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CD OPER auf Deutsch Vol. 1: RUDOLF SCHOCK in fünf italienischen Opern: Rigoletto, La forza del destino, Tosca, L‘elisir d‘amore, Cavalleria rusticana

07.06.2020 | cd

CD OPER auf Deutsch Vol. 1: RUDOLF SCHOCK in fünf italienischen Opern: Rigoletto, La forza del destino, Tosca, L‘elisir d‘amore, Cavalleria rusticana; Profil Hänssler

 

Italienische Oper in deutscher Sprache? Das, was heute nahezu als unvorstellbar gilt, nämlich Opern in einer anderen als der Originalsprache aufzuführen, war nicht nur in unseren Breiten in den fünfziger und bis in die sechziger Jahre hinein noch die Norm. Opernhäuser, Rundfunkanstalten und Plattenkonzerne traten den Aufbau des musikalischen Nachkriegs-Lebens in deutscher Sprache an. In Italien wurde dafür Wagner auf italienisch gesungen, wie wir das etwa von der “Parsifal” Aufnahme mit Maria Callas und Boris Christoff kennen. Große transatlantische Reisen galten damals als elitär, der Sprachunterricht war noch lange nicht unverzichtbarer Teil der breiten schulischen und akademischen Ausbildung. Das Wort Globalisierung, der sich daran anknüpfende Lebensstil, die international extrem geteilte Wirtschaftsordnung gab es so noch nicht. 

 

Die Initiative des Verlagshauses Profil Hänssler (die Nummerierung des neuen 11 CD Konvoluts  mit Vol. 1 deutet auf eine Serie hin) ist zu begrüßen. Sie reiht sich in vergangene Editionen wie “Das Schönste aus der Welt der Oper” – deutsch gesungen des Hauses Membran Music. Erinnern die neu aufgelegten Alben uns doch an (in erstklassig aufbereiteten historischen Tondokumenten) ein wichtiges Kulturgut, das auch die heutigen jungen Musikfreunde durchaus zu bereichern bzw. zu begeistern vermag. Zumindest hoffe ich das. Die Begegnung mit den wichtigsten Künstlerinnen und Künstlern der 50-er und 60-er Jahre in gediegen bis sensationell guten Opernaufnahmen des italienischen Repertoires wäre sonst nicht möglich. Natürlich hat sich die Art zu singen seither geändert. Der Stil, wie deutschsprachige Sänger italienische Opern gesungen haben, könnte als altmodisch oder auch als charmant empfunden werden. Auch sind nicht alle deutschen Texte nobelpreisverdächtig, aber zumindest kann der des Italienischen nicht mächtige Hörer die Handlung der Stücke nachvollziehen. Denn textdeutlich waren sie früher alle.

 

Vol. 1 ist dem deutschen, äußerst vielseitigen Tenor und TV-Star Rudolf Schock gewidmet. Er ist in fünf Opern in lyrischen und Spinto-Partien von Giuseppe Verdi (Rigoletto, La forza del destino), Giacomo Puccini (Tosca), Gaetano Donizetti (L‘elisir d‘amore) und Pietro Mascagni (Cavalleria rusticana) zu hören.  Als hübsches doppeltes Kuckucksei gesellt sich als Bonus CD 8 eine Zusammenstellung von (italienisch gesungenen) Arien der kroatischen Sopranistin Carla Martinis zum schönen Reigen der fünf Gesamtaufnahmen. Auf CD 5 und 6 singt sie die Titelpartie von Puccinis „Tosca“ in einer Mono-Aufnahme des Norddeutschen Rundfunks Hamburg aus dem Jahr 1953 mit Rudolf Schock (Cavaradossi), Josef Metternich (Baron Scarpia), Horst Günter (Angelotti) und Benno Kusche (Mesner) als Partnern.

 

Die offizielle Diskographie von Rudolf Schock ist immens. Trotz der vielen vielen offiziellen Wiederveröffentlichungen ist in der Box auch eine CD-Premiere enthalten: Die in Stereo 1963 aufgenommene „Cavalleria rusticana“ mit Hildegard Hillebrecht (Santuzza), und Eberhard Wächter (Alfio) mit dem Chor und dem Orchester der Deutschen Oper Berlin unter der wunderbar kapellmeisterlichen Hand von Heinrich Hollreiser (zuerst veröffentlicht bei Eurodisc) ist solch ein Zeugnis der beeindruckenden Sangeskünste einer vergangenen Epoche. Mit Schock muss man hier nachsichtig sein, er quält sich ziemlich durch die für ihn zu dramatische Partie.

