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CD RICHARD STRAUSS „DON QUIXOTE“, „TILL EULENSPIEGEL“ und „ROMANZE für Cello und Orchester“, harmonia mundi

14.09.2021 | cd

CD RICHARD STRAUSS „DON QUIXOTE“, „TILL EULENSPIEGEL“ und „ROMANZE für Cello und Orchester“, harmonia mundi

Letzter Teil des musikalischen Tryptichons mit Werken, die vom Gürzenich Orchester Köln uraufgeführt wurden

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Francois-Xavier Roth, einer der besten und jedenfalls innovativsten französischen Dirigenten, schließt nach der Aufnahme von Mahlers 5. Symphonie (November 2017) und Mahlers 3. Symphonie (Februar 2019) nun mit den Solisten Tabea Zimmermann (Bratsche) und Jean-Guihen Queyras (Cello) den Aufnahmereigen mit vom Gürzenich-Orchester erstmals aus der Taufe gehobenen Meisterwerken ab. Auf dem Programm stehen zwei der bedeutendsten sinfonischen Dichtungen überhaupt, nämlich „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ und „Don Quixote“, deren Uraufführungen Richard Strauss dem damaligen Chefdirigenten des „Cölner Städtischen Orchesters“ (der Namen Gürzenich Orchester wurde erst nach dem 2. Weltkrieg gefunden) Franz Wüllner anvertraute. Die Konzertpremieren fanden am 5.11.1895 respektive am 8.3.1898 statt. Wüllner ist in die Musikgeschichte vor allem durch die musikalische Leitung der Erstaufführungen von Richard Wagners „Rheingold“ und „Die Walküre“ in München eingegangen.

Den Till, eine pittoreske mittelalterliche Figur, serviert uns Richard Strauss in Form eines Sonatenrondos (wer sich für eine zeitgenössisch Sicht auf Till und den Dreißigjährigen Krieg interessiert, dem sei der Roman „Tyll“ von Daniel Kehlmann wärmstens empfohlen). Der Quixote nach Cervantes ist als „Phantastische Variationen über ein Thema ritterlichen Charakters“ konzipiert. Nach einer Introduzione, in der wir zumindest lautmalerisch erfahren, dass Quixote über der Lektüre von Ritterromanen den Verstand verloren hat, hat Richard Strauss nach der Einführung des Themas in zehn Variationen verschiedene Stationen des spanischen Helden von der traurigen Gestalt vertont: Abenteuer mit den Windmühlen, Der Kampf gegen die Hammelherde, Gespräch zwischen dem Ritter und seinem Knappen, Abenteuer mit den Büßern, Die Waffenwache, Begegnung mit Dulzinea, Der Ritt durch die Luft, Die Fahrt im venezianischen Nachen, Kampf gegen die vermeintlichen Zauberer, Zweikampf mit dem Ritter vom blanken Mond und als Finale Don Quixotes Tod.

Francois-Xavier Roth ist der lebendige Beweis dafür, dass die Fragen u.a. nach einer gültig empfundenen Interpretation, Artikulation, Transparenz, Bogenstrich oder Tempodramaturgie weniger vom Gebrauch historischer Instrumente abhängt als von den Anweisungen des Dirigenten. Für mich als Hörer steht sowieso im Vordergrund, dass mich eine Wiedergabe spontan fesselt, spannend und kurzeilig anzuhören ist. Die Gründe dafür können vielfältig sein, hängen aber – wenn ich in eigener Sache sprechen darf – meist von einer außergewöhnlichen Musikalität des Dirigenten in Sachen Phrasierung, Bögen, Balance der Stimmgruppen, Präsenz solistischer Passagen, unprätentiöser Detailarbeit, aber vor allem tief empfundenem Ausdruck und launigem Spielwitz ab. Auch Individualität einer Sichtweise ist Trumpf. Roth wendet seine musikalischen Prinzipien eines Vollblutmusikus gleichermaßen in seiner Arbeit mit dem Originalklangensemble „Les Siècles“, bzw. den Aufnahmen mit den auf modernen Instrumenten spielenden Klangkörpern SWR, den London Symphony Orchestra oder dem Gürzenich Orchester Köln an.

Die beiden berühmten Richard Strauss Stücke klingen unter der umsichtigen Stabführung von Roth nun herzerfrischend frech, dabei stets vollmundig im Ton. Dem Instrumentierungsweltmeister Strauss flicht Roth mit diesen Aufnahmen ein besonders bunt duftiges Frühlingsbouquet. Dass Roth ein gutes Händchen für die Musik von Richard Strauss hat, wissen wir bereits seit der Gesamteinspielung aller Tondichtungen mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg aus den Jahren 2012 bis 2015. Neben einer verbesserten Tontechnik sind die neuen Aufnahmen jedoch instrumental noch brillanter und ein Quäntchen verspielter. Jean-Guihen Queyras fügt sich als Solocellist im „Don Quixote“ und dem selten zu hörenden, knapp 10-minütigen Jugendwerk „Romanze für Cello und Orchester“, das Strauss 1883 für seinen Onkel Anton Ritter von Knözinger schrieb, mit schlankem Ton, voller Hingabe und Leidenschaft in das spielfreudige Gesamtkonzept. Tabea Zimmermann auf der Bratsche ist diesem Cello-Quixote ein treuer Sancho Panza. Französische Eleganz und Nonchalance, erzählerische Drastik sowie deutsche Gründlichkeit gehen hier den schönsten Dreiklang ein. 

Fazit: Eine neue, kräftig leuchtende Sonne in der unendlichen Galaxie der Strauss-Diskographie.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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