Texas zeigt den Göttern den Hammer

Wer hätte gedacht, dass das aktuelle Walhall im Morton H. Meyerson Symphony Center von Dallas liegt? Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ ist ein Monstrum, ein musikalischer Gebirgszug, an dem schon viele Expeditionen kläglich gescheitert sind. Doch pünktlich zum 125. Jubiläum des Dallas Symphony Orchestra und 150 Jahre nach der Grundsteinlegung in Bayreuth beweist Fabio Luisi mit seinem Ensemble, dass texanisches Selbstbewusstsein und deutsche Mythologie eine explosive Ehe eingehen können. Das Label Delos liefert ein 13-CD-Box-Set, das nicht nur physisch ins Regal drückt, sondern klanglich Maßstäbe setzt. Es ist das Dokument einer Verwandlung.
Muss die Welt wirklich noch eine weitere Ring-Einspielung haben? Nach dem Genuss dieser Live-Aufnahmen von 2024 lautet die Antwort schlicht: Ja, genau diese! In einer Zeit, in der Regisseure Siegfried gerne im Elvis-Kostüm auf der Toilette urinieren lassen, um Nothung zu kühlen, wirkt die konzertante Disziplin aus Dallas wie eine Frischzellenkur. Hier lenkt kein szenischer Unfug von der Partitur ab. Man hört endlich wieder, was Wagner eigentlich wollte: Musik, die das Unsichtbare hörbar macht.
Fabio Luisi hat bei seinem Ring-Debüt an der Met noch nicht gänzlich überzeugt. In Dallas zeigt er eine Souveränität, die verblüfft. Er dirigiert keinen schweren teutonischen Bleipanzer, sondern einen beweglichen, farbenfrohen und rhythmisch messerscharfen Organismus. Besonders das „Rheingold“ profitiert von dieser Schlankheit. Wenn die Es-Dur-Wellen des Vorspiels aus dem Nichts auftauchen, entfaltet sich ein Panorama, das der mehrfach Grammy-ausgezeichnete Produzent Dirk Sobotka mit außergewöhnlicher Präzision und Transparenz eingefangen hat. Das Blech leuchtet edel, die Streicher strahlen, das Schlagzeug agiert mit der Präzision Schweizer Uhrwerke, dazu auffallend farbig.
Die Besetzung ist ein Glücksfall – und eine echte Seltenheit, gerade heute. Statt der üblichen Rotation der immer gleichen Namen setzt Luisi auf eine ausgewogene Mischung, bei der auch verdiente Altgediente ihren Platz haben. Das Ergebnis ist eine bemerkenswerte Kontinuität und Homogenität ohne jeden Ausfall.
Lise Lindstrom gibt eine Brünnhilde von jugendlicher Strahlkraft statt vibratoschwerer Wucht. Sie meistert die mörderische Partie geradezu sportlich mit leuchtender Kraft und schneidet durch das Orchester wie frisch geschmiedeter Stahl. Einzig bleibt bei ihr – wie bei vielen heutigen Brünnhilden – die textliche und charakterliche Durchdringung etwas auf der Strecke. Ein etwas breites Vibrato und eine eher musikalisch als deklamatorisch orientierte Gestaltung teilt sie mit zahlreichen Vorgängerinnen. Wirklich durchdringende Textgestaltung ist bei dieser Rolle seit jeher eine große Ausnahme; am ehesten gelang sie in den 1990ziger Jahren Eva Marton in ihrem CD-Zyklus unter Bernard Haitink.
An ihrer Seite steht Daniel Johansson als stimmlich lockerer, souveräner Siegfried. Der schwedische Tenor klingt erfrischend wie ein ungestümer Naturbursche, auch wenn ihm die tiefe Rollenerfahrung noch anzumerken ist und das Charakterbild daher etwas blass bleibt – was bei diesem unbekümmerten Jüngling allerdings nicht unbedingt stört.
Besonders berührend und beeindruckend sind die Veteranen. Mark Delavan verleiht dem Wotan mit 66 Jahren eine Aura wie poliertes Ebenholz. Er besitzt etwas, das den meisten heutigen Wotan-Darstellern abgeht: echtes vokales Charisma. Seine Stimme klingt wohltuend anders, immer voller Autorität und mit einer natürlichen Würde, die keinen Moment künstlich wirkt. Seine Textverständlichkeit ist so makellos, dass man das Libretto getrost im Schuber lassen kann. Ebenso stark ist Christopher Ventris als Siegmund. Mit 64 Jahren singt er mit heldischer Frische und ist noch fähig, lange, geschmeidige Legatobögen zu formen – eine Fähigkeit, die manchen deutlich jüngeren Tenören heute schon fehlt. Fundierte Technik bleibt die beste Versicherung gegen den Zahn der Zeit.
Die übrigen Partien sind mit erfreulicher Homogenität und Konsistenz besetzt. Deniz Uzun überzeugt als dominante, charakterstarke Fricka und später auch als Waltraute, Stefan Margita bringt als listiger Loge seine große Erfahrung ein, Sara Jakubiak eine warm-sinnliche Sieglinde. Roman Trekel gestaltet einen passend schwachen, dabei vielschichtigen Gunther, Kathryn Henry eine berührende Gutrune, die besonders in den letzten Szenen der „Götterdämmerung“ stark auftrumpft. Zusammen mit dem starken Nibelungen-Clan um Tómas Tómasson mit Wotan-Stimme (Alberich), Michael Laurenz (Mime) und Stephen Milling als finsterer Hunding und vor allem als furchterregendem Hagen sowie dem Dallas Symphony Chorus, der die Mannenrufe mit urgewaltiger Kraft schmettert, entsteht ein geschlossenes Ensemble, wie man es bei solchen Mammutprojekten nur selten hört. Besonders die Charakterpartien profitieren von einer lebendigen, deklamatorischen Gestaltung.
Das Dallas Symphony Orchestra spielt unter Fabio Luisi mit einer Begeisterung, die in jedem Takt spürbar ist. Für viele Musiker war es die erste Begegnung mit dem kompletten Ring, und dieser Geist der Neugier überträgt sich unmittelbar auf den Hörer. Die Harfen flirren, die Wagner-Tuben knurren sanft wie große Katzen, das tiefe Blech drückt kraftvoll, ohne die Sänger je zu erdrücken. Das Orchesterspiel vermittelt große Freude und Passion.
Am Ende der 15 Stunden bleibt genau das Gefühl, das Luisi selbst beschreibt: Man ist verwandelt. Dieser Ring ist kein museales Relikt, sondern ein pulsierendes Kunstwerk, das Machtgier, Verrat und moralischen Verfall mit unverminderter Wucht in die Gegenwart schleudert. Delos hat ein Monument geschaffen, das zeigt: Wagner wirkt im 21. Jahrhundert am stärksten dort, wo man ihn ernst nimmt statt ihn zu dekonstruieren. Wer die Augen schließt, sieht in Texas das Rheingold glänzen – ganz ohne Videoinstallationen und Toilettenbecken.
Ein besonderes Dokument der amerikanischen Orchestergeschichte und ein absolutes Muss für jeden, der Wagner pur und in feiner Qualität erleben will.
Dirk Schauß, im Mai 2026
Richard Wagner
Der Ring des Nibelungen
Dallas Symphony Orchestra
Fabio Luisi, musikalische Leitung
Delos, DE3624

