
Lukas Geniušas vermählt das Unvereinbare im Geiste der Freiheit
Gattungsbegriffe in der Musik stiften sofort Verwirrung, sobald man sie wörtlich nimmt. Wer bei einer Fantasie an zielloses Präludieren denkt, an formloses Schwelgen ohne architektonisches Gerüst, der hat die Dialektik der Romantik gründlich missverstanden. Gerade die scheinbare Freiheit von der Form hat die großen Meister herausgefordert – weil reine Abstraktion ohne innere Logik unweigerlich ins Chaos führt. Freiheit im Tonsatz bedeutet eben nicht Beliebigkeit, sondern das Recht, sich eine eigene, unwiederholbare Gesetzmäßigkeit zu schaffen. Der russisch-litauische Pianist Lukas Geniušas hat genau dieses Paradoxon auf seinem neuen Album bei Alpha Classics zugespitzt – und zwar mit zwei Werken, die zusammen eine erstaunliche Sprengkraft entwickeln.
Im Mittelpunkt steht Franz Schuberts monumentale Wanderer-Fantasie in C-Dur von 1822, allerdings nicht in der originalen Solofassung, sondern in Franz Liszts farbenprächtiger Bearbeitung für Klavier und Orchester von 1851. Liszt hat daraus weit mehr als eine bloße Klangverstärkung gemacht: ein veritables, verkapptes Klavierkonzert. Für den rastlosen Virtuosen war die Wanderer-Figur ohnehin eine zutiefst persönliche Chiffre. Schubert hatte sein eigenes Lied zu einem viersätzigen, durchgehenden Monstrum geformt, das von einem einzigen Rhythmus zusammengehalten wird. Liszt erkannte das geniale monothematische Potenzial – das seine eigene h-Moll-Sonate bereits ankündigt – und goss es in symphonische Dimensionen.
Das Sinfonieorchester St. Gallen unter Modestas Pitrėnas greift diesen symphonischen Handschuh mit beeindruckender Energie auf. Kein falscher Respekt vor dem „intimen“ Schubert, sondern voller orchestraler Druck. Geniušas beweist in diesem Hexenkessel eine analytische Klarheit, die beeindruckt. Er verweigert sich jedem romantisierenden Kitsch. Die schweren Moll-Akkorde des Adagios, in denen das Wanderer-Thema nackt und unheimlich erscheint, spielt er mit existenzieller Härte. Hier wird deutlich, worum es ihm geht: Reibung statt Verharmlosung. Das Presto gerät zu einem agilen, auch sarkastischen Dialog mit dem Orchester, das die tänzerischen Momente eher als groteskes Scherzo denn als Idylle behandelt. Das Finale rast dann mit unbändiger Kraft davon.
Der wahre Reiz dieser Einspielung liegt aber in der Gegenüberstellung mit Tschaikowskis viel zu selten gespielter Konzertfantasie G-Dur op. 56 von 1884. Nur gut sechs Jahrzehnte liegen dazwischen, doch ästhetisch trennen die beiden Werke Welten. Tschaikowski, im Westen oft als reiner Gefühlsmusiker abgestempelt, war tatsächlich ein strenger Klassizist mit großer Bewunderung für Mozarts formale Eleganz. Seine Fantasie sucht keine deutsch-romantische Erlösung, sondern feiert Glanz, Virtuosität und suiten-artige Formen.
Nach einem ruppigen Kontrabass-Auftakt entfaltet sich ein farbenfrohes Quasi-Rondo. Dann kommt der große Bruch: eine monumentale Solokadenz, die eigentlich ein eigenes Thema mit Variationen ist. Das Orchester schweigt, und Geniušas gestaltet diese einsame Arie mit wunderbarer Natürlichkeit und feinster dynamischer Abstufung. Der zweite Satz (Contrastes) springt zwischen tiefer lyrischer Wehmut und wilden, ballettartigen Rhythmen hin und her. Genau hier erkennt man den russischen Melancholiker, der seine innere Zerrissenheit in klare, disziplinierte Formen gießt.
Klanglich ist die Aufnahme hervorragend gelungen: nah, warm, dynamisch und mit genug Luft zum Atmen.
Geniušas und das St. Galler Orchester servieren kein gefälliges Programm, sondern eine kluge, streitbare und packende Begegnung zweier Welten. Wer wissen will, wie aus romantischer Freiheit höchste formale Disziplin entstehen kann, sollte diese Aufnahme unbedingt hören.
Dirk Schauß, im Juni 2026
Pjotr I. Tschaikowsky
Konzertfantasie op. 56
Franz Schubert/Franz Liszt
Wanderer-Fantasie in C-Dur, D 760
Lukas Geniušas, Klavier
Sinfonieorchester St. Gallen
Modestas Pitrėnas, musikalische Leitung
Alpha Classics, Alpha1225

