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CD „RAMEAU TRIOMPHANT“ – MATHIAS VIDAL mit Ausschnitten aus Les Fêtes de Polymnie, Dardanus, Zoroastre, Les Paladins, Les Indes Galantes, Platée, Naïs, Le Temple de la Gloire, Pigmalion, Castor et Pollux und Les Boréades; Chateau de Versailles Spectacles 

12.01.2022 | cd

CD „RAMEAU TRIOMPHANT“ – MATHIAS VIDAL mit Ausschnitten aus Les Fêtes de Polymnie, Dardanus, Zoroastre, Les Paladins, Les Indes Galantes, Platée, Naïs, Le Temple de la Gloire, Pigmalion, Castor et Pollux und Les Boréades; Chateau de Versailles Spectacles 

 

250 Jahre Opéra Royal 1770 bis 2020 – überzeugende Plädoyers für die kunstvolle Musik des 17. und 18. Jahrhunderts in Frankreich

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Jean-Philippe Rameau ist mein Lieblingskomponist des französischen (Spät-)Barock. Bei einer Aufführung von „Platée“, dieser liebenswürdigen Oper um eine eitle hässliche Froschnymphe, die sich Jupiter angeln will, der göttliche Hallodri jedoch mit einer Schein-Hochzeitsintrige wiederum nur die eifersüchtige Juno von seiner angeblichen Treue überzeugen will (welcher Gott heiratet schon – Mesalliance beiseite – eine unansehnliche Nymphe), im Pariser Palais Garnier in der einfallsreichen und charmanten Regie von Laurent Pelly hat‘s mich erwischt. Und zwar dauerhaft. 

 

Die kühnen harmonischen Dreh- und Wendungen, die vielfältigen, oft frech ironisierenden bis erotisch verschleierten Tanzrhythmen, diese so individuelle und unverwechselbare Gabe für klanglich exotische Orchestereffekte, drastische Lautmalereien mit satirisch/parodistischen Spitzen, die Kongruenz von Text und Gesangslinie, die theatralische Wucht, das Durchdringen einer ganzen Welt an menschlichen Empfindungen und Lastern, diese flott-humorvollen Brechungen, die wie kleine Kumuliwölkchen das Rameausche Musikuniversum durchziehen, all das formt sich zu einer selbst für das 18. Jahrhundert unverkennbaren Musik an der äußersten Schwelle zur Epoche der Klassik.

 

Über das Besondere an Rameaus Musik hat Gaétan Jarry folgende treffliche Formulierung parat: „Rameau eröffnet einem unendliche Horizonte. Diese Vision des Unbegrenzten ist mehr als berauschend, sie versetzt jemanden in einen Zustand des Überbewusstseins, in eine Art permanentes Lauern auf Überraschendes oder einen Moment der Gnade.“ 

 

Auf dem vorliegenden Album „Ramueu Triomphant“ hat man sich Rameaus größte Arieneingebungen für Haute-Contre – wie dies schon zuvor Jean-Paul Fouchecourt bei Naxos tat – vorgenommen. Wir hören also nicht Arien für einen Contretenor, sondern reich verzierte Bravourarien für einen veritablen Tenor unter vollem Einsatz des Brustregisters, halt mit einer belastbaren Höhe. Das Falsett der Countertenöre oder die voix mixte, wie sie bei Belcanto-Opern üblich waren, sind bei den Haute Contre verpönt. Bei Rameau gibt es zwei Arten von Haute-Contre, eine überwiegend für Hauptrollen, der mehr an Mittellage abgefordert wird, und eine mit höherer Tessitura für die Nebenrollen. Die Charaktere, die Rameau seinen Haute-Contre in die Kehle schrieb, sind vielfältig. Sie reichen von verträumen, schwärmerischen Liebhabern, über komische, skurrile Kauze bis hin zu klassischen Helden. 

 

Dirigent Gaétan Jarry und der aktuell brillianteste aller Haute-Contre, Mathias Vidal, haben sich klugerweise darauf verständigt, die fast 80 Minuten Spieldauer für ganze Szenen zu nutzen und durch Instrumentalstücke wie Ouverturen, Entrées oder Tänze dramaturgisch sinnstiftend anzureichern. Dazu kommen Chöre, die dazu beitragen, dass das Album im Aufbau eher einer Oper ähnelt, denn einer willkürlich fragmentierten Arien-CD. 

 

Das von Gaétan Jarry geleitete Ensemble Marguerite Louise, bestehend aus einem Orchester und einem Chor, wurde 1986 gegründet. Es ist für seinen lebhaften, rhythmisch aufschäumenden Stil und die  scharf geschnittenen Rhythmen bekannt. Gemeinsam mit Mathias Vidal, einem bestens fokussierten, bruchlos geführten Tenor mit Kern und Biss ist ein Album gelungen, das Rameaus Kunst in der Diversität des Opernschaffens beispielhaft ausleuchtet. Die audiophile Aufnahmequalität lässt noch dazu das Herz aller High-End Klangapostel höher schlagen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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