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CD: Poema. 2.Terra Nova. Orchestre du  National des Arts Centre du Canada Alexander Shelley, musikalische Leitung Analekta, AN28892

15.11.2025 | cd

CD: Poema. Terra Nova. Orchestre du  National des Arts Centre du Canada Alexander Shelley, musikalische Leitung Analekta, AN28892

Das Orchester tanzt zwischen Nietzsche und Murakami

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Alexander Shelley und das National Arts Centre Orchestra aus Ottawa wagen mit „Terra Nova“ eine kühne Expedition in die Tiefen der menschlichen Existenz. Die zweite Folge der Poema-Reihe auf Analekta dauert knapp 43 Minuten – eine kurze, aber intensive Reise, die Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ mit Ian Cussons „1Q84: Sinfonietta Metamoderna“ in einen atemlosen Dialog zwingt. Shelley liest Strauss nicht als bombastischen Nietzsche-Soundtrack, sondern als zerbrechliches Pendel zwischen Licht und Schatten, Wissen und Mysterium. Cusson antwortet mit einem neunminütigen Gegenstück, das Murakamis Roman „1Q84“ in Klang gießt und die philosophischen Welten von Nietzsche und dem japanischen Autor collagieren lässt. Das Ergebnis ist keine bloße Aufführung, sondern eine Provokation: Was bleibt vom Menschen, wenn er zwischen zwei Monden tanzt?

Den Auftakt bildet Cussons „Sinfonietta Metamoderna“. Neun Minuten und dreiundvierzig Sekunden, in denen tanzende Holzbläser mit Streichern und Schlagzeug ein Wechselspiel eingehen, das an eine surreale Séance erinnert. Cusson schafft einen Klangkosmos, der sich nicht aufdrängt, sondern lockt – wie ein Labyrinth, dessen Wände aus schillernden Obertönen bestehen. Die Bläser flirren, die Streicher weben, das Schlagzeug pocht wie ein zweites Herz. Man folgt diesem Kosmos gern, weil er nie belehrend wirkt, sondern neugierig macht. Hier wird nicht interpretiert, sondern erfunden: ein Murakami’scher Parallelwelt-Klang, der die Grenzen zwischen Realität und Fiktion auflöst. Cusson beweist, dass kanadische Gegenwartsmusik mehr kann als folkloristische Postkarten – sie kann philosophieren, ohne zu dozieren.

Dann der Sprung ins Jahr 1896. Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ – jenes Monument, das seit Kubricks „2001“ als Space-Odyssee-Kulisse missverstanden wird. Shelley entreißt es diesem Klischee mit einer Lesart, die gleich zu Beginn in die Vollen geht. Keine Zurückhaltung, kein höfliches Abtasten. Der berühmte Sonnenaufgang explodiert nicht nur, er brennt. Die Beckenschläge knallen deutlicher als in den meisten Aufnahmen, die Orgel dröhnt wie ein erwachender Vulkan. Endlich ein Morgen, der nicht verzagt klingt, sondern fordert. Shelley macht Strauss offensiv – und das Orchester folgt mit einer Engagiertheit, die an allen Pulten spürbar ist.

Die „Hinterweltler“ schleichen sich ein, ungut und grummelig, alles andere als einladend. Shelley gestaltet sie fragend, spannend, als würde das Orchester selbst zweifeln. „Von der großen Sehnsucht“ wird suchend und doch wissend vorgetragen – man spürt, wie die Musiker mit den Hufen scharren, bereit, loszupreschen. Und dann geschieht es: In „Von den Freuden und Leidenschaften“ bricht die Leidenschaft aus, herrlich losgelöst, mitreißend. Hier klingt Strauss nicht wie ein Museumsstück, sondern wie ein lebendiger Organismus. Das „Grablied“ beginnt klagend, wird dann keck – Shelley zeigt sich ünerzeugend in der Darstellung von Kontrasten, die nie aufgesetzt wirken.

„Von der Wissenschaft“ kriecht schwer und schleimig daher, wie eine Lemure, die sich aus dem Sumpf erhebt. Man spürt die Last des Wissens, die Strauss hier beschwört. Beim „Genesenden“ widerstrebt das Orchester, bäumt sich auf – ein Kampf, der unter die Haut geht. Das „Tanzlied“ schließlich leuchtet und schillert in bunten Farben. Das Violinsolo ist seelenvoll, gibt den Takt mit einer Frechheit vor, die ansteckt. Die Oboe tönt dazwischen wie ein frecher Kommentar. In der Kulmination zum „Nachtlied“ öffnet sich ein finaler Klangkosmos, in dem alles zur Auflösung kommt – nicht im Sinne von Ende, sondern von Katharsis.

Technisch ist die Aufnahme ein Genuss. Weite, atmende Klangqualität, die das Orchester nicht in einen sterilen Raum zwängt, sondern atmen lässt. Die Dynamik ist präzise, die Balance zwischen den Sektionen vorbildlich. Das National Arts Centre Orchestra spielt mit einer Homogenität, die in nordamerikanischen Ensembles eher selten ist – und mit einer Leidenschaft, die europäische Spitzenorchester neidisch machen könnte.

„Terra Nova“ ist mehr als eine CD. Es ist ein Manifest. Shelley und Cusson zeigen, dass Klassik nicht museal sein muss, sondern brennen kann. Dass Nietzsche und Murakami nicht nur gelesen, sondern gehört werden können. Dass ein Orchester aus Ottawa die Welt zum Nachdenken bringen kann – über Sinn, über Menschsein, über die zwei Monde, die in uns allen leuchten. Wer diese Aufnahme hört, wird nicht nur Musik konsumieren. Er wird befragt. Und das ist das höchste Lob, das man einem Album geben kann.

Dirk Schauß, im November 2025

Poema

  1. Terra Nova
    Orchestre du  National des Arts Centre du Canada
    Alexander Shelley, musikalische Leitung
    Analekta, AN28892

 

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