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CD plus Buch: ANDRÉ MESSAGER: LES P‘TITES MICHU – Erste Gesamtaufnahme der romantischen französischen Operette aus dem Théatre Graslin Nantes

vom 23. und 24. Mai 2018 - EDITION BRU ZANE

23.12.2018 | cd

CD plus Buch: ANDRÉ MESSAGER: LES P‘TITES MICHU – Erste Gesamtaufnahme der romantischen  französischen Operette aus dem Théatre Graslin Nantes vom 23. und 24. Mai 2018 – EDITION BRU ZANE

 

Veröffentlichung: 11. Jänner 2019

 

Ein von sStolz getragener und strukturierter Umgang mit dem historischen Erbe bereitet in Frankreich weniger Sorgen und Verrenkungen als anderswo. Kein Pariser Regime vermag ganze Teile des kulturellen und musikalischen Schaffens aus dem nationalen französischen Bewusstsein auf Dauer als entartet herauszuschießen. Und im Bewusstsein der Einzigartigkeit (welcher auch immer) der Grande Nation treffen einander  in Frankreich auch die Proponenten alle politischen Lager. Was die klassische Musik betrifft, so war in den letzten zwei Jahrzehnten eine beispiellose Renaissance der französischen Barockmusik – Centre de Musique Baroque de Versailles sei Dank – zu erleben. Das prunk- bis humorvolle, sakrale und weltliche Schaffen von Rameau, Lully, Campra, Mondonville,  Marais, Delalande etc. findet der Musikfreund nicht nur in Paris, sondern allerorts auf den Spielplänen von Regionaltheatern und Festivals, in Kirchen und Schlössern.

 

Seit geraumer Zeit kümmert sich das Centre de musique romantique française des Palazetto Bru Zane in Venedig um die Wiederbelebung der französischen Musik des 19. Jahrhunderts (genauer 1780 bis 1920). Forschung, Konzerte, die Herausgabe von Partituren, Büchern und CDs, ein hoher künstlerischer Anspruch sowie umfassende pädagogische Aktivitäten bilden die Hauptsäulen des von humanistischem Geist inspirierten  einzigartigen Projekts. Ein eigener Radiosender und die digitale Bru Zane Mediabase runden die Arbeiten der Stiftung ab. 

 

Anfang Jänner 2019 wird die schon überaus reiche Raritäten-Diskographie (siehe http://www.bru-zane.com/it/) um ein weiteres CD-Buch erweitert. André Messagers unterhaltsame Operette „Les p‘tites Michu“ ward im Mai 2018 im Théatre Graslin mit den Kräften des Orchestre National des Pays de la Loire, den Choers d‘Angers Nantes Opéra unter der musikalischen Leitung von Pierre Dumoussaud aufgenommen und in einer limitierten und nummerierten Auflage von 3000 Stück editiert. 

 

In Paris, London, am Broadway, ja sogar in Australien und Neuseeland kam diese Komödie um gesellschaftliche Umbrüche im Zuge der französischen Revolution, Schein und Sein sozialer Unterschiede, Liebes- und Heiratssachen auf hunderte von umjubelten Aufführungen. 

 

Die Vorgeschichte ist schnell erzählt: Der Marquis des Ifs (Boris Grappe) vertraut 1793 mitten in den Grauslichkeiten Robespierrer‘scher Tyrannei seine neugeborene Tochter (die Mutter starb bei der Niederkunft) dem Ehepaar Michu an. Madame Michu (Marie Lenormand) hat ebenfalls gerade eine Tochter geboren. Was für ein Pech, dass Monsieur Michu (Damien Bigourdan) nach dem Baden der beiden Babys nicht mehr imstande ist, die Mädels voneinander zu unterscheiden. Blanche-Marie (Anne-Aurore Corchet) und Marie-Blanche (Violette Polchi) werden fortan als Zwillinge aufgezogen. Mit dem Geld des Adeligen konnten sich die Michu als Käse-Marktstandler in den legendären Halles de Paris installieren. Die Mädchen werden im Militärpensionat der Mlle Herpin (Caroline Meng) erzogen.  Eh klar, dass sich der Käse-Kommis Aristide (Artavazd Sargsyan) in eine der beiden verliebt, ohne genau zu wissen, in welche. Auch nicht weiter verwunderlich, dass der Marquis/Général eines Tages wieder vor der Tür der Michu steht und seine Tochter mit dem Offizier Gaston Rigaud (Philippe Estèphe), der ihm bei der Belagerung von Saragossa das Leben gerettet hat, verheiraten will. Die weitere Handlung dreht sich in manch skurrilen Volten darum, wer von den Anwärtern welche der Hübschen bekommt, mit allerlei Sentimentalitäten und melodramatischen Verwechslungen sowie einer Doppelhochzeit am Ende.

 

Die flotte Musik Messagers zu „Les P‘tites Michu“ aus dem Jahr 1897 trägt dem Geist der  selbstbewusst auftretenden einfachen Leute mit populären und eingängigen Rondes, Couplets, Villanelles Rechnung. Deftige Rhythmen, eine  raffinierte Orchestrierung, aber auch poetische Harmonien und romantische Ensembles gehen eine gar bekömmliche Melange ein. Das Vorbild Rossini ist ebenso auszumachen wie die kreativen Inventionen der Zeitgenossen Offenbach, Leqocq oder Hervé. Der Marquis ist ein Bariton de charge, das Ehepaar Michu sowie der Kommis sind zwei Charaktertenören sowie einem Charaktermezzo anvertraut. 

 

Debussy und Saint-Saens schätzten die kompositorischen Fähigkeiten Messagers. Die damalige Presse war von der schönen Musik entzückt. Gerühmt wurden der Humor ohne Banalitäten, die einschmeichelnden aber nie gefühligen Melodien, das Raffinement ohne Pedanterie, der Charme, die Perfektion. Wir können dieser Einschätzung noch heute ohne Wenn und Aber zustimmen.

 

Der heutige Hörer, der sich nicht mit Fragen der Ästhetik des Musiktheaters zur Jahrhundertwende in Frankreich beschäftigen will, kann eine großartige Opéra comique entdecken; mit allen Vorzügen, die das Genre zur Unterhaltung, aber auch sozialkritischer Reflexion, Witz, zarter Empathie und plustrigen Dialogen bereit hält. Das170 Seiten starke Buch (in französischer und englischer Sprache) enthält das Libretto, aber auch ausführliche Artikel zur Entstehung, der musikhistorischen Einordnung, Reaktionen von Presse und Publikum sowie eine musikalische Analyse der einzelnen Nummern des wunderbaren Stücks. In unseren Breiten wären „Les P‘tites Michu“ ein perfektes Vehikel  für die Volksoper in Wien oder die Komische Oper in Berlin. Auch musikalisch lässt die Aufnahme keine Wünsche offen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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