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CD REINES – VÉRONIQUE GENS unübertroffen im französischen barocken Königinnenfach; Alpha

10.03.2026 | cd

CD REINES – VÉRONIQUE GENS unübertroffen im französischen barocken Königinnenfach; Alpha

Erhaben, tragisch, dramatisch, mitleiderregend

reiner

„Umgangssprachlich sagt man commander á la baguette, um zu sagen, dass man mit absoluter Macht herrscht; manchmal wird dies auch verwendet, um zu sagen, dass man mit Hochmut und Stolz herrscht.“ Dictionnnaire de l’Académie française

Die französische Sopranistin Véronique Gens gilt als Inkarnation der Tragödin in der französischen Tragédie lyrique des 17. und 18. Jahrhunderts. So hat sie 2006 mit dem Album „Tragédiennes“, das schließlich zu einer Trilogie erweitert wurde, beim Label Virgin Classics Maßstäbe in der vokalen Durchdringung von Heldinnenrollen in extremen Gefühlslagen gesetzt. Und sich in diesem stilistisch so anspruchsvollen Fach ein eigenes Denkmal gesetzt. 

Natürlich wird in der französischen Barockoper trotz all des furiosen Rasens des Herzens und Gemüts in Zorn, Wahnsinn und innerer Rebellion noch immer gezügelte Haltung gewahrt. Dementsprechend verkodiert erleben wir diesen rezitativischen Sprechgesang, der in den meist kurzen ariosen Abschnitten auch in Vokalisen und Verzierungen gegossene Gefühlsausbrüche erlaubt. Als beeindruckendes Beispiel sei hier etwa die Air ‚Gouffres qui coinduisez‘ von Jean-Baptiste Stuck genannt.

Als programmatische Fortsetzung des Albums „Passions“ gedacht, begegnen wir nun, wieder begleitet vom fabelhaften Ensemble Les Surprises unter der musikalischen Leitung des auch als Cembalist und Organist erfolgreichen Louis-Noël Bestion de Camboulas, Véronique Gens in einer Reihe von Rollen, die – abgesehen von den Kostproben aus Rameaus Opernschaffen – nur eingefleischten Spezialisten ein Begriff sein dürften.

Dabei wurde das damalige Publikum und wird der heutige Hörer in Gefilde gelockt, die als exotisch zu bezeichnen den Nagel auf den Kopf träfe. Was im heutigen Hochtourismus nur noch als kommerzielle Folklore einem unkritischen Massenpublikum vorgeführt wird, war vor 300 Jahren mangels allzeit verfügbarer Bilder noch mit einem imaginären, märchenhaften Bühnenzauber umwölkt, dem man sich gerne in traumverlorenem Staunen hingab.

Wie den wie immer gelehrten Ausführungen von Benoît Dratwicki vom Centre de musique baroque de Versailles zu entnehmen ist, handelt es sich bei „Reines“ um eine Unterkategorie der „rôles á baguettes“, auf Deutsch „Rollen mit Stab“. Die haben natürlich nichts mit dem duftenden Brotklassiker zu tun (in Frankreich gibt die Form den Namen: ein kleineres Baguette wird „Flûte“, also Flöte genannt), sondern verweisen auf die Herrschaftsinsignien des Zepters, meinen überdies auch den Zauberstab oder den Stock als Statussymbol, der – wenig emanzipatorisch – mit Müttern in der Oper gleichgesetzt wird.

Sei es die Phèdre aus Jean-Philippe Rameaus „Hippolyte et Aricie“, die Déjanire aus Antoine Dauvergnes „Hercule Mourant“, die Médée aus François-Joseph Salomons „Médée et Jason“, die Armide aus Henry Desmarests „Renaud, ou la suite d’Armide“, die Zaïde aus Pancrace Royers „Zaïde, reine de Grenade“, die Circé aus Dauvergnes „Canente“ oder die Érinice aus Rameaus „Zoroastre“, wir erleben eine geniale Véronique Gens, die die Kernschmelze dieser Figuren plastisch mit heißem Atem und dunkler Dämonie zu umhüllen vermag. 

