CD: Rachmaninoff Vsevolod Zavidov, Klavier Alpha Classics, Alpha1212
Vsevolod Zavidov liest in Rachmaninows Falten

Mit zwanzig Jahren sollte man eigentlich noch damit beschäftigt sein, das eigene Leben in den Griff zu bekommen – und nicht schon in den Falten eines Rachmaninow zu lesen, als hätte man selbst schon eine Weltkrise hinter sich. Vsevolod Zavidov, der gerade einmal zwanzigjährige Moskauer, der inzwischen in Genf bei Nelson Goerner den letzten Schliff erhält, tut genau das. Mit seinem Debütalbum bei Alpha Classics legt er kein übliches Jungtalent-Album vor, sondern eine psychologische Studie, die man einem Künstler seines Alters eigentlich nicht zutrauen dürfte.
Wer den Radu-Lupu-Preis und den UBS Young Soloists Prize scheinbar mühelos einsammelt, von dem erwartet man technische Brillanz. Was Zavidov jedoch bietet, ist etwas anderes: eine Form von musikalischem Hellsehen, das einen leise schmunzeln und gleichzeitig staunen lässt.
Das Programm ist klug gewählt und meidet die üblichen Schlachtrösser. Stattdessen eröffnet Zavidov mit Rachmaninows Transkriptionen aus Bachs E-Dur-Partita für Violine. Hier zeigt sich sofort seine pianistische Herkunft: Der Puls ist straff, die Klarheit der Linien besticht, und doch schwingt in der Gavotte salonhafte Leichtigkeit mit – eher Erinnerung an ein exklusives altes Europa als an ein kühles Konservatorium. Es ist ein Spiel mit Masken, aber auch mit Witz und einer Prise Sarkasmus. Rachmaninow schaut durch die Brille des 20. Jahrhunderts auf Bach, und Zavidov, selbst ein Exilant, blickt durch seine eigene auf beide.
Den Kern der Aufnahme bilden die Études-Tableaux op. 33. Zavidov selbst vergleicht sie mit einer Sammlung konservierter Schönheit kurz vor dem großen Weltenbrand. Tatsächlich gelingt es ihm, diesen spezifisch russischen Duft von feuchter Erde und blühendem Flieder einzufangen, ohne in patriotischen Kitsch zu verfallen. Im „Grave“ der dritten Nummer entwickelt er eine statische Spannung, die physisch spürbar wird. Man ahnt das drohende Ende einer Ära, die Melancholie des unwiederbringlich Vergangenen. Sein Anschlag ist von bemerkenswerter Differenziertheit: Die Bässe grollen wie heraufziehende Gewitterwolken, während die Oberstimmen wie fahles Licht durch die Blätter brechen.
Die Corelli-Variationen op. 42 geraten unter seinen Händen zu einer regelrechten Mythologie. Zavidov begreift das Werk als Chiffre, als verschlüsseltes Tagebuch des späten Rachmaninow. Er arbeitet die harten Kanten, die Ironie und die grimmige Entschlossenheit heraus – ohne je in gefällige Virtuosität auszuweichen. Jede Variation wirkt wie eine neue Narbe im Gesicht des Komponisten. Der junge Pianist besitzt die Gabe, die kompositorische Dichte so zu entwirren, dass man die Querverweise auf frühere Werke wie durch ein Vergrößerungsglas wahrnimmt. Besonders beeindruckend ist das „Adagio misterioso“, in dem er eine so dichte Atmosphäre schafft, dass man kaum zu atmen wagt.
Den emotionalen Schlusspunkt setzt Zavidov mit seiner eigenen Transkription der berühmten Vocalise. Es gehört Mut dazu, sich neben Giganten wie Earl Wild zu stellen. Während Wild die Melodie mit berückender kantabler Schönheit singen lässt, fügt Zavidov eine tiefere Schicht von Sehnsucht und existenzieller Wehmut hinzu – und genau diese Qualität rechtfertigt den Wagemut. Er schrieb die Bearbeitung in schlaflosen Nächten in der Toskana, fernab der Heimat, und genau diese Sehnsucht hört man. Das Klavier singt unter seinen Fingern mit einer Natürlichkeit, die jede technische Hürde vergessen macht.
Man merkt dieser Aufnahme an, dass sie für den jungen Pianisten mehr ist als nur ein Karriereschritt. Es ist das Protokoll eines Abschieds – Zavidov hat das Programm kurz vor seinem endgültigen Verlassen Moskaus einstudiert. Diese existenzielle Dringlichkeit teilt sich dem Hörer in jedem Takt mit. Er spielt Rachmaninow nicht als spätromantischen Wohlklang-Lieferanten, sondern als modernen Visionär, dessen Musik wie ein Lichtstrahl durch den Nebel dunkler Zeiten dringt.
Vsevolod Zavidov ist weit mehr als nur ein Name, den man sich merken sollte. Er ist bereits jetzt ein Geschichtenerzähler am Flügel, der die seltene Gabe besitzt, die Zeit für die Dauer einer CD anzuhalten. Wer hören will, wie die große russische Tradition im 21. Jahrhundert klingt, wenn sie von Intelligenz und echtem Empfinden geleitet wird, kommt an dieser Veröffentlichung nicht vorbei. Hier kündigt sich eine große Laufbahn an.
Dirk Schauß, im April 2026
Rachmaninoff
Vsevolod Zavidov, Klavier
Alpha Classics, Alpha1212

