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CD: Recollection(s) Christine Wu, Violine und Viola Channel Classics, CCS48626

11.07.2026 | cd

Christine Wu zwingt die Zeit in die Knie

wu

Die Geigerin und Bratschistin Christine Wu hat an der Juilliard School ihr handwerkliches Rüstzeug geholt, gewann den Berlin Prize for Young Artists und war bereits Gast-Konzertmeisterin bei den Bochumer Symphonikern. Wer sie deshalb für eine brave Hüterin des klassischen Kanons hielt, wird auf diesem Soloalbum eines Besseren belehrt. Wu liefert kein gefälliges, schönes CD-Programm für entspannte Abende – sie liefert eine deutlich persönliche Aussage.

Sie wechselt zwischen Violine und Viola wie zwischen zwei Seiten derselben Persönlichkeit. Man spürt: Hier geht es nicht um makellose Schönheit, sondern um Wahrheit. Um den Widerstand der Saite, den Schmutz im Ton, das Kratzen, das Knarren, das Menschliche.

Der Einstieg mit Joan Towers ist ein Ausrufezeichen. Mit einer dunklen, trotzigen Geste der Bratsche nimmt Wu sofort den Raum ein. Die kleine Sekunde, die sich immer wieder wie ein Stachel in die Musik bohrt, wird mit einer rhythmischen Verbissenheit gespielt, die jede Komfortzone sprengt. Das ist keine melancholische Bratsche, wie man sie kennt – das ist ein wildes, ungezähmtes Wesen. Der Ton brennt, statt zu leuchten.

Aus dieser Glut steigt Kaija Saariahos Nocturne empor, nun auf der Violine. Ein Abschiedsgruß an Witold Lutosławski. Neblig, suchend, geisterhaft beginnt das Stück. Wu drückt den Bogen so stark in die Saite, bis der Ton tatsächlich ins Kratzen kippt – genau wie von der Komponistin gewollt. Es ist kein „Fehler“, es ist der bewusste Zusammenbruch der schönen Oberfläche. Leere Saiten klopfen wie ein Herzschlag in die Unendlichkeit. Ein zutiefst berührendes, erschütterndes Stück über Vergänglichkeit.

Jeffrey Mumfords acht „Musings“ führen dann in ein dichteres, fragmentarischeres Gelände. Wu springt, tanzt, stolpert durch diese Musik – spröde Sprünge, spitze Pizzicati wie kleine Nadelstiche. Im dritten Satz gönnt sie kurz ein weiches, gebrochenes Cantabile, nur um uns gleich wieder in die Dissonanz zu stoßen. Man merkt: Diese Musik will nicht konsumiert, sie will erarbeitet werden. Erst im sechsten Teil öffnet sich für einen Moment der Himmel, bevor alles wieder suchend und ziellos verklingt. Meisterhaft strukturierte Verwirrung.

Danach bringt Igor Strawinskys Élégie für Solo-Bratsche architektonische Klarheit zurück. Wu spielt sie mit dunklem, aristokratischem Ton und einer ruhigen, objektiven Strenge. Obwohl Strawinsky keine Taktangaben notiert hat, baut sie ein unerbittliches Zeitgefühl auf. Die zentrale Fuge ordnet die Gedanken – bis kurz vor Schluss die Symmetrie bricht und die Wiederholung des Anfangs plötzlich resigniert und traurig klingt. Eine leise, tiefe Akzeptanz des Unvermeidlichen.

Diese existenzielle Schwere findet ihre Entsprechung in der zweiten Violasonate von Mieczysław Weinberg. Ein Spätwerk eines Komponisten, der den Terror des 20. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren hat. Wu spielt den eröffnenden, drängenden Satz mit obsessiver Intensität, ohne je ins Larmoyante abzugleiten. Sie klagt nicht an – sie dokumentiert. Mit kühler, sezierender Präzision zeigt sie das Zerbröseln der Erinnerung.

Den monumentalen Schlusspunkt setzt Johann Sebastian Bachs Chaconne aus der d-Moll-Partita. Nach all den modernen Brüchen kehrt man heim zum Ursprung – und doch klingt es bei Wu alles andere als museal. Sie spielt einen sprechenden, lebendigen Bach, dessen harmonische Architektur zum Anker einer spirituellen Reise wird. Wenn nach den dunklen Moll-Variationen endlich das Dur aufleuchtet, wirkt es nicht wie billiger Trost, sondern wie hart erkämpfte Hoffnung.

Christine Wu setzt auf diesem Album konsequent den Ausdruck über die bloße Virtuosität. Ihr Ton bleibt warm, auch wenn die Musik eisig wird. Das ist keine leichte Kost für nebenbei. Es ist ein reifes Album.

Dirk Schauß, im Juni 2026

 

Recollection(s)

Christine Wu, Violine und Viola

Channel Classics, CCS48626

 

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