Tschaikowsky neu gehört: Dmitry Liss und das Ural Philharmonic Orchestra

Pjotr Iljitsch Tschaikowsky verstand Musik nicht nur als Kunst, sondern als Offenbarung – eine Verbindung aus Schönheit, Emotion und tiefer menschlicher Erfahrung. Seine Werke haben die Kraft, uns zu trösten, zu verzaubern und mit dem Leben zu versöhnen. Zwei seiner feinsten Kompositionen – die Suite Nr. 3 in G-Dur op. 55 und die Variationen über ein Rokoko-Thema op. 33 – stehen im Mittelpunkt dieser Neuveröffentlichung des Labels Fuga Libera. Am Pult: Dmitry Liss, Chefdirigent des Ural Philharmonic Orchestra, ein Musiker, der für stilistische Präzision ebenso bekannt ist wie für kraftvollen Zugriff. Ihm zur Seite steht der russische Cellist Boris Andrianov, der dem Rokoko-Thema eine besonders persönliche Note verleihen will. Doch gelingt es dieser Aufnahme, die heiklen Balanceakte zwischen Virtuosität, Eleganz und orchestraler Finesse zu meistern?
Die Suite Nr. 3, von Tschaikowsky selbst als eines seiner gelungensten Werke betrachtet, entfaltet sich in vier Sätzen, die in ihrer Vielschichtigkeit fast symphonische Dimensionen erreichen. Sie bewegt sich zwischen lyrischer Innigkeit, tänzerischer Leichtigkeit und orchestraler Opulenz – ein Werk, das sowohl feine Nuancen als auch große gestalterische Bögen verlangt.
Dmitry Liss findet hier eine klanglich prägnante, aber nicht immer federnde Interpretation. Im eröffnenden „Élégie“ nimmt er sich Zeit, die weit geschwungenen melodischen Linien aufblühen zu lassen. Das Ural Philharmonic Orchestra überzeugt mit schön ausbalancierten Streicherstimmen, wobei der Gesamtklang eher warm als seidig wirkt. Die Holzbläser – besonders die Klarinetten – setzen feine Farbakzente, auch wenn der innige Schimmer, den manche Interpretationen hervorzaubern, nicht ganz erreicht wird.
Die folgende „Valse mélancolique“ bleibt ihrem Namen treu – doch wo sich manche Dirigenten für eine fast schwebende Eleganz entscheiden, wählt Liss eine direktere Gangart. Der Walzer pulsiert, verliert aber etwas von seiner schwerelosen Melancholie. Der subtile Hauch von Nostalgie, den diese Musik in den besten Interpretationen entfaltet, könnte noch nuancierter herausgearbeitet sein.
Im „Scherzo“ kommt das Orchester in Bewegung: Hier zeigt sich Liss‘ große Stärke – rhythmische Prägnanz und ein ausgezeichneter Sinn für dynamische Akzentuierung. Die Bläser agieren mit lebhafter Frische, die Streicher sind präsent und agil, doch fehlt bisweilen jene tänzerische Leichtigkeit, die den Satz in besten Momenten fast schwerelos erscheinen lässt.
Der letzte Satz, „Thema mit Variationen“, ist das eigentliche Herzstück der Suite – eine faszinierende Studie über melodische Entwicklung und instrumentale Farbenvielfalt. Hier gelingt Liss eine vielschichtige, detailreich ausgearbeitete Interpretation. Die einzelnen Variationen sind klar voneinander abgegrenzt, rhythmisch präzise, mit gut abgestuften dynamischen Bögen. Besonders die fugierte Variation bringt eine fast Bach’sche Strenge ins Spiel, während die abschließende Stretta mit kräftiger Energie entfacht wird. Doch in einigen Passagen schleicht sich eine gewisse Kernigkeit ein – besonders in den Blechbläsern –, die nicht immer mit der schwebenden Eleganz von Tschaikowskys Orchestersprache harmoniert.
Tschaikowskys Variationen über ein Rokoko-Thema sind eine Hommage an die Leichtigkeit des 18. Jahrhunderts, an Mozarts Geist und das verspielte Raffinement der Klassik. Doch ebenso sehr sind sie ein Prüfstein für jeden Cellisten: gefordert sind makellose Technik, natürliche Phrasierung und eine schwebende Eleganz.
Boris Andrianov entscheidet sich für einen interpretatorisch eigenwilligen Zugang: Sein Cello-Ton ist präsent, volltönend und von kerniger Direktheit. In den expressiven Passagen bringt er eine packende Intensität ein – besonders in den dramatisch aufgeladenen Variationen zeigt sich seine Gestaltungskraft. Doch genau dort, wo das Rokoko-Thema nach luftiger, fast tänzerischer Beweglichkeit verlangt, bleibt sein Spiel erdverbundener. Die verzierten Läufe sind technisch makellos, könnten jedoch mit noch etwas mehr Flexibilität und feinerer Artikulation durchdrungen sein.
Das Zusammenspiel mit dem Orchester ist gut abgestimmt – Liss hält das Ural Philharmonic Orchestra in einem engen Dialog mit dem Solisten. Dennoch bleibt die orchestrale Begleitung stellenweise etwas generisch: Die Klangbalance ist zwar sorgfältig gewahrt, aber der Orchesterpart könnte in seinen Farben noch subtiler modelliert werden, um das Wechselspiel zwischen Solo und Ensemble stärker zum Leuchten zu bringen.
Aufnahmetechnisch bietet diese Einspielung eine transparente, gut durchhörbare Klangbalance. Das Orchester ist präzise eingefangen, ohne übermäßig analytisch zu wirken. Die Streicher haben Wärme, wenn auch nicht die seidige Brillanz großer Referenzaufnahmen. Andrianovs Cello steht klar im Vordergrund, aber in den lyrischen Passagen könnte es noch geschmeidiger in den Gesamtklang eingebettet sein. Die räumliche Tiefenstaffelung ist solide, wenn auch nicht außergewöhnlich plastisch.
Dmitry Liss und das Ural Philharmonic Orchestra präsentieren eine energische, stellenweise etwas kernige Interpretation von Tschaikowskys Suite Nr. 3 und den Rokoko-Variationen. Die orchestrale Gestaltung überzeugt in vielen Momenten durch Klarheit und strukturelle Präzision, doch wo andere Dirigenten die schimmernde Raffinesse dieser Musik betonen, setzt Liss eher auf Direktheit und Biss. Boris Andrianov liefert ein technisch brillantes, aber weniger galantes Cellospiel – seine kraftvolle, heroische Lesart verleiht den Rokoko-Variationen eine ungewohnte Spannung, lässt aber jene schwerelose Verspieltheit vermissen, die das Werk in seinen besten Interpretationen auszeichnet. Klanglich solide und interpretatorisch eigenwillig, ist diese Neuveröffentlichung eine interessante Alternative zu etablierten Referenzaufnahmen – besonders für Hörer, die Tschaikowskys Musik in einer kraftvollen, markanten Lesart erleben möchten.
Dirk Schauß, im Februar 2025
Pjotr Iljitsch Tschaikowsky
Ural Philharmonic Orchestra
Dmitry Liss
Fuga Libera, FUG834

