Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

CD POLYPHONIC DREAMS – VICTOR NICOARA spielt Kontrapunktisches von Bach/Busoni, Busoni, Mason, Sitsky und Nicoara; Hänssler

12.01.2025 | cd

CD POLYPHONIC DREAMS – VICTOR NICOARA spielt Kontrapunktisches von Bach/Busoni, Busoni, Mason, Sitsky und Nicoara; Hänssler

Kosmisches Fugendickicht – Hommage zum 100. Todestag Busonis 2024

gtb

Es ist nicht sein erstes Busoni Album. Der rumänische, in Berlin lebende Pianist und Komponist Victor Nicoara hat im Jahr 2020 Sonatinen und Albumblätter von Ferruccio Busoni eingespielt. Nun legt er mit dem Album „Polyphone Träume“ nach. Im Zentrum stehen Sieben kurze Stücke zur Pflege des Polyphonen Spiels, BV 296 sowie die Fantasia Contrappuntistica, BV 256.

Der Pianist hat eine ineinander verwobene Abfolge an kontrapunktischen Stücken programmiert. Alles scheint mit allem verknüpft, bis Nicoara das Album mit der Sinfonia Nr. 9 in f-Moll, BWV 759 von Johann Sebastian Bach in der Edition von Busoni enden lässt. Bach und Busoni – ein untrennbar verbundenes Gespann an innovativer kompositorischer Kraft und göttlich spiritueller Mission. Ehern klar, unerbittlich unsentimental, mathematisch ausgeklügelt und harmonisch teuflisch abgefahren ist Busonis Klaviermusik. Der Hörer gerät unwillkürlich in einen Sog an wirbelnden kontrapunktischen Übungsstücken und wundersam irrlichternden Fugen in gewaltigen Zeitintervallen von 1720 bis 2023. Wenn man die Entstehungsjahre der einzelnen Tracks nicht nachlesen könnte, wäre im Raten wohl manche Wette verloren.

Das Album startet mit den Sieben kurzen Stücken zur Pflege des polyphonen Spiels aus dem Jahr 1923, wobei kurz als relativ zu begreifen ist. Nr. 6 „Nach Mozart“ Adagio dauert 3,46 und Nr. 7 „Mit Anwendung des III. Pedals, Andantino tranquillo“ immerhin 4,11 Minuten. Drei dieser Stücke (Nr. 3, 4 und 7) dienten Busoni als thematische Vorlage für seine Oper „Doktor Faustus.“ Busoni schuf diese Aperçus einer musikalisch ausgetüftelten Klangarchitektur mit einem einleitenden „Preludietto, Allegro“ als durchaus virtuose Übungsliteratur nicht nur für Anfänger, sondern aufgrund des technischen Anspruchs auch für fortgeschrittene Pianisten.

Natürlich geht es dem Pianisten nicht um bloße Fingerübungen, sondern darum, in von melodischer knapper Inspiration kontrapunktisch umrankten Durchführungen die Modernität und Komplexität des Konstruierten bis in die Radikalität des apokalyptischen Verlöschens zu illustrieren. Während die sechste Übung in der Bearbeitung der Musik der zwei Geharnischten in Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ gewidmet ist, schreibt Nicoara zur Siebenten, in Paris 1923 entstandenen Studie fürs Sostenuto Pedal: „Es erinnert einen an die Auflösung der Form in Gefühle, nach der er in seiner ‚Berceuse élégiaque’ von 1909 gestrebt hatte. Die subtilsten Modulationen sowie ein schwer fassbarer Impetus führen die Musik einer himmlischen Auflösung entgegen. Die Atmosphäre ist dem mystischen Ausgang der Oper voll und ganz würdig.“

Der Brite Benedict Mason knüpft in seiner für Nicoara geschriebenen, Andrew Ball gewidmeten „Pastorale, ein kurzes Stück zur Pflege der Arten“ aus dem Jahr 2023 zitatenreich an Busonis Verwendung des Sostenuto-Pedals an.

Nicoaras Bearbeitung des Orgelsolos im Intermezzo aus „Doktor Faustus“ für Klavier sowie das daran anknüpfende „Nach Weill“ als Hommage an Busonis Studenten Kurt Weill von Nicoara funktionieren als Präludium und eine Art Fuge nach Art der inhaltlichen Verbundenheit des dritten und vierten bzw. des fünften mit dem sechsten der „Sieben Stücke.“

Larry Sitsky hat seine „Nocturne canonique“ mit Querbezügen zu Busoins Nocturne Symphonique 1974 geschrieben. Der australische Komponist hatte 2007 eine eignene Version des vervollständigten „Doktor Faustus“ vorgestellt.

Die Fantasia Contrappuntistica BV 256 von Ferruccio Busoni stellt das interessanteste und kühnste Unterfangen des Albums dar. Es bezieht sich auf Bachs unvollendeten Contrapunctus XVI aus der „Kunst der Fuge“. Das gewaltige, fast 40-minütige Werk fasziniert und irritiert in seiner wüst verzerrenden Aneignung von Bachs strenger Vorlage. „Busoni sah eine architektonische Skizze vor, die die Form der Fantasia contrappuntistica illustrieren würde, und tatsächlich scheint er um Bachs Fragment herum zu komponieren, ganz so wie moderne Architekten um alte Gebäude herum neue errichten.“

Victor Nicoara holt mit seinen von Anschlag und Tempo her so unterschiedlichen Annäherungen an diese so interstellar kühle Welt des Kontrapunkts von Bach über Busoni bis zeitgenössischen Aneignungen alles, was an kontemplativ meditativer Ruhe und spätromantischer Klanghexerei möglich ist, heraus. Er umschifft die Gefahr bei Busonis Fantasia contrappuntistica, in papierene Theorie zu entschweben, durch einen selbstreferenziellen leidenschaftlichen Zugriff. Der Hörer hat das Gefühl, sich auf einer planetarisch musikalischen Versuchsstation zu befinden, Zeuge eines mystisch futuristischen Experiments ohne konkretisierende Verfestigung zu sein. Busoni, ein rätselhafterTitan, so gestern wie heute. Hören Sie Track 13 des Albums (Fuga I bis III) und staunen Sie, mit welch zürnender Ungeduld Busoni seinen Bach ummanteln konnte.

Ein in seiner vorwärtsdrängenden Unbeirrbarkeit, künstlerischen Gipfelstürmerei und bohrenden Intensität einzigartiges Tondokument!

Dr. Ingobert Waltenberger   

 

 

 

Diese Seite drucken