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CD RICHARD WAGNER: DIE WALKÜRE – Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, SIMON RATTLE, live Mitschnitt aus dem Herkulessaal der Residenz München Jänner/Februar 2019;

11.03.2020 | cd

CD RICHARD WAGNER: DIE WALKÜRE – Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, SIMON RATTLE, live Mitschnitt aus dem Herkulessaal der Residenz München Jänner/Februar 2019; BR Klassik

Veröffentlichung: 3.4.2020

Da ist offenbar ein neuer Ring am Werden. Nach einem gelungenen „Rheingold“ vor drei Jahren setzt Simon Rattle mit dem Bayerischen Luxusklangkörper die Erkundung der Nibelungen-Tetralogie mit der „Walküre“ fort. Was das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks anlangt, so ist es nicht der erste Ring. Bernard Haitink hat bereits in den Jahren 1987-1991 eine digitale Einspielung u.a. mit Eva Marton, Kiri te Kanawa, Cheryl Studer, Siegfried Jerusalem, Thomas Hampson, Theo Adam, Reiner Goldberg und James Morris vorgelegt (Warner). Das nun klanglich noch weitaus opulentere und leuchtkräftigere Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (der fulminanten Aufnahmetechnik sei Dank) steht auch jetzt im Zentrum des Interesses der neuen Walküre.

Sir Simon Rattle hat ein sehr gutes Gespür für Wagner, was er bereits vielfach unter Beweis gestellt hat. Aber erst  mit dieser grandiosen Interpretation scheint Rattle im Wagner Olymp angekommen zu sein. Er zelebriert in breiten Tempi kammermusikalische Transparenz und klangliche Sinnenlust und überrumpelt im dritten Akt mit einer atemberaubenden Monumentalität, die selbst eingefleischte Knappertsbusch Fans begeistern dürfte. Rattles Lesart der „Walküre“ ist lyrisch romantisch grundiert mit liebevoller Detailarbeit der intimen Szenen, gross modo einer farblich fein gewebten Nachschöpfung der Musik. Wo es passt (Walkürenritt, Schluss dritter Akt), lässt Rattle das Orchester hochdramatisch aufschäumen und die Emotionen vulkanisch kochen. Die fabelhafte Aufnahmetechnik steuert das ihrige dazu bei, dass diese „Walküre“ zumindest orchestral zu einem herausragenden Ereignis wird. 

Lassen wir Rattle selbst in einer markanten Beschreibung seiner Sicht auf Wagners Ringmusik zu Wort kommen: „Diese Musik ist kein blasses Aquarell. Es ist ein großes Bild, und es ist eher ein Holzschnitt. Ein Holzschnitt in den dunklen Farben von Rembrandt. Die Konsonanten sind dabei das, was das Bild ausmacht: wie die Linien im Holzschnitt. Das heißt aber nicht, dass die gesangliche Schönheit darunter leiden darf. Wagner braucht blühende, gesunde Stimmen.“ 

Das ist ein Stichwort: Wie schon beim Haitink-Ring offenbaren sich angesichts der kompromisslos wie ein Brennglas wirkenden Mikros die stimmlichen Stärken und Schwächen der Protagonisten, sohin Glanz und Müdigkeit des heutigen Wagner-Gesangs. Erstklassig schlägt sich das Wälsungenpaar Eva Maria Westbroek und Stuart Skelton. Westbroeks jetzt schon im Spätsommer stehende Sieglinde hat seit ihrem spektakulären MET-Debüt anlässlich der Walküren-Premiere am 22. April 2011 an satten Klangfarben, intensiver Rollenidentifikation und jugendlich dramatischer Entäußerung zulegen können. Trotz mancher nur gerade noch erreichten Höhen im dritten Aktes ereignishaft.

Ihr zur Seite begeistert Stuart Skelton mit silbrig leuchtendem Tenor, wunderbar belkantesken Phrasierungen und jugendlich heldischen Höhen. In Ansätzen erinnert mich Skelton hier an meinen Lieblings-Siegmund James King.

Eric Halfvarson hingegen ist der schlechteste Hunding, den ich je gehört habe. Er wobbelt sich sprechsingend durch die Partie, schleppt und vermag im Kampf mit Stimmtechnik und schwerfälligem Material keinen musikalischen Charakter zu formen.

Zwiespältig geht es weiter: Iréne Theorin als Brünnhilde verpatzt mit Riesenvibrato und angeschliffenden Akuti die Hojotohos. Dem Tempo des Dirigenten läuft sie davon, um irgendwie über die Runden zu kommen. Eine Hochdramatische sollte in erster Linie einmal eine ganz ruhig geführte üppige Mittellage haben, auf der metallisch grundierte Höhen wie Säulen hervorblitzen sollten. Damit kann Iréne Theorin trotz großer vokaler Geste und konnte auch Eva Marton im Haitink Ring nicht aufwarten. Der Fairness halber muss aber gesagt werden, dass Theorin einen insgesamt guten dritten Akt singt, mit der Einschränkung, dass kaum ein Wort zu verstehen ist.  

James Rutherford, der als Wotan für den erkrankten Michael Volle eingesprungen ist, besitzt trotz eines müden Starts alle Eigenschaften, die ein Heldenbariton für ein eindrückliches Porträt des Göttervaters braucht: stimmliche Autorität, eine dunkel sonor-bassige Tiefe für den Monolog, eine perfekte Diktion, und heldischen Glanz für den  berührenden Abschied von Brünnhilde im dritten Akt. Rutherford verfügt über ein überaus edles Timbre. Seine gestalterische Kraft, die sehnig muskulöse Tongebung und die hohe Textdeutlichkeit tragen dazu bei, dass wir es hier mit einem glaubhaften und beeindruckenden  Wotan zu tun haben

Elisabeth Kulman ist wie schon im Rheingold eine jugendlich klingende Idealbesetzung für die Fricka. Kulman gibt keine frustrierte Matrone und verzichtet auf keifendes Karikieren der betrogenen Göttin und Gattin Wotans. Sie stellt eine selbstbewusste, intelligente Frau dar, die ihren Mann kennt, weiß was sie will und das auch zielstrebig durchsetzt.

Die acht Walküren hinterlassen leider keinen geschlossen guten Eindruck. Vor allem die Gerhilde der Alwyn Mellor und die Helmwige der Katherine Broderick wirken angestrengt. Anna Gabler (Ortlinde), Jennifer Johnson (Walzraute), Claudia Huckel (Schwertleite), Eva Vogel (Siegrune), Anna Lapkovskaja (Grimgerde) und Simone Schröder (Rossweiße) sorgen lautstark für einen naturgewaltigen Auftritt. 

Fazit: Wegen der herausragenden Qualität des Orchesters (die Bayern dürften an diesen Wagner-Abenden, was die Opulenz und Pracht des Klangs anlangt, wohl auch unter den deutschen Spitzenorchester konkurrenzlos gewesen sein), Rattles musikantische und dennoch vibrierend wuchtige Deutung, einer überwiegend hochkarätigen Besetzung und einer audiophilen Tontechnik sehr hörenswert!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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