Dratwicki bezeichnet diese Frauen als charismatisch, entschlossen, hochmütig. Sie zögern nicht, „den Versuch zu unternehmen, das Schicksal ihrem Willen zu unterwerfen, sei es aus der Leidenschaft des Liebens, aus Machtgier oder aus Rachegelüsten.“

Beim innersten Suspense, der effektvollen Theatralik dieser Rollen kommen unerwartete Gefühlsumschwünge eine große Bedeutung zu. So seien es gerade die ‚tendre fureurs‘, die „blitzschnell von törichter Hoffnung zu unterdrückter Desillusionierung oder ungestümem Hass wechseln.“ Zärtlichkeit und Wut taugen als Kontrastrezept, um die Hörerschaft zu fesseln. Als grandioses Beispiel der überragenden Kunst von Véronique Gens möge die steinerweichende Klage der Phèdre aus Anlass des Todes ihre Hippolyte dienen, in der sie einräumt, unschuldiges Blut vergossen zu haben und von Gewissenbissen durchsiebt ihr Verbrechen anprangert.

Natürlich stehen Gens nicht mehr die satte Mittellage und sonore Tiefe wie vor zwanzig Jahren zur Verfügung. Dennoch lassen das Raffinement in der Deklamation, der Einsatz affektgeladener Entschlossenheit und Autorität etwa auch ihre Médée als eine lebendige Frau aus Fleisch und Blut verstehen. Alle Furien der Unterwelt fleht sie an, mit den grausamsten Barbareien in ihrer Rache am Verrat Jasons zur Seite zu stehen.

Auch dieses Album greift je nach Betrachtungsweise zur Auflockerung oder zur Füllung des Albums auf Instrumentales und Chorisches zurück. Hier möchte ich einhaken: Warum in aller Welt betragen die vokalen Abschnitte von den schon knappen 53 Minuten Gesamtspielzeit nur eine magere halbe Stunde? Das erscheint umso weniger verständlich, als, wie im Booklet eingeräumt, das hier zusammengestellte Programm nur einen kleinen Teil jenes riesigen französischen Repertoires repräsentiert, in dem Königinnen einen vorrangigen Platz einnehmen. Bei aller stupenden Qualität in der musikalischen Umsetzung ist genau das und gerade für Bewunderer der Kunst von Véronique Gens ein echtes Ärgernis.

Inhalt des Albums

  • Antoine Dauvergne: Tremblement de Terre aus „Polyxène“; Marche Funèbre, ‚Dieu, Grand Dieu, sois sensible‘ aus „Hercule Mourant“; ‚Sombre déesse du silence‘ aus „Canente“
  • Jean-Philippe Rameau: ‚Quelle plainte en ces lieux m’appelle‘ aus „Hippolyte et Aricie“; air tendre. Air très vif aus „Dardanus“; ‚Amour, cruel amour‘ aus „Zoroastre“; Menuett aus „Acanthe et Céphise“
  • François Francoeur: Ouvertüre aus „Scanderberg“
  • Joseph-François Salomon: ‚Prête à porter d’horribles coups‘ aus „Médée et Jason“
  • Henry Desmarest: ‚Ah! Ne puis-je savoir‘; ‚Où s’égarent mes pas‘; ‚Dans notre empire‘, ‚Tremble, Armide‘ aus „Renaud, ou la suite d’Armide“
  • André Cardinal Destouches: Airs pour les sacrificateurs aus „Callirhoé“
  • Joseph-Nicolas-Pancrace Royer: ‚Tyrans des coeurs‘ aus „Zaïde, reine de Grenade“
  • Joseph Valette de Montigny: Choeur du sommeil
  • Jean-Baptiste Stuck: ‚Quel charme me retient‘, ‚Gouffres qui conduisez‘ aus „Méléagre“
  • Michel Pignolet de Montéclair: Rigaudons, Canarie aus „Jephte“

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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