Salomé Jordania durchmisst Abgründe und Lichtblicke

Ein Debütalbum verlangt Mut. Man kann sich leise anschleichen oder dem Publikum ein Programm vor die Füße werfen, das nach Transzendenz, Gottesfurcht und Teufelswerk zugleich riecht. Die 1996 geborene georgische Pianistin Salomé Jordania hat sich für den Sturz ins Volle entschieden. Unter dem Titel „Passage – A Spiritual Odyssey“ versammelt sie auf dem Label La Dolce Volta Werke von Franz Liszt, Alexander Skrjabin und Kaija Saariaho. Das ist kein Hintergrund für den Sonntagstee. Es ist ein Parforceritt durch seelische Extremzustände.
Den Auftakt bilden die Genfer Glocken aus Liszts erstem Jahr der Wanderschaft – nicht als pompöses Geläut, sondern als intimes Zwiegespräch. Jordania belauscht sich hier selbst. Linke und rechte Hand treten in einen schattierten Dialog, die Anschlagskultur ist differenziert, die Artikulation sanft, fast scheu. Doch wer glaubt, sie wolle nur Wohlklang ausbreiten, täuscht sich. Es ist die Ruhe vor dem Sturm.
Gleich darauf bricht Skrjabins Poème satanique op. 36 herein. Jordania wechselt den Tonfall ohne Zögern: die Akzente sitzen scharf, das Klavier stellt drängende Fragen. Die Phrasierung stürzt vor und wird im letzten Moment wieder eingefangen. Keine spitzfindige Etüde, sondern ein hochgespanntes Stück voller Dämonie, das die Grenzen des Instruments austestet.
Noch weiter treibt sie die Suche in Skrjabins neunter Sonate, der „Schwarzen Messe“. Sie lässt das Tastenwerk suchend und schroff klingen. Wo andere versuchen, die zerrissene Struktur mit süßlichem Rubato zu kitten, setzt sie auf kraftvolle, ruppige Akzentuierungen. Das Instrument wird zum Resonanzraum einer Existenzangst, die sich in heftigen Ausbrüchen Bahn bricht. Jordania scheut sich nicht, diese Hässlichkeit in ihrer Dringlichkeit offenzulegen.
Als innehaltendes Rätsel fügt sich Kaija Saariahos Prelude ein. In der linken Hand grummelt ein ostinates Fundament, während die rechte Hand vergeblich ins Licht greift. Arpeggien steigen auf, schimmern kurz und fallen in sich zusammen. Die Musik kommt nicht vom Fleck. Jordania lässt den Tönen Zeit zu atmen und verweigert jede billige Dramatik – der Hörer bleibt in atemloser Ungewissheit zurück.
Trost findet man wieder bei Liszt. Die Bénédiction de Dieu dans la solitude wird unter ihren Händen zu purer Poesie. Hier wandelt sich Jordania zur Sängerin am Instrument. Weit geschwungene Bögen umfangen den Hörer, frei von falschem Pathos. Man spürt, dass hier jemand Kantilenen empfindet und die Tasten wie eine menschliche Stimme aufblühen lässt.
Den Abschluss bildet Liszts monumentale h-Moll-Sonate. Viele scheitern an ihr, weil sie die Architektur vor lauter Virtuosität aus den Augen verlieren. Jordania hält die Form fest. Der Beginn ist düster und abweisend, als wolle sie den Zutritt verwehren. Umso gewaltiger bricht der lyrische Kontrast hervor. Im Andante entfaltet sie eine Ruhe, die man einer so jungen Künstlerin kaum zutraut: sanfte Triller über einer glasklaren Kantilene, der Raum scheint kurz die Luft anzuhalten. Das Finale kommt furios, energisch und kompromisslos – und doch bleibt die Transparenz im Satzgefüge erhalten. Hier kämpft eine Pianistin mit der Materie und ringt dem Klavier Farben ab, die von tiefster Schwärze bis zu gleißendem Licht reichen.
Am Ende bleibt das Bild einer Künstlerin, die nichts auf die leichte Schulter nimmt. Mit „Passage“ liefert Salomé Jordania ein Debütalbum ab, das durch echte Persönlichkeit und kühne Konzeption besticht. Sie sucht das Risiko und belohnt die Hörer mit einer Intensität, die man auf dem übersättigten Markt für Klavieraufnahmen nicht so oft findet. Ein starker Auftakt.
Dirk Schauß, im September 2026
Passage – A spiritual Odyssey
Salome Jordania, Klavier
La Dolce Volta, LDV153

