Zwar sind im Vergleich zu 1951 schon etwas flottere Zeitmaße zu konstatieren, grosso modo ist es ein weihevoller, großer pathetischer Ton, der „seinen Parsifal“ ausmacht. Dieses wuchtig-repräsentative al fresco statt feinteiliger Transparenz kann man mögen, muss es aber nicht.
Das Orchester der Bayreuther Festspiele hatte nicht den besten Tag, dennoch ist der Gesamteindruck insgesamt dank der Live-Atmosphäre, der die Stimmen betonten guten Aufnahmetechnik und der grandiosen, dem emotionalen Augenblick ergebenen, immersiven Sängerleistungen vor allem von Mödl, Vinay, Fischer-Dieskau und Uhde überwältigend.
Dr. Ingobert Waltenberger

