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CD: Organistin Iveta Apkalna mit Widor & Vierne bei Berlin Classics/

17.09.2020 | cd

CD: Organistin Iveta Apkalna mit Widor & Vierne bei Berlin Classics/

Wucht und Feuer

Die lettische Organistin Iveta Apkalna präsentiert auf dieser akustisch weiträumigen CD auf Asiens größter Konzertorgel im National Kaohsiung Center for the Arts (Weiwuying) zunächst die berühmte Orgelsinfonie Nr. 5 in f-Moll op. 42/1 von Charles-Marie Widor. Insbesondere das marschartige Thema wird sofort präzis getroffen. Die einfühlsame Melodie erhält über Staccato-Sechzehnteln eine genau Klarheit. Sehr formvollendet interpretiert Iveta Apkalna den dritten Satz Andantino quasi allegretto, dessen thematisches Profil den Hörer fesselt. Auch der kontrapunktische Reichtum des Adagios kommt nicht zu kurz. Ein Höhepunkt ist in jedem Fall das fulminant gespielte Finale mit der prachtvollen Toccata. Akkorde und Läufe vereinigen sich hier zu einem überaus glanzvollen Themengeflecht. Das rhythmische Pulsieren kommt so nie zu kurz – und der Doppelpedal-Abschluss erreicht tatsächlich triumphale Größe. Auch wenn der monumentale Klangcharakter zuweilen noch etwas größer sein könnte, beweist Iveta Apkalna als Musikerin immer wieder das dafür notwendige Fingerspitzengefühl. Der formale Charakter der Suite wird hier gut getroffen. Anschließend folgt auf dieser durchaus empfehlenswerten CD die Orgelsinfonie Nr. 3 in fis-Moll von Louis Victor Vierne. Dieses Werk hat die Organistin ebenfalls im Dom zu Riga gespielt. Viernes Klangsprache erscheint bei dieser Aufnahme in jedem Fall moderner wie die Charles-Marie Widors. Reiche chromatische Passagen beherrschen die facettenreiche Harmonik. Selbst Einflüsse von Cesar Franck sind durchaus herauszuhören. Im zweiten Satz Cantilene dominieren Lyrik und Chromatik. Der spätromantische Klang sticht hervor. Der dritte Intermezzo-Satz trägt dann deutlich Scherzo-Charakter. Die Grenze zur Tonalität wird dabei klar aufgebrochen. Iveta Apkalna spielt diese Musik  nahezu formvollendet. Nach dem von reicher Chromatik beherrschten Adagio überzeugt das machtvolle Finale mit seinem Ostinato-Charakter und kreisenden Bewegungen, die eine fast geheimnisvolle Sogwirkung besitzen. Ein reizvoller Cantus-firmus-Charakter beherrscht zuletzt die Arie „Schafe können sicher weiden“ BWV 208 aus Johann Sebastian Bachs Jagdkantate. Das wirkt gegenüber den spätromantischen Klangwolken fast nur noch intim und schlicht, aber dennoch großartig. In dem fesselnden Instrument befinden sich fast 10.000 Pfeifen in über 120 Registern, außerdem existiert eine Zwillingsorgel. Beide Orgeln vereinigt Iveta Apkalna auf dieser bemerkenswerten CD-Einspielung.   

Alexander Walther

 

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