CD: Prokofiev – Villa-Lobos – Poulenc ORF Radio-Symphonieorchester Wien Simone Menezes, musikalische Leitung Fuga Libera, FUG868
Simone Menezes setzt neoklassische Impulse in Wien

Die Hartnäckigkeit, mit der der Begriff des Neoklassizismus oft als staubige museumspädagogische Übung abgetan wird, grenzt an Ignoranz. Wer glaubt, die Wiederbelebung formaler Muster des 18. Jahrhunderts sei lediglich ein kühl berechnender Blick zurück in geordnete Verhältnisse gewesen, greift daneben. Wenn die italienisch-brasilianische Dirigentin Simone Menezes mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien Werke von Sergei Prokofjew, Heitor Villa-Lobos und Francis Poulenc präsentiert, führt sie diese Strömung genau an den Ort zurück, an dem das Wiener Fundament einst gelegt wurde. Die klug konzipierte Veröffentlichung des Labels Fuga Libera begreift den Neoklassizismus als lebendiges Wechselspiel unterschiedlicher Welten.
Am Pult steht mit Simone Menezes eine Musikerin, deren Werdegang jene kosmopolitische Offenheit widerspiegelt, die dieses Programm einfordert. Geboren 1977 in Brasilien, studierte sie Dirigieren in São Paulo und vervollständigte ihre Ausbildung an der École Normale de Musique in Paris sowie der Royal Academy of Music in London. Früh begleitete sie Paavo Järvi als Mentor. Schon mit zwanzig gründete sie in Brasilien ihr erstes Ensemble. International Aufmerksamkeit erregte sie durch Projekte an der Schnittstelle von Musik, bildender Kunst und Fotografie – etwa in der Zusammenarbeit mit Sebastião Salgado um die musikalische Fauna des Amazonasgebiets. Ihr Zugang zur Musik entspringt selten rein akademischem Pflichtbewusstsein, sondern dem Verlangen, verborgene Querverbindungen zwischen Epochen und Kontinenten freizulegen.
Den Auftakt bildet Sergei Prokofjews erste Sinfonie in D-Dur, die berühmte „Klassische“ aus dem Revolutionsjahr 1917. Die gedankliche Prämisse, wie Joseph Haydn komponiert hätte, wäre er im 20. Jahrhundert am Leben gewesen, dient Prokofjew keineswegs als bloße Spielerei. Menezes wählt einen getragenen, spürbar entschleunigten Ansatz. Wo viele ihrer Kollegen auf Geschwindigkeit und vordergründige Brillanz setzen, nimmt sie Tempo heraus und verschafft den Partiturstrukturen Luft. Das Allegro kommt transparent, leicht und rhythmisch scharf umrissen daher. Im Larghetto waltet gravitätische Würde, durchsetzt mit jenem Augenzwinkern, das die Musik vor billiger Parodie bewahrt. Die weltberühmte Gavotte zeigt feine Schaukeleien mit präzise gesetzten Akzenten, während das Finale die kompositorische Logik ohne überflüssige Hektik offenlegt. Die Befürchtung, das verhaltene Zeitmaß könnte dem Werk den Schwung rauben, erweist sich schnell als unbegründet.
Fast zeitgleich arbeitete Heitor Villa-Lobos in Brasilien an seiner Sinfonietta Nr. 1, dem Andenken Mozarts gewidmet. Dass beide Komponisten ohne gegenseitigen Kontakt auf denselben historischen Impuls reagierten, gehört zu den reizvollen Koinzidenzen der Musikgeschichte. Villa-Lobos blickt nicht streng analytisch auf das europäische Vorbild, sondern gestattet sich eine unbeschwerte, naive Reminiszenz. Das Hauptthema spiegelt das Motiv aus der Ouvertüre zu Mozarts „Nozze di Figaro“, erscheint jedoch rhythmisch verschoben – als blicke man durch ein leicht gewölbtes Glas. Im einleitenden Allegro herrscht muntere Vorfreude und spielerische Leichtigkeit. Das anschließende Lento bricht diese Stimmung unvermittelt auf: Düstere Bläserakkorde verleihen dem Satz eine unerwartete Feierlichkeit und dem Werk eine erstaunliche klangliche Dichte. Das Orchester agiert hier mit Wandlungsfähigkeit und gibt diesem südamerikanischen Mozart-Blick eine umhüllende Färbung.
Den Schlusspunkt setzt Francis Poulencs 1947 entstandene Sinfonietta. Hier begegnet einem der Neoklassizismus nicht mehr als Experiment oder Hommage, sondern als vollkommen verinnerlichte, beiläufige Sprache. Poulencs Diskurs ist spritzig, sprunghaft und verweigert sich jeder geradlinigen Erzählung. Das Werk entfaltet sich durch abrupte Kontraste und ein ständiges Wechselspiel der Stimmungen. Menezes greift diese Eigenheit mit geschärfter Artikulation auf. Das einleitende Allegro con fuoco entlädt sich als energische Kaskade von Akzenten, ehe das Molto vivace ein Wettrennen zwischen Streichern und Holzbläsern ansetzt – mit enormer Präzision ausgetragen. Im Andante cantabile erlaubt die Dirigentin dem Orchester eine kurze, lichtdurchwirkte Kontemplation, bevor das Finale sehr schnell und ausgesprochen heiter das Album beschließt.
Das ORF Radio-Symphonieorchester Wien erweist sich in allen drei Werken als wendiger Klangkörper, der die stilistischen Nuancen zwischen russischer Ironie, brasilianischer Wärme und französischer Eleganz mühelos ausleuchtet. Menezes führt das Ensemble mit fester Hand und verfällt an keiner Stelle in Routine. Sie zeigt, dass vermeintlich geläufige Partituren durch eine Verschiebung der Tempi und eine klare Entflechtung der Stimmen völlig neue Facetten offenbaren können. Man hört dieser Aufnahme in jedem Moment an, dass hier nicht bloß Noten abgebildet werden, sondern eine echte intellektuelle Freude am Durchdenken der Strukturen herrscht.
Die Klangtechnik unterstützt diesen Eindruck auf eigenwillige Weise. Das Klangbild präsentiert sich direkt, stellenweise wirkt die Akustik ein wenig trocken. Wer den verschwommenen Hall großer Konzertsäle sucht, wird im ersten Moment vielleicht zögern. Doch diese Trockenheit besitzt eine innere Wärme und erweist sich als struktureller Glücksfall: Sie erlaubt scharfe Durchhörbarkeit der Bläser und lässt die Phrasierungen der Streicher plastisch hervortreten. Kein Detail geht im Raumklang verloren, jede rhythmische Pointe sitzt.
Mit dieser Einspielung schließt sich ein Kreis. Die Rückkehr dieser neoklassischen Meisterwerke an den Ort, an dem die Wiener Klassik einst ihren Ausgang nahm, ist kein staubiges Archivprojekt, sondern ein vitales Manifest für die Formkraft musikalischer Modelle. Simone Menezes hat mit dem Wiener Orchester eine Einspielung vorgelegt, die durch analytischen Scharfsinn und Humor besticht und eine lohnende Bereicherung für jede Diskografie darstellt.
Dirk Schauß, im September 2026
Prokofiev – Villa-Lobos – Poulenc
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Simone Menezes, musikalische Leitung
Fuga Libera, FUG868

