CD PAGANINI „His music, his Instruments“ – GOLDMUND QUARTET, CARLOTTA DALIA Gitarre; Berlin Classics

Das Außergewöhnliche an dem Album sind vielleicht weniger eine umwerfende musikalische Originalität des Gitarrenquartetts Nr. 15 in a-Moll, MS 42 oder des Streichquartetts Nr. 3 in a-Moll, MS 20, die zeit- und ortverhaftet gediegen gearbeitet sind und einst in jedem Salon sicherlich für Furore gesorgt haben. In ihrer Virtuosität und den kantablen Adagio-Sätzen sind die beiden Hauptwerke des Albums trefflich unterhaltsam, geizen aber dennoch mit melodischen „Pickenbleibern“, ergo echten Ohrwürmern. Als Ausnahme mag das eingängige Thema des ‚Andante con variazioni‘ im Streichquartett dienen, das eine wundersam einfache Melodie vorstellt. Das tänzerische Temperament und die lustvoll improvisatorische Attitüde der Musik gefallen uneingeschränkt.
Etwas anders verhält es sich mit Niccolo Paganinis Caprice op. 1, Nr. 24 in a-Moll in der Version für Gitarre & Streichquartett, basierend auf einem Arrangement von Robert Schumann, das allerliebst und höchst charmant alle Sinne der Hörerschaft mit einem duftigen italienischen Klangzauber und der typisch Paganinischen Lebenslust umschmeichelt. Vielleicht auch deshalb, weil die Ausführenden mit Tremoli und Pizzicati experimentiert haben, um eine klangliche Balance und eine passende Textur aus Soloinstrument und Streichern zu erreichen.
Was hingegen sofort haften bleibt und sich ins Gedächtnis gräbt, sind die rauchtorfige Sonorität und expressive Energie der tiefen Instrumente des Streichquartetts, also Bratsche und Cello. Pagagini liebte nicht nur seine Violine, sondern merklich auch den Klang diese beiden Instrumente, die er ebenfalls sehr gut beherrschte. Und hier kommen ein Stück interpretatorische Authentizität mit ins kammermusikalisch feingetunte konzertierende Geschehen.
Denn das Einzigartige des Albums ist, dass alle Instrumente aus dem Haus Stradivari, auf denen gespielt wurde, sich im Besitz des Komponisten befanden und von ihm auch genutzt wurden. Dem Goldmund Quartet wurden sie von der Sasakawa Music Foundation zur Verfügung gestellt.
Der Geiger von Gnaden Paganini, der wirklich nicht fit auf dem Klavier war, hatte – wie die großartige und mit einem poetisch musikalischen Gespür der Sonderklasse begeisternde Solistin Carlotta Dalia in dem im Booklet festgehaltenen Gespräch mit Hannah Schmidt erzählt – stets seine Gitarre dabei. Auf dem leicht transportierbaren Instrument konnte er komponieren und seine musikalischen Ideen etwa für Streichquartett einrichten.
Neben der in der Toskana geborenen Gitarristin Carlotta Dalia ist der große Star im Gitarrenquartett Nr. 15 a-moll der Bratschist Christoph Vandory. Paganini hat nämlich die Bratsche im Quartett statt der üblichen Violine als Priminstrument eingesetzt. Eine Rarität in der Zusammensetzung und klanglichen Webart eines Quartetts, die für Liebhaber der Bratsche, wie ich einer bin, leider nicht Schule gemacht hat. Vandory holt aus diesem für ein tiefes Instrument mit ausgewiesen hoher Lage und allerhand Verzierungsakrobatik untypischen Part so viel an pastosem Ton, farblicher Tiefenwirkung und theatralisch verbrämter Ironie heraus, dass es eine rechte Freude ist. Dalia wiederum nutzt eine klanglich zartschmelzende, wie eine sündhaft kulinarischer Patisserie mundende, superb gezupfte, in Paris gebaute Gitarre von Ory-Koelikker aus dem Jahr 1797.
Als appetitlichen Zwischenhappen vor dem Streichquartett Nr. 3 in a-Moll gibt Carlotta Dalia die Sonata in A-Dur, op. 3, Nr. 1, MS 27, eigentlich für Solovioline geschrieben, in einer Transkription von Manuel Barrueco zum Besten.
Dann folgt das atmosphärisch kontrastreiche dritte Streichquartett, in dem bewundert werden kann, wie klanglich bemerkenswert groß dimensioniert und bronzen glänzend die aus unterschiedlichen Bauepochen stammenden Instrumente ertönen. Zudem, wie gut sie miteinander zu einer klanglichen Einheit zusammenwachsen können. Der Cellist Raphael Paratore schwärmt davon, wie sehr etwa die Geige aus den 1680-er Jahren und das Cello von 1736 zusammenpassen: „Sie verschmelzen, wenn man sie entsprechend spielt, zu einer Stimme. Wir nennen das gerne die ‚fünfte Stimme‘.
Es bleibt noch die beiden brillanten Geiger des Quartetts Florian Schötz und Pinchas Adt (zweites Geigenpult) gebührend vor den Vorhang zu holen und dem werten Publikum ein vergnügliches Hörerlebnis zu wünschen. Als süßer musikalischer Liebesgruß mag als ein sogenannter Ghiribizzo die kurze Canzone napoletana „Te voglio bene assaje“, kompositorisch Gaetano Donizetti zugeschrieben und für Gitarre transkribiert von Carlo Marchione, dienen.
Kostprobe offizielles Musikideo: Carlotta Dalia mit Niccolò Paganinis Sonata in A Major, Op. 3 No. 1, MS 27 Link:
https://www.youtube.com/watch?v=bZIjUcwJnLo&list=RDbZIjUcwJnLo&start_radio=1
Dr. Ingobert Waltenberger

