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CD PETR NEKORANEC singt französische Arien; Tschechische Philharmonie; Christopher Franklin; SUPRAPHON

21.09.2020 | cd

CD PETR NEKORANEC singt französische Arien; Tschechische Philharmonie; Christopher Franklin; SUPRAPHON

 

Für die erste Ausgabe des Bayreuth Baroque Opern Festival im Markgräflichen Opernhaus hat ihn Max Emanuel Cencic für die Rolle des Asprando in Nicola Antonio Porporas Oper „Carlo il Calvo“ engagiert. Der aufstrebende junge tschechische Tenor Petr Nekoranec gehört seit September 2018 dem Ensemble der Staatlichen Oper Stuttgart an. Als typischer Vertreter  des Stimmfachs ,tenore leggero‘ oder ,tenore di grazia‘ singt er dort Rollen wie den Almaviva in Rossinis „Barbier von Sevilla, den Ramiro in Rossinis „La Cenerentola“ und den Ernesto in Donizettis „Don Pasquale“. Vorher war Nekoranec 2014 bis 2016 Mitglied des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper, wo er u. a.  als Parpignol („La Bohème“) sowie in Rossinis „Le Comte Ory“ oder Brittens „Albert Herring“ zu hören war. Wer wissen will, wie er sich den ersten Preis des Wettbewerbs Francesco Vinas im Gran Teatro del Liceu in Barcelona holte, sehe sich das Video aus dem Jahr 2017 mit einem ungemein stilsicheren und gefühlvollen ,Una furtiva lagrima‘ aus Donizettis „L‘elisir d‘amore“ an.

 

https://www.youtube.com/watch?v=hfAD9QIMIAM

 

Alle Tugenden, die dieser eminent musikalische Sänger hier an den Tag zu legen vermag, zeichnen auch das bei Supraphon erschienene Album „French Arias“ (Vorschau  https://www.youtube.com/watch?v=Ae09Tktwvn8 ) aus. Petr Nekoranec beherrscht das Spiel der Abmischung von Wortdeutlichkeit und Tonqualität bestens. Der lyrische Gehalt der Musik spiegelt sich in fein gedrechselten Phrasen, viele davon vermag er mit einem kunstvoll ins Pianissimo gleitenden Decrescendo zu beenden. Balsam für die Ohren. Sein Tenor trägt, wie ich das in Bayreuth selbst erleben konnte, bestens. Die Stimme ist gut fokussiert und die Projektion in den Raum dermaßen perfekt, dass der Eindruck einer großen Stimme entsteht. 

 

Mein Lieblingsstück aus dem ganz der französischen Romantik gewidmeten Album ist die Arie des Nadir ,Je crois entendre encore‘ aus George Bizets „Les pêcheurs de perles“. Wie Nekoranec hier groß geatmete Piani-Bögen spannt, die Melancholie der Figur in absoluter jugendlicher Natürlichkeit durchlebt, begeistert und berührt in ihrer lyrischen Intimität. Ein großes Lob ist hier auch dem erstklassigen Orchester und seinem Dirigenten auszusprechen, die den Sänger auf orchestrale Daunen betten.

 

Es sei nicht verschwiegen, dass die (noch weiter zu entfaltenden) Stimmfarben eine konkurrenzfähige Wiedergabe der Arien ,O nature pleine de grace“ aus Massenets „Werther“ und auch für „O blonde Cérès“ aus Hector Berlioz‘ „Les Troyens“ noch nicht erlauben. Hier zeigt sich auch, dass eine Verdickung der Mittellage die Höhe des Tenors gefährden könnte. Als Probenstücke einer in die Zukunft gedachten Karriere sind sie aber dennoch erstaunlich, vor allem weil Nekoranec hier wiederum einen feinen Umgang mit der Sprache zelebriert und die introvertierte Seite der Musik reizvoll auskostet. Die nächsten zehn Jahre sollte der Sänger aber von solchen Partien auf der Bühne tunlichst die Finger lassen. 

 

Ganz wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser fühlt sich Nekoranec bei ,Au mont Ida‘ aus Jacques Offenbachs „La belle Hélène“ und natürlich bei ,Pour me rapprocher de Marie‘ und ,Ah! Mes amis, quel jour de fête!‘ aus Donizettis „La fille du régiment“.  Da kann die frische Stimme unbeschwert und frei floaten. Auch wenn Nekoranec bei den Proben an die hundert C‘s absolviert haben soll, sitzen die neun gefürchteten Spitzentöne sicher und keck, wie sich das für dieses vokale Showstück aus der Hochschule des Belkanto gehört. 

 

Eine schöne Rarität hat Nekoranec auch ins Programm genommen: ,Puisqu‘on ne peut fléchir…Vainement ma bien aimée‘ aus Édouard Lalo‘s „Le roi d‘Ys“.

 

Aus jedem Ton des Albums ist zu hören, wie intensiv an Diktion, kleinen Details in Phrasierung und Dynamik gearbeitet worden ist. Noch wichtiger aber scheint, wie intensiv und mit welch glühender Begeisterung dieser Musiker an die schwere Aufgabe dieses tenoralen Wunschkonzerts herangeht und sie auf seine Art und die aktuellen Möglichkeiten seiner Stimme bravourös meistert. Wenngleich die großen Arien aus Gounods „Faust“ und „Roméo und Juliette“ (im Duett ,Ange adorable‘ wird er von Zuzana Markovà assistiert) noch große Versprechen bleiben müssen, gibt es auch da viel Positives und im Versuch Sympathisches zu hören.

 

Fazit: Eine der aufregendsten Tenor-Entdeckungen der letzten Jahre in einem Repertoire, das teils noch in die Zukunft weist, teils jedoch spektakulär die immensen Qualitäten dieses seriösen und hart arbeitenden Künstlers abbildet. Wer einfach eine unglaublich schön timbrierte junge Stimme im ersten Frühling hören will, dem sei dieses Album wärmstens empfohlen.

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

 

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