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CD: RESISTANCE – IGOR LEVIT mit Schoenbergs „ODE AN NAPOLEON“ und Beethovens „EROICA“ in der Klavierfassung von Franz Liszt; NO SILENCE

28.10.2026 | cd

CD RESISTANCE – IGOR LEVIT mit Schoenbergs „ODE AN NAPOLEON“ und Beethovens „EROICA“ in der Klavierfassung von Franz Liszt; NO SILENCE

 Nicht korrumpierbare Selbstbehauptung in Kunst und Leben

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Das ist mal eine programmatische Ansage: Igor Levit tauft sein Debütalbum auf dem jüngst gegründeten Eigenlabel No Silence „Resistance“. Kunst als Ausdruck geistiger Unabhängigkeit und als unbedingtes Bekenntnis zur Freiheit des Denkens und Handelns.

Wie rasch politische Machtverhältnisse kippen, wie leicht sich ursprünglich Ideale in ihr Gegenteil verkehren und aus einem “Kind“ der Freiheit ihr erbitterter Feind werden kann, dafür steht prototypisch die Biographie Napoleons. Der einstige Hochflieger revolutionärer Ideale, angetreten unter der Trias von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, mutierte zum autokratischen Herrscher, dessen größenwahnsinniger Machthunger schließlich in der eigenhändig vollzogenen Kaiserkrönung gipfelte.

Für Ludwig van Beethoven, der persönliche Unabhängigkeit und schöpferische Selbstbestimmung lebte, kam das einem Verrat an jenen Idealen gleich, die er selbst unerbittlich vertrat. Dummerweise hatte er seine Dritte Symphonie Es-Dur, op. 55, unter der Fahne „Sinfonia grande intitolata Bonaparte“ geschwenkt. Was also tun angesichts der politischen Ernüchterung? Beethoven radierte den Namen des einstigen Idols wutschnaubend vom Titelblatt. An dessen Staat trat „Sinfonia eroica, composta per festeggiare il sovvenire di un grand Uomo“.

 Igor Levit erkennt zwischen Beethoven und Franz Liszt eine durch Carl Czerny, Beethovens Schüler und Liszts Lehrer, vermittelte Verbindung. Beide Komponisten eint zudem ein radikales Verständnis künstlerischer Freiheit, eine kompromisslose Haltung gegenüber überkommenen Konventionen und der Wille, die Grenzen des musikalisch Denk- und Darstellbaren immer wieder neu zu erproben.

Die Frage nach einstigem Heldentum stellt sich heute nicht mehr. Umso mehr aber jene nach Haltung, Zivilcourage und der argumentativen Urteilskraft. Eigenständigkeit und blinde Gefolgschaft gegenüber irgendeiner Ideologie schließen einander aus. Immanuel Kants Aufforderung, sich des eigenen Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen, hat nichts von seiner Aktualität verloren. Die beiden Werke des Albums verkörpern auf unterschiedliche Weise jene Voraussetzung schöpferischer Freiheit, die Levit im konsequenten Hinterfragen von Gewissheiten, Traditionen und Dogmen erkennt.

Da ist zunächst die monumentale Übertragung von Beethovens „Eroica“ auf das Klavier durch Franz Liszt. Levit bezeichnet diese Transkription als „Klaviersymphonie“: eine pianistische Utopie, die den Farben- und Gedankenreichtum eines großen Orchesters für zwei Hände und zehn Finger übersetzt.  Tatsächlich gerät Levits Interpretation zu einem singulären Ereignis. Inmitten der Veröffentlichungsflut zum Beethoven-Jahr 2027 mausert sich diese Einspielung zum uneitlen, künstlerisch souveränen und unverwechselbaren pianistischen Gipfel.

Der neue „Gulda“ jedoch verbindet analytische Tiefenschärfe und strukturelle Transparenz mit unerschöpflicher Fantasie, lyrisch-poetischer Innigkeit und einer existenziell aufgeladenen Dramatik.

