CD „OMBRA FELICE“ – Arien, Szenen, Ensembles; Live-Mitschnitt aus dem Großen Saal der Internationalen Stiftung Mozarteum 25.1.1994; Belvedere
Wo die Liebe hinfällt: Berührende Lehr- und Sternstunden in Sachen Mozartgesang

„Wir haben am Ende, aus kindischer Lust, Verstecken gespielt in Wäldern und Gründen, und haben uns so zu verstecken gewusst, dass wir uns nimmermehr wiederfinden.“ Heinrich Heine
Die Mozart-Woche 1994 wartete mit einer im wahrsten Sinne märchenhaften Ko-Produktion auf. Der damalige Leiter der Mozartwochen Wolfgang Rehm und der seit 1991 amtierende Chef der Salzburger Festspiele Gerard Mortier beauftragten das damals viel beschäftigte Künstlerduo Ursel und Karl-Ernst Herrmann, ein loses szenisches Programm unter dem weiten Titel der Liebe mit kaum bis nur wenigen bekannten Konzertarien, Liedern und Vokalensembles aus allen Schaffensperioden Mozarts zu kreieren.
Die kleinwüchsige französische Schauspielerin Mireille Mossé sprach dazwischen mit ihrer unmittelbar zu Herz gehenden Kinderstimme – das Humorvolle, Tiefgründige wie Skurrile des Themas wunderbar auslotend – lyrische Texte von Hans Arp, Pierre Carelet de Marivaux, Heinrich Heine bis zu Ingeborg Bachmann und Friedrich Hölderlin.
Für den musikalischen Part dirigierte Heinz Holliger die Camerata Academica des Mozarteums Salzburg. Sechs Solisten und Solistinnen – drei Soprane (Veronica Cangemi, Cyndia Sieden, Elżbieta Szmytka), ein Alt (Nathalie Stutzmann), ein Tenor (Michael Schade) und ein Bariton (Oliver Widmer) gaben ein sängerisch taufrisches Pasticcio durch Mozarts mehr als siebzig Arien und Ensembles, die er ab 1763 als Einzelwerke konzipiert und geschrieben hatte. Die Anlässe für solche ‚Gelegenheitsstücke‘ waren vielfältig: Seien es Einlagen für Opernproduktionen anderer Komponisten oder Wandertruppen, durch Salzburg reisende Virtuosen oder halsbrecherische Koloraturarien maßgeschneidert für die Zurschaustellung von Stimmglanz bestimmter Primadonnen, Mozart wusste immer Rat für passende Noten.
Manche Arien sind schon aufgrund der rein tonumfänglichen Anforderungen zur Legende geworden, wie etwa die berühmte, für Aloysia Weber komponierte Szene „Popoli di Tessaglia! Ah mai più giusto – Io non chiedo, eterni dèi“, die Edda Moser Fans gut kennen werden. Die Arie enthält zwei G6, das sind G’s über dem hohen C, die die damals junge US-amerikanische Koloratursopranistin Cyndia Sieden genauso wie die in Sopran-Stratosphären angesiedelte, verzierungswütige Nummer „No, che non sei capace“, KV 419 mit Bravour und völlig freischwebenden Höhen bravourös meisterte.
Überhaupt war damals ein ganz junges und wie sich in der Folge zeigen sollte, vielversprechendes Ensemble unverbrauchter, stilistisch und technisch makelloser Stimmen am Werk. Allein das macht in Verbindung mit dem einzigartigen Charme der Mireille Mossé dieses Konzert-Hörspiel zu einem exquisiten Vergnügen.
Gemeinsam mit Sieden teilten sich die argentinische Cellistin und lyrische Sopranistin Veronica Cangemi und die dramatischere Elżbieta Szmytka die Sopranarien und entsprechenden Parts in den Ensembles und Kanons.
Als veritabler Mozarttenor bot Michael Schade in den Bravourstücken „Si mostra la sorte“, KV 209 und der Szene „Misero! I sogno, o son desto? – Aura, che intorno spiri.“, KV 431, vokale Wonnen vom Feinsten. In jüngerer Zeit hat Reinoud Van Mechelen u.a. diese beiden Konzertarien auf seinem Mozart-Album bei Alpha verewigt.
Die mittlerweile als Dirigentin erfolgreiche Nathalie Stutzmann orgelte 1994 mit ihrem substanzreichen Kontraalt die Arien „Conservati fedele“, KV 23, „Ombra felice! – Io ti lascio, e questo addio“, KV 255 und als Schlussstein der Aufführung die Cavatine „Io ti lascio, o cara, addio“, 2. Fassung KV 621a.
Fehlte noch, um das Sextett voll zu machen, Oliver Widmer, dem mit seinem lyrisch hellen Bariton die großartigen Konzertarien „Rivolgete a lui lo sguardo“, KV 584 und „Mentre ti lascio, oh figlia“, KV 513 vorbehalten blieben.
Natürlich lag es nahe, „Das Bandel ‚Liebes Mandel, wo ist’s Bandel?“ KV 441 Terzett für Sopran, Tenor und Bass, sowie die ulkige Nummer „Caro mio Druck und Schluck“, Quartett für Konstanze, Mozart und zwei Freunde, KV 571a als Nonsens-Spaßkompositionen Mozarts mit ins Programm aufzunehmen. Mozart hat sich hier selbst den folgenden narrischen Text verordnet: „Cara mia bagatellerl, Io parto, tu resti, Spitzