Wien um 1900 – Liebe, Bruch und Verdichtung
Leonkoro Quartett

Mit dem Leonkoro Quartett meldet sich ein Ensemble zu Wort, dessen rasante Karriere inzwischen gut dokumentiert ist. 2019 gegründet, folgten bereits 2022 der erste Preis und acht Sonderpreise beim Internationalen Wigmore-Hall-Wettbewerb, der Jürgen Ponto Foundation Music Prize sowie der erste Preis beim Wettbewerb in Bordeaux. Als BBC Radio 3 New Generation Artists standen die vier Musiker früh im Fokus der internationalen Szene. Nun beginnt ihre Zusammenarbeit mit Alpha Classics. Die erste Aufnahme ist programmatisch klug gewählt: Wien als geistiger und ästhetischer Brennpunkt einer Musik, die sich um 1900 neu erfinden musste.
Im Zentrum steht Alban Bergs „Lyrische Suite,“ vollendet am 5. Oktober 1926. Kaum ein anderes Streichquartettwerk verbindet derart schlüssig strenge formale Architektur mit subjektivem Ausdruck. Berg bewegt sich hier zwischen freier Atonalität und dodekaphonen Verfahren, ohne je die emotionale Dringlichkeit preiszugeben. Die geheime Liebesbeziehung zu Hanna Fuchs ist der eigentliche Motor dieser Musik, auch wenn sie sich nur Eingeweihten erschloss.
Der erste Satz wirkt tastend und unentschlossen. Motive tauchen auf, verlieren sich wieder, Richtungen werden angedeutet, aber nicht verfolgt. Das Leonkoro Quartett betont diese Suchbewegung, hält die Spannung hoch, ohne vorschnell zu glätten. Das Andante amoroso entfaltet sich danach wie ein innerer Monolog: leicht verschattet, von zarter Unruhe durchzogen, stets fragend. Die Linien bleiben bewusst offen, das Vibrato zurückgenommen, was dem Satz eine schwebende, fast verletzliche Qualität verleiht.
Der dritte Satz erfüllt die Bezeichnung „misteriös“ bis ins Detail. Flackernde Gesten, abrupte Einsätze und flüsternde Dynamik erzeugen eine nächtliche Atmosphäre, die an einen unruhigen Traum erinnert. Im anschließenden Adagio verdichtet sich der Ausdruck weiter. Die Musik klagt, ohne pathetisch zu werden, schwer und lastend, mit großer innerer Spannung. Das Presto bricht diese Schwere ruppig auf: kantig, nervös, mit ruckartigen Bewegungen und scharfen Akzenten. Der Finalsatz löst die zuvor aufgebaute Spannung nicht auf, sondern transformiert sie. Feine Pizzicati, eng geführte Stimmen und ein fragiles Gleichgewicht führen das Werk zu einem leisen, vieldeutigen Ende. Die Musiker lassen diesen Schluss bewusst offen.
Erwin Schulhoffs „Fünf Stücke für Streichquartett“ setzen einen deutlichen Kontrapunkt. Schulhoff, 1894 in Prag geboren, von Antonin Dvořák gefördert und früh in Wien ausgebildet, verbindet hier unterschiedliche stilistische Einflüsse mit spielerischer Selbstverständlichkeit. Die Widmung an Darius Milhaud ist Programm: Diese Musik liebt das Tänzerische, das Ironische, den schnellen Wechsel der Charaktere.
Im ersten Stück überlagern sich aufgeregte Stimmen, die einander ins Wort fallen, kommentieren und widersprechen. Das Leonkoro Quartett arbeitet diese dialogische Struktur klar heraus, mit präziser Artikulation und lebendigem Puls. Die Serenade danach wirkt zunächst zugänglich, fast charmant, gewinnt aber durch subtile Verschiebungen und Akzentuierungen eine hintergründige Schärfe. Das dritte Stück ist von flinker Beweglichkeit geprägt, ein musikalisches Verfolgungsspiel, bei dem Rollen ständig wechseln. Der Tango überrascht nicht nur durch seine rhythmischen Anklänge, sondern auch durch eine leicht ironische Distanz. Der abschließende Satz, eine Tarantella, steigert sich in einen furiosen Wirbel. Hier zeigt das Ensemble seine technische Brillanz, ohne den tänzerischen Charakter zu verlieren.
Anton Weberns „Fünf Sätze op. 5“ führen schließlich in eine Welt äußerster Verdichtung. Entstanden unter dem Eindruck des Todes seiner Mutter im September 1906, sind diese Miniaturen von intensiver Expressivität. Der erste Satz beginnt spröde und abweisend, mit abrupten Gesten und plötzlichen Stillständen. Die Musik scheint ständig neu anzusetzen. Der zweite Satz ist extrem langsam, jeder Ton trägt Gewicht. Die Spannung entsteht aus der Reduktion, aus dem, was nicht gesagt wird. Im dritten Satz blitzt etwas Keckes, beinahe Freches auf, geprägt von scharfen Kontrasten und abrupten Wechseln. Der vierte Satz schillert in kurzen, funkelnden Gesten. Der Schluss wirkt geheimnisvoll und ruhig, doch unter der Oberfläche bleibt eine tiefe Unsicherheit spürbar.
Als Abschluss folgt ein langsamer Satz von großer atmosphärischer Dichte. Nach den vorangegangenen emotionalen und strukturellen Zuspitzungen entfaltet sich hier eine spätromantisch gefärbte Klangwelt, weit und getragen. Das Leonkoro Quartett nimmt sich Zeit, lässt Phrasen atmen und schafft einen Moment der Ruhe, der tatsächlich wie eine heilende Erfahrung wirkt.
Über die gesamte Aufnahme hinweg agiert das kleine Ensemble wie ein einziger Organismus. Die technische Souveränität ist beeindruckend, vor allem aber das feine Gespür für Balance, Spannung und Klangfarben. Die Aufnahmetechnik unterstützt diesen Ansatz ideal: warm, detailreich und zugleich von kraftvoller Präsenz. Eine Debütaufnahme, die nicht nur dokumentiert, sondern deutlich Position bezieht.
Dirk Schauß, im Januar 2026

