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CD PHILIPP CHRISTOPH KAYSER „SCHERZ, LIST und RACHE“ – Weltersteinspielung; dhm

31.10.2020 | cd

CD PHILIPP CHRISTOPH KAYSER „SCHERZ, LIST und RACHE“ – Weltersteinspielung; dhm

Goethe und Kayser schufen ein starkes deutsches Gegenstück zur italienischen Buffa – meine persönlich überraschendste Opernentdeckung des Jahres

Diese von Kayser verkomponierte Farce aus der Feder des Johann Wolfgang von Goethe – eine bitterböse Erbschafts-Dreipersonenbuffa dauert eigentlich so lange wie Wagners „Die Walküre“. Um die Hälfte auf konsumierbare zwei Stunden eingedampft, erfährt sie jetzt ihre gelungene CD-Premiere. Die Uraufführung dieser Oper erfolgte mit zweihundertjähriger Verspätung 1993 im Liebhabertheater Schloss Kochberg Thüringen, damals allerdings nur mit einem kleinen Kammerorchester unter der musikalischen Leitung von Hermann Dechant. 

Werner Ehrhardt mit dem Originalklangensemble L’Arte del Mondo und drei tollen Solisten (Annika Boos Scapine, Cornel Frey Scapin und Florian Götz Doktor) hat die freche Komödie mit durchaus ernsten Einsprengseln für Bayer Kultur in Leverkusen 2019 halb-szenisch herausgebracht. Dafür wurde eine eigene Partitur erstellt, die sich auf ein großes Orchester gründet, wie Kayser dies vorsah. Wir haben es nicht mit einem am Lied orientierten typischen deutschen Singspiel zu tun (es gibt auch keine gesprochenen Dialoge), sondern basierend auf Goethes Faible für die Commedia dell’arte gibt es virtuose Arien in italienischer Manier, Duette, Terzette, Ensembles, dramaturgisch wohl durchdachte Szenen und durchkomponierte Finali. Goethes Frankfurter Jugendkumpel und der Schöpfer der im ähnlichen Zeitraum entstandenen klassischen Dramen „Torquato Tasso“ und „Iphigenie in Tauris“ haben die vieraktige musikalische Komödie in jahrelanger enger Zusammenarbeit erstellt, der eine von Zürich, der andere von Weimar aus. Die endgültige Finalisierung fand auf Einladung Goethes in Rom statt.

Die knappe Handlung um eine abgefeimte Erbschleicherei geht so: Die Geschwister Scapine und Scapin hatten eine reiche Tante. Aber statt nach deren bedauerlichem Ableben froh und munter das Erbe genießen zu können, müssen sie erfahren, dass ein Quacksalber der übelsten Sorte sich – Verleumdung und Lügen im Gepäck – an die Tante angepirscht hat und erfolgreich ihr gesamtes Vermögen testamentarisch zugesprochen bekam.

Nach diesem üblen Verbrechen werden Listen aller Art bemüht, um wirksam Rache nehmen zu können: Scapin kommt als Diener ins Haus des Doktors, Scapine wiederum als äußerst attraktive Patientin. Leider verträgt die schöne Maid die Behandlung scheinbar schlecht, erleidet eine gefakte koloraturbehübschte Arsenvergiftung, die zum raschen und perfekt vorgegaukelten „Tod“ führt. Der junge Diener soll gegen Geld die Leiche seiner Schwester entsorgen. In nächtlichem Grusel à la „Freischütz“ erscheint Scapine dem Doktor als Geist, derweilen ihr Bruder hohe Schweigesummen erpresst. Die Idee mit dem Rufen der Nachbarn lässt der Doktor nach kurzer Überlegung rasch wieder fallen. „Mir will das Herz in dem Busen zerspringen! Diebe! Gift! Öder! Rattengift!” Scapin und Scapine höhnen: „Keine Verlegenheit ficht uns an! Höret ihr sie klingen? Seid doch bescheiden! Geht, legt Euch schlafen! Träumt von dem Streich!“

