Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD: Richard Strauss Vier Lieder, Op. 27 Eine Alpensinfonie Louise Adler, Sopran Finnish Radio Symphony Orchestra Nicholas Collon, musikalische Leitung Ondine, ODE14792

08.11.2025 | cd

Collon entfacht Alpenglühen – Alder lässt Lieder erkalten

lkm

Die frische CD von Ondine quillt in sattem, transparentem Klang aus den Lautsprechern – eine herrliche Räumlichkeit. Das Finnish Radio Symphony Orchestra unter Nicholas Collon serviert Richard Strauss in zwei Gangarten: vier orchestrale Lieder mit Louise Alder und die monumentale Eine Alpensinfonie. 64 Minuten Musik, die sich wie eine Bergtour anfühlen – nur dass die Sängerin auf halber Höhe die Wanderschuhe vergisst, während der Dirigent bereits auf dem Gipfel die Fahne schwenkt.

Die Lieder, Op. 27 in der orchestralen Fassung, sind vier Miniaturen, die Strauss 1894 seiner frisch Angetrauten Pauline als Hochzeitsgeschenk überreichte – romantisch bis zur Schmerzgrenze. „Ruhe, meine Seele!“ legt Collon mit schweren, wagnerianischen Streicherklängen an, als wollte er die Seele in Samt wickeln. Louise Alder singt sauber, die Diktion mustergültig, jedes „r“ rollt, jedes „ch“ zischt. Die Noten erklingen, die Not jedoch fehlt. Die Seele bleibt ruhig – leider auch die Sängerin. Emotional unbeteiligt wirkt der Vortrag wie ein verlesener Wetterbericht. Kein Zittern in der Stimme bei „nicht zagen, nicht klagen“, kein Nachhall des Schmerzes, den der Text andeutet. Die Phrasierung ist korrekt, aber steril – als hätte Strauss hier nicht ein Liebesgedicht vertont, sondern eine Gebrauchsanweisung.

„Cäcilie“ sollte ein Liebesfeuerwerk sein. Collon zündet es: Die Streicher schwelgen in breiten Bögen, die Bläser schmachten, der Strauss’sche Schwärmerton sitzt maßgeschneidert. Die Harfe glitzert wie Champagnerbläschen, die Flöten flattern wie Schmetterlinge. Alder singt ordentlich, aber ohne Emphase. Der Text – „Wenn du es wüsstest, was Leben heißt“ – klingt phonetisch gelernt. Kein Herzklopfen, kein Erröten. Der Satz wirkt wie ein Konzertvortrag, nicht wie ein Heiratsantrag. Die hohen Töne sind präzise, aber ohne Glanz; die Dynamik bleibt flach, wo Strauss pp bis ff fordert. Das Orchester trägt die Leidenschaft, die Stimme liefert nur die Silben.

„Heimliche Aufforderung“ verspricht Flüstern und Verschwörung. Das Orchester flüstert tatsächlich – herrliche Zwischentöne, ein Cello, das sich anschleicht wie ein Liebhaber im Dunkeln, Pizzicati in den Streichern wie heimliche Schritte. Die Oboe lockt mit einem verführerischen Motiv, die Klarinette antwortet schelmisch. Alder bleibt bei kultivierter Eindimensionalität. Der Text wird austauschbar, als ließe sich „Komm bald zum Stelldichein“ durch „Komm bald zum Zahnarzt“ ersetzen. Die Steigerung zum „Erhebe dich, lass die Schwingen wehen“ fehlt an Schwung; der Höhepunkt verpufft statt zu explodieren. Collons Orchester baut Spannung auf, die Stimme löst sie nicht ein.

„Morgen!“ schließlich gilt als Klassiker unter den Strauss-Liedern, oft von Diven wie Jessye Norman zum Seufzen gebracht. Yoonshins Songs Solovioline webt ein silbernes Netz, das Orchester legt einen Teppich aus. Die Streicher spielen mit Seele, die Flöten hauchen wie Morgennebel. Alder singt tadellos – und bleibt Dekoration. Die Empfindungstiefe von „Und morgen wird die Sonne wieder scheinen“ bleibt auf dem Boden. Eine Sängerin mit Stimme im Griff erklingt, keine Seele, die in stiller Glückseligkeit schwelgt. Das Pianissimo am Ende ist technisch gelungen, aber ohne die magische Stille, die den Atem stocken lässt – der Text verliert seine meditative Leuchtkraft, wird zur bloßen Tonfolge.

Kurzes Fazit zu den Liedern: Collon und das Orchester überzeugen, Alder wirkt wie leider wie eine vokale Statistin. Liebhaber der Lieder greifen besser zu den großen Aufnahmen der Vergangenheit (Schwarzkopf,Norman,della Casa,Janowitz) – dort brennt die Luft, dort schmilzt die Seele.

