CD PI-CHIN CHIEN & ADRIAN OETIKER – „Werke für Violoncello & Klavier“: Verborgene Schätze der Schweizer Musiklandschaft; ARS Produktion 2024 21.03.2025 | CD
*Paul Juon (1872-1940), Othmar Schoeck (1886-1957), Fabian Müller (1964)

Das schweizerische Musikschaffen versteckt sich manchmal etwas im Verborgenen, vor allem wenn es um die internationale Bühne geht. Unter dem schlichten Titel „Werke für Violoncello & Klavier“ bringt nun eine Produktion des ARS-Labels Schätze dieses Repertoires ans Licht – mit dem Cello als eloquentem Protagonisten. Pi-Chin Chien und Adrian Oetiker, beide auf internationalen Konzertpodien gefeiert, präsentieren hier drei Stationen der Musikgeschichte dieses Landes: Paul Juons russisch inspirierte Spätromantik, Othmar Schoecks liedhafte Expressivität und Fabian Müllers zeitgenössische Formensprache.
Im Falle der Sonate von Paul Juons könnte man fast schon von einem russisch-schweizerischen Brückenschlag reden. Denn dessen Opus 54 in a-Moll rechtfertigt Paul Juons Beinamen „Schweizer Tschaikowsky“ allemal: melodische Erfindungskraft geht mit erzählerischer Klarheit einher, ist aber mit viel slawischem Temperament aufgeladen. Chiens Celloton entfaltet besonders im introspektiven Andantino eine seidenweiche Kantabilität, während Oetiker die harmonischen Feinheiten mit analytischer Transparenz herausstellt – was schließlich auch sehr abwechslungsreiche Spannungsbögen aus scheinbar einfacher Struktur schöpft. Im virtuosen Schlusssatz ergeht sich das Duo in hitzig aufgeladenen Dialogen voller Impulsivität und Freude – auch das bescheinigt diesem etwas versteckten Meisterwerk einen hohen Entdeckungswert.
Poetischer und intimer geht es in Fabian Müllers Bearbeitung der „Sechs Lieder op. 6“ von Othmar Schoeck zur Sache. Diese um 1910 entstandenen Frühwerke, in denen Schoeck von schwäbischen Volksliedern über Keller und C.F. Meyer bis zu Novalis und Verlaine eine bemerkenswerte textliche Vielfalt erschließt, demonstrieren eine gelungene Metamorphose von Lied zu Instrumentalmusik. Chiens spielerische Qualitäten auf dem Violoncello zeigen sich auch hier, wenn sie die melodischen Linien zum Sprechen bringt. Alles in allem offenbart sich hier ein faszinierender Mikrokosmos europäischer Liedtradition in sechs ausdrucksstarken Miniaturen, deren reizvolle Glissando- und Pizzicato-Passagen die Cellistin Pi-Chi Chien mit ansteckender Spiellust in Szene zu setzen weiß.
Zeitgenössische Klangräume eröffnen sich in Fabian Müllers eigenen Werken – Sonate (2005) und Suite (2004) – die einen Komponisten zeigen, der in scheinbar traditionellen Formen die ganze innovative Freiheit von heute zum Ausdruck bringt und dabei in einem gelungenen Wechselspiel zwischen cineastischer Weite und kammermusikalischer Intimität zu überzeugen weiß. Chiens facettenreiche Klanggestaltung und Oetikers lebendig dosierte Dynamik lassen dieses organische Ganze leben. Auch in der darauf folgenden Suite präsentiert sich Müller als geistvoller Neudeuter historischer Formen. Besonders die „Barcarole“ entfaltet ein weites Farbenspektrum von mysteriösen Basstönen bis zu sphärischen Klängen in den hohen Lagen, während das virtuose Finale mit seinen wohlkalkulierten Crescendi und perkussiven Spieltechniken die technische Meisterschaft der Interpreten herausfordert.
Fazit: Dieses Duo liefert wichtige Einblicke in das schweizerische Musikschaffen in Geschichte und Gegenwart – musiziert mit überlegener gestalterischer Selbstverständlichkeit und einer hellwachen Interaktion im Dienst der musikalischen Aussage.
ARS Produktion, 62:02 Minuten
Stefan Pieper