Sie werden hören, dass diese meisterliche Oper wirklich ein ganz unverwechselbar eigenes Profil hat. Mit Barock hat die Musik ganz und gar nichts zu tun. Komisches und Empfindsames gehen eine spezifisch brillante Partnerschaft ein. So wie bei Paisiello und Cimarosa? Irgendwie und doch überhaupt nicht. Das üppige Orchester mit Streichern, Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagott, Hörner, Trompeten und Pauke wird symphonisch bzw. in vielen Teilen konzertant zu den Solisten behandelt. Da geht es wüst lautmalerisch zu wie in Haydns „Die Jahreszeiten“. So etwa in der witzigen Arie des Doktors „Wau, wau, mach Platz mein Schatz, es gibt Verdruss, ich muss hinaus, ich muss ins Haus, ich bin der Zerberus!“ mit Hundegebell und Hörnern, die eine Jagd suggerieren. Die anschließende „Sinfonia“ verhunzt ganz köstlich das Gehetzte und die Doppelbödigkeit der Charaktere. 

Die Musik trifft die verschiedenen Ebenen der Gefühle, die sich durchaus ernst nehmen. Das Terzett „O Not in die wir geraten“ kurz bevor Scapine „stirbt“, lässt hier ähnlich wie das berühmte Quartett „Ach, Belmonte! Ach, mein Leben“ in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ahnen, wie es den Protagonisten wirklich geht. Ergaunern, betrügen, rückbetrügen, zurückgaunern, sich rächen haben auf jeden Fall eine dunkle Seite, die hier ausbricht und die drei kurz wegzuspülen scheint, bevor im Secco-Rezitativ wieder ganz die Farce ihr Recht fordert. Vom Stil her lässt das Duett „Nun mein Kind, es wird bekommen“ Assoziationen zum Streit von Osmin und Blonde aufkommen. Im ersten Akt weist der Monolog des Scapin (Track 6) klar auf die Szene des Mime in Wagners „Siegfried“, die Parallelen sind frappant. Zur Erinnerung: Wir schreiben gerade 1787.

Wirklich revolutionär ist, wie vom Orchester begleitete Teile, Secco-Rezitative und instrumentale Zwischenspiele in einer Art von übergeordneter Struktur die Idee der durchkomponierten Oper vorwegnehmen. Das Instrumentarium wird differenziertest solistisch eingesetzt, einerseits um Emotionen und ihre Echt- oder Falschheit markant  offen zu legen, andererseits um Atmosphärisches wie Nacht, Gewitter oder Gespenstisches so drastisch wie möglich darzustellen. Und noch einen Überraschung: Das hochdramatische, die sieben bösen Geister beschwörende Aufbrausen der Scapine im vierten Akt ist wunderbar frühromantisch expressiv ganz in der Art von Carl Maria von Weber geschrieben.

Werner Ehrhardt gelingt es, die vielen Schichten zwischen Haydn und romantischer deutschen Oper mit Temperament, Humor und vielen (bis hin zu gebrochenen) Zwischentönen unterhaltsam zu servieren. Florian Götz erfreut mit seinem kernig-jugendlichen Bariton und einer scharf konturierten Charakterstudie des fiesen doktorischen Erbschleichers. Annika Boys hat soubrettenhaft Leichtes im Köcher, kann aber auch in der Gespensterszene durchaus dramatisch auftrumpfen. Cornel Frey mit seinem idealen Mozarttenor hat schon die ersten Wagner Rollen hinter sich. Als Scapin ist er der Drahtzieher, der dem Gauner überzeugend nicht nur Schlauheit, sondern auch bestens fokussierte Stimmkraft entgegensehen kann. Eine Entdeckung!

Fazit: Von dieser originell konstruierten sowie großartig gesungenen und musizierten Oper könnte man auch vier Stunden vertragen. Der Anfang ist jedenfalls gemacht. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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