Nach 13:31 Minuten folgt die Eine Alpensinfonie. 50:39 Minuten, in denen Collon beweist, warum er Chef des Finnischen Radio-Sinfonieorchesters ist und das Aurora Orchestra auswendig spielt. Hier spielt niemand auswendig, aber jeder aus vollem Herzen.

Strauss’ Opus 64 ist ein Monstrum: 22 durchkomponierte Abschnitte, über 120 Musiker, Orgel, Windmaschine, Donnerbleche, ein Fernorchester für die Jagd. Eine sinfonische Postkarte der Alpen, entstanden 1911–15, als Strauss seinen Skikeller eingeweiht hatte. Collon nimmt das Werk beim Wort – und beim Berg.

Der einleitende Cluster in den Tiefen der Streicher und Bläser erklingt herrlich langsam, ohne Hast. Die Nacht wird spürbar, aus der der Tag geboren wird – ein tiefer Orgelpunkt, Kontrabässe und Celli, als tasteten sie sich durch Finsternis. Der Aufstieg beginnt schleppend, schwerfällig – genau richtig. Die Blechbläser glühen, wenn die Sonne aufgeht; die Posaunen intonieren das Bergmotiv mit majestätischer Wucht, die Trompeten blitzen wie erste Strahlen. Die Jagd entfaltet ein Klangfeuerwerk, das Fernorchester bellt aus dem Off, die Hörner schreien wie Hirsche in der Brunft. Die Holzbläser malen Blumenwiesen in Pastell: Flöten und Oboen in verspielten Arabesken, Klarinetten wie zwitschernde Vögel. Beim Wasserfall rauscht es, als stünde man unter den Gischtfontänen – Harfen Glissandi, Streicher in tremolo, Becken wie Sprühnebel.

Collon proportioniert das Riesenwerk unter einen großen Bogen. Kein Abschnitt wirkt isoliert, alles fließt. Die Leitmotive – Berg, Sonne, Sturm – sind so klar artikuliert, dass sie mit dem Finger in der Luft nachzuzeichnen wären. Die Donnerbleche krachen mit metallischem Grollen, die Windmaschinen heulen, die Herdenglocken klingeln, ein akustisches Panorama. Dreidimensional,  Alpenglühen pur.

Besonders die Solisten verdienen Lorbeeren: Das Horn beschwört die Bergwelt herauf mit einem weiten, schwebenden Ton, der sich in der Höhe verliert; die Oboe klingt wie ein verlorener Wanderer, melancholisch und fern; die Trompete schlägt in den vielen gefährlichen Soli blitzartig ein, scharf wie ein Blitz. Das Schlagzeug glänzt und agiert nie lärmend, sondern differenziert. Collon steht wie ein Bergführer, der den Gratweg genau kennt, ohne in Hektik zu geraten. Die Balance ist fein, die Durchhörbarkeit vorbildlich. Selbst in den dichtesten Tutti – beim Gewitter, wo Orgel, Blech und Schlagzeug toben – bleibt jedes Detail hörbar.

Das Finnische Radio-Sinfonieorchester spielt mit einer erlesenen Klangkultur, frisch, aber nie schwülstig. Die Streicher haben eine seidige Homogenität, die Blechbläser eine goldene Wärme ohne Schärfe. Collon zeigt deutlich seine Vorstellungen: Die Tempi sind eher getragen – der Sonnenaufgang dehnt sich, der Abstieg atmet aus –, die Spannungsbögen größer, die Emotionen tiefer.

Diese CD ist ein Zwitter. Die Lieder sind ein nobler Fehlschuss – schön, aber seelenlos. Die Alpensinfonie erreicht Referenzklasse. Liebhaber von Strauss’ orchestralen Orgien greifen zu. Die Lieder können übersprungen werden, um direkt zur Sinfonie vorzuspulen. Ondines Klangtechniker verdienen einen Orden: Jedes Glöckchen, jedes Donnergrollen, jedes Seufzen der Streicher ist hörbar, selbst auf mittelprächtiger Anlage.

Nicholas Collon, Jahrgang 1983, Gründer des auswendig spielenden Aurora Orchestra, ehemaliges Klavierwunderkind, Schüler von Sir Mark Elder – er ist der Mann der Stunde. Diese Alpensinfonie ist nicht nur eine Bergbesteigung, sondern ein Gipfelsturm. Louise Alder könnte nächstes Mal mit weniger Funktionalität und mehr Herzblut punkten. Dann klappt es auch mit der Seele.

Dirk Schauß, im November 2025

Richard Strauss
Vier Lieder, Op. 27
Eine Alpensinfonie
Louise Adler, Sopran
Finnish Radio Symphony Orchestra
Nicholas Collon, musikalische Leitung
Ondine, ODE14792

 

Diese Seite drucken