 

Große Freude wird nicht nur mir die Begegnung mit der so silbrig jubelnden Sopranistin Stina-Britta-Melander als reiche und launische Pächterin Adina in Donzettis „Der Liebestrank“ bereiten, obwohl hier Rudolf Schock keinen ganz mehr so jungen und unbeschwert singenden Landmann Nemorino vorstellt. Lothar Ostenberg als Belcore, der Wagner-Bass Ludwig Welter als Dulcamara und Roswitha Binder als Gianetta ergänzen das Ensemble. Ernst Märzendorfer dirigiert die Berliner Symphoniker und den Berliner Kammerchor mit Schwung und Witz. Die Eurodisc Stereo-Aufnahme wurde 1962 in Berlin realisiert.

 

Im 1950 in Berlin eingespielten “Rigoletto” sind neben dem draufgängerischen Herzog von Mantua des Rudolf Schock der großartige Josef Metternich als Rigoletto, die mädchenhafte Rita Streich als Gilda (welche Höhen!), Fritz Hoppe als Sparafucile  und die stimmgewaltige Margarete Klose als Magdalena zu hören. Das Dirigat von Ferenc Fricsay ist von sich verdichtender Dramaturgie, Dynamik und Tempo her atemberaubend. Das Duett Gilda-Rigoletto im zweiten Akt ist an Leidenschaft und Spannung nicht zu überbieten. 

 

Am besten gefällt mir – trotz einiger absurder Striche – die in Hamburg Dezember 1952 aufgenommene “Macht des Schicksals”. Wieder ist Carla Martinis als Donna Leonore prominent mit von der Partie. Rudolf Schock singt den Don Alvaro, Josef Metternich einen an balsamischem Schönklang Top Don Carlos di Vargas. Martha Mödl, die im Sommer 1952 ihr epochales Isolden-Debüt unter Karajan bei den Bayreuther Festspielen gab, ist auch in der kämpferischen Mezzopartie der Preziosilla ein stimmlicher Vulkan. Unglaublich auch die Besetzung der Rollen des Pater Guardian und des Fra Melitone mit Gottlob Frick und mit Gustav Neidlinger, die damals ebenso in allen anspruchsvollen Wagner-Partien ihres jeweiligen Stimmfachs Weltspitze waren. Sigmund Roth ist Marchese von Calatrava. Eine Klasse für sich ist das Dirigat von Hans Schmidt-Isserstedt, der mit dem Sinfonieorchester des Norddeutschen Rundfunks Hamburg  der Oper echtes Theaterblut einimpft. Zwei ausgesprochene Raritäten finden wir im Appendix zur “Macht des Schicksals.”

 

Die Klosterszene, aufgenommen 1954/1955 und zuerst bei der Deutschen Grammophon erschienen, bringt ein Wiederhören mit Gustav Niedriger als Fra Melitone, diesmal ist der zweitschwärzeste Wagner Bass der Opern-Geschichte, Josef Greindl der Pater Guardian, Annelies Kupper, die Uraufführungssängern von Richard Strauss‘ Oper “Die Liebe der Danae”, die Leonore. Der Chor und das Orchester der Württembergischen Staatstheater Stuttgart werden von Ferdinand Leitner zu einer Spitzenleistung animiert. 

 

Last but not least sind das Finale II und Szenen aus dem dritten und vierten Akt der “Macht des Schicksals” aus dem Jahr 1963 in einer Stereoaufnahme von Eurodisc mit dem Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin unter Wilhelm Schüchter zu hören. Von Interesse sind neben der jungen Brigitte Fassbaender als Preziosilla vor allem der grandiose Bariton von Thomas Tipton als Don Carlos. Gottlob Frick (Pater Guardian), Rudolf Schock (Alvaro) und Hildegard Hillebrecht (Leonora) vervollständigen das prächtige Ensemble. 

 

Melomanen mit einem Faible für große historische, persönlich timbrierte Stimmen dürfen sich schon auf die Fortsetzung der Serie freuen. Daran hat auch die Aufnahmequalität ihren Anteil, die durchwegs erstklassig ist. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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