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CD „REFLECTIONS“ – PABLO FERRÁNDEZ und DENIS KOZHUKHIN spielen Werke für Cello und Klavier von Rachmaninov, de Falla und Granados; SONY

11.04.2021 | cd

CD „REFLECTIONS“ – PABLO FERRÁNDEZ und DENIS KOZHUKHIN spielen Werke für Cello und Klavier von Rachmaninov, de Falla und Granados; SONY

 

Schwelgen in romantischem Wohllaut

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Die erste Reaktion auf die Biographie des Pablo Ferrández könnte lauten: Der Arme. Der dreißigjährige spanische Cellist stammt aus einer Musikerfamilie. Die Mutter ist Flamenco Gitarristin, der Vater Cellist, weil er – nachdem er Casals‘ Aufnahme des Cellokonzerts von Dvořák gehört hatte – dem Instrument und seiner Magie verfallen war. Bis dahin hatte der damals 18-jährige eine naturwissenschaftliche Schule besucht. Also wird auch der Junge, weil der größte Cellist des 20. Jahrhunderts Pablo Casals heißt, kurzerhand  auf den Vornamen Pablo getauft. Damit aber nicht genug, wird ihm quasi in der Wiege ebendieses Instrument verpasst. Man stelle sich den Erwartungsdruck vor, der auf dem jungen Musikus lastete. Trotz all dem reüssierte er. Mit 13 Jahren wurde er als Schüler der Escuela Superior de Música Reina Sofía angenommen. Dort war Natalia Shakhovskaya seine Lehrerin, was auch die Affinität des Pablo Ferrández für das russische Repertoire erklärt.  Danach schloss er seine Studien an der Kronberg Academy bei Frans Helmerson ab und wurde Stipendiat der Anne-Sophie Mutter Stiftung. Mit der berühmten deutschen Geigerin verbindet ihn eine ergiebige Zusammenarbeit. Mit ihr spielte er das Brahms-Doppelkonzerts als auch auf einer Europatournee mit Khatia Buniatishvili und dem London Philharmonic das Beethoven-Tripelkonzert.

 

Für sein Sony Debütalbum hat er sich ein verträumt klangverliebtes Programm gewählt. Im  Zentrum steht die 1901 entstandene Cellosonate in g-Moll Op. 19 von Sergej Rachmaninov. Der Komponist hat das Stück übrigens mit Pablo Casals als Partner aufgeführt. Kurz nach dem zweiten Klavierkonzert komponiert, markiert das in lyrischer Verzückung und poetischer Introspektion gehaltene Stück die endgültige Überwindung einer gigantischen Depression des Russen, die er nach der Uraufführung seiner ersten Symphonie erlitt. Die ungewohnten Dissonanzen und ein besoffener Glasunov als Dirigent hatten wohl gereicht, um den Symphonierstling  mit Bomben und Granaten durchfallen zu lassen. 

 

Pablo Ferrández verströmt auf seinem Stradivari-Cello „Lord Aylesford“ aus dem Jahr 1696, das ihm die Nippon Music Foundation zur Verfügung stellt, einen geschliffen kultivierten Luxuston. Anne Sophie von Mutter attestiert Ferrández ein „raffiniertes Vibrato, eine makellose linke und rechte Hand“. Sein Markenzeichen ist wirklich ein besonders auf Wohllaut bedachter sinnlicher Ton, singend und poetisch musikantisch. 

 

Dass insgesamt vom Ausdruck und der Bandbreite an Emotionen her alles passen kann, erschließt sich im „Allegro Moderato“ (zweiter Teil des ersten Satzes)  und vor allem dem „Allegro Scherzando“ der Rachmaninov Sonate. Von seinem fabelhaften und temperamentvollen Partner Denis Kozhukhin am Klavier angestachelt, werden auf einmal beißende Rhythmen und ein passionierter Bogenstrich aufgetischt. Auch das Finale des Allegro Mosso ist ein gelungenes Momentum für die extremeren Gefühlslagen romantischer Provenienz. Daher ist die Sonate auch mein Lieblingsstück des Albums. 

 

Warum zum Start und dazwischen nur Faserschmeichlerisches serviert wird, mag den Vorlieben des Cellisten geschuldet sein, lässt aber eine gewisse Beliebigkeit aufkommen, zumal hier die dynamischen Möglichkeiten der Instrumente nicht ausgereizt werden. So geraten die Liedbearbeitung über Rachmaninovs „Wie schön ist dieser Ort“ aus den 12 Romanzen op. 21, die Nummer 9 ebenfalls aus dem Op. 21, die „Élégie“ Op. 3 oder die „Vocalise“ Op. 34 neben Manuel de Fallas Wiegenlied „Nana“ und Enrique Granados ,Oriental‘ aus den „Danzas espanolas“ zu hübschen, aber belanglosen  romantischen Übungen. 

 

Als Hommage an Pablo Casals schließt Ferrández das Programm mit dem für Cello bearbeiteten „Gesang der Vögel“ (El cant dels ocells), einem katalanischen Weihnachtslied, mit dem auch sein Vorbild die Konzerte im Exil ab 1939 beendete. Hier ist auf einmal wieder das grandiose lautmalerische Talent und expressive Potential des Cellisten erfahrbar. 

 

Fazit: Einer tiefschürfenden, opulenten und gleichzeitig leidenschaftlichen Interpretation der Cellosonate von Rachmaninov stehen bloß flüchtig plätschernde Encores russischen und spanischen Ursprungs gegenüber. Klangschön, aber kaum beeindruckend.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

 

 

 

 

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