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CD: Piano Heroines Claire Huangci, Klavier Alpha Classics, Alpha1231

30.01.2026 | cd

CD: Piano Heroines Claire Huangci, Klavier Alpha Classics, Alpha1231

Stimmen, die geblieben sind – Claire Huangci hört zu

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Mit Piano Heroines legt Claire Huangci bei Alpha Classics kein Themenalbum im modischen Sinn vor, sondern ein klug durchdachtes musikalisches Portrait. Nach ihrer Einspielung amerikanisch geprägter Werke (Alpha1071) richtet sie den Blick nun auf Komponistinnen, deren Musik allzu lange überhört wurde. Nicht aus Mangel an Qualität, sondern aus gesellschaftlichen Gründen. „Die Realitäten, mit denen diese Frauen konfrontiert waren, sind für moderne Frauen in diesem Bereich kaum vorstellbar“, sagt Huangci. Und sie macht diese Realitäten hörbar, ohne sie auszustellen.

Clara Wieck-Schumann, Mutter von acht Kindern, Hauptverdienerin und rastlos reisende Pianistin. Fanny Hensel, die im privaten Salon komponierte und unter dem Namen ihres Bruders veröffentlichte. Amy Beach, deren schöpferische Freiheit durch ihre Ehe massiv eingeschränkt wurde. Florence Price, die zusätzlich zu geschlechtsspezifischer auch rassistische Diskriminierung erfuhr. Über Jahrhunderte hinweg erreichen uns ihre Stimmen nur, weil Interpretinnen wie Claire Huangci bereit sind, sich ernsthaft auf sie einzulassen. „In ihrer Musik hören wir nicht nur Geschichte. Wir hören Transformation.“ Dieses Hinhören prägt jede Minute der CD.

Fanny Mendelssohn eröffnet das Programm mit den beiden Capriccios in h-Moll. Huangci lässt den Beginn wie aus weiter Ferne entstehen, tastend, suchend und scheu. Das folgende Allegro bricht dann mit federnder Energie hervor, quirlig, unruhig, wie ein Bach nach starkem Regen. Aus dem Zyklus „Das Jahr“ wählt sie vier Miniaturen, die sie klar voneinander absetzt. Der „Februar-Scherzo“ ist ein sprunghaftes Scherzo, voller Bewegungsdrang und ungebremster Lebensfreude. Der „Mai-Frühlingslied“ singt leichtfüßig und lächelnd, mit kantablem Anschlag und feinem Pedalgebrauch. Die „Juni-Serenade“ breitet sich innig aus: sanfte, wellenartige Bewegungen in der linken Hand tragen eine intensiv gesungene rechte. Der „September-Am Flusse“,  schließlich zieht ruhig vorbei, mit fließender Zeitlichkeit und einer Gelassenheit, die nichts beschönigt.

Bei Amy Beach verschiebt sich der Fokus deutlich. Die Fantasia fugata op. 87 beginnt mit wuchtigen, schroffen Akkorden, kraftvoll und doch herb. Huangci scheut hier keine Schärfe, lässt die Musik zupacken. Die Fuge entwickelt sich daraus ruhig und stetig, klar strukturiert, mit langem Atem. Der „Cradle Song of the lonely Mother“ op. 108 ist von schmerzlicher Sehnsucht getragen, ein Zurückblicken voller Erinnerung und leiser Resignation. In den vier Sketches op. 15 zeigt Huangci ihre Fähigkeit zur Charakterzeichnung: In „Autumn“ tanzt mit feinen Rubati, leicht herb gewürzt. „Phantoms“ bleibt flüchtig und schwer greifbar, ständig in Bewegung. „Dreaming“ entfaltet schlichte, herzliche Kantilenen über sanften Wellen. „Fire-Flies“ schließlich ist pure Virtuosität, flackernd, funkelnd, mit glühender Energie auf den Tasten.

Clara Schumann ist mit mehreren Facetten vertreten. Das „Notturno“ überzeugt als weiter, romantischer Gesang, ruhig und innig. Das „Capriccio à la Bolero“ aus den Pièces caractéristiques op. 5 grummelt mit klarer Vorwärtsbewegung und starkem rhythmischem Puls. In der „Scene fantastique“ wird der Ton rauer: heftige Anschläge, deutliche Akzente, eine entschlossene, kämpferische Haltung. Ein besonderer Höhepunkt der CD ist die Romanze aus dem Klavierkonzert op. 7. Hier verschmilzt Huangcis poetischer Anschlag mit dem warmen, tragfähigen Celloton von Tristan Cornut zu einem innigen Zwiegespräch. Ein Moment von großer Ruhe und Tiefe. Die abschließende „Polonaise“ aus den Soirées musicales bleibt bewusst uneindeutig: elegant, aber mit Abgrund, spannungsvoll und offen in ihrer Intention.

Florence Price setzt den Schlusspunkt mit einer ganz eigenen Klangwelt. Die „Fantasie nègre“ in g-Moll öffnet Räume von Weite und Farbe, rhythmisch markant und zugleich lyrisch. Die „Meditation“ wirkt wie eine leise Zwiesprache, intim und persönlich. Der „Waltz of the Spring Maid“ strahlt heitere, lichte Lebensfreude aus. „Your Hands in Mine“ klingt nahezu orchestral, eine intensive Liebeserklärung voller Wärme. Der „Cotton Dance“ schließlich groovt lässig und selbstbewusst, rhythmisch präzise und mit viel Charme.

Claire Huangci überzeugt durch Virtuosität, Sensibilität und eine ausgeprägte Stärke in den Zwischentönen. Ihr Anschlag ist glasklar, die Dynamik fein abgestuft, nichts wirkt überzeichnet. Der Klang der CD ist natürlich, weit und präzise, jedes Detail bleibt hörbar, ohne analytisch zu wirken. Tristan Cornut fügt sich mit seinem warmen Cellospiel organisch ins Gesamtbild ein.

Piano Heroines ist keine musikgeschichtliche Fußnote, sondern ein lebendiges, starkes Album. Es erzählt nicht von Opferrollen, sondern von künstlerischer Kraft. Und es tut genau das, was Claire Huangci ankündigt: zuhören, ernst nehmen und diesen Stimmen Raum geben.

Dirk Schauß, im Januar 2026

 

 

 

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