Brillant? Gewiss. Aber kein Verdicken der Texturen, kein virtuoses Aufschäumen um seiner selbst willen, keine hochromantisch aufgedonnerte Klangrhetorik. Levit schaut genau in die Partitur hinein und wir hören mit. Alles ist bis ins Kleinste durchdacht und wirkt dennoch urinstinktiv spontan. Werktreue, durch das Fegefeuer schöpferischer Aneignung geläutert.

Das eröffnende Allegro con brio geht Levit mit freudiger Erregung, einer elektrisierenden Wachheit an. Drängende Tempoverdichtungen, tänzelnd wirbelnde Bewegungsimpulse und immer wieder überraschende, kaum merkliche Verzögerungen halten den musikalischen Fluss in permanenter Spannung. Darüber wallt eine quicklebendige Agogik, die formale Architektur und dramatische Entwicklung unauflöslich miteinander verschränkt. Die Musik scheint sich in jedem Augenblick neu zu erfinden, ohne jemals ihren übergeordneten Zusammenhang preiszugeben. Impulsiver und gegen Ende des Satzes ekstatischer lässt sich dieser symphonische Aufbruch auf dem Klavier kaum bewerkstelligen.

Umso eindringlicher der Kontrast zur Marcia funebre. Hier nimmt sich Levit alle Zeit der Welt. Schwer schreitet der Trauerzug voran. Endgültigkeit, Schmerz, Verzweiflung, aber auch die scheue Ahnung von Trost durchziehen wie feinste Gespinste die düstere, nur gelegentlich von fahlem Licht durchbrochene Friedhofsatmosphäre.

Mit rhetorischer Akkuratesse krengelt Levit die Konturen einzelner Töne und Motive. Dann wieder öffnet ein himmlisches Legato unvermutet die Wolken, ehe flüchtige Lichtreflexe und koboldhaft huschende Irrlichter die beklemmende Atmosphäre durchbrechen. In den Fugen geraten Emotion und Ratio in Widerstreit. Kontrapunktische Strenge versus seelische Erschütterung. Die musikalische Architektur selbst wird zum Ring einer existenziellen Prüfung. Schließlich lässt Levit die monumentale Schicksalshärte noch einmal aufbäumen, bevor der Satz in abgeklärter Müdigkeit ausklingt.

Das Scherzo wirkt wie eine Befreiung von aller Erdenschwere. Seine federnden, lustvoll kaskadierenden Rhythmen entfaltet Levit mit einer geradezu souffléhaften Leichtigkeit. Selbst die Jagdsignale des Trios erscheinen als flüchtige Geister einer märchenhaften Waldlandschaft zum Höhepunkt gerät das Finale mit seinen Variationen. Hier bündelt Levit die vielfältigen Ausdruckswelten der Symphonie zu einer einzigen, zwingend auf ihren Höhepunkt zustrebenden Dramaturgie. Lustvoll artikulierte kontrapunktische Verflechtungen, harmonische Hell-Dunkel-Schattierungen und eruptive Steigerungen greifen ineinander. All das steigert sich zu einem gloriosen musikalischen Kehraus. Levit gelingt eine Interpretation wie aus einem Guss: intellektuell hellwach, emotional glühend, pianistisch von souveräner Meisterschaft. Grandios!

Den Auftakt des Albums bildet Arnold Schoenbergs „Ode an Napoleon Buonaparte“, op. 41, für Sprecher, Klavier und Streichquartett beziehungsweise Streichorchester, nach einem Gedicht von Lord Byron. Im amerikanischen Exil komponierte Schönberg die Ode 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, als künstlerischen Protest gegen Adolf Hitler. Schoenbergs Partitur verbindet die expressive Vehemenz des Sprechgesangs mit einem hochkonzentrierten, motivisch dicht verwobenen Orchesterpart, in dem auch Anspielungen auf Beethoven eine Rolle spielen, ja sogar auf eine Widmung hinauslaufen.

Dörte Lyssewski absolviert den Sprechpart souverän, bitter anklagend, sarkastisch empört. Antonello Manacorda führt die Kammerakademie Potsdam mit analytischer Transparenz und kaum aushaltbarer Intensität. Levits Klavierpart fügt sich kammermusikalisch ins Ensemblegeschehen.

Dr. Ingobert Waltenberger 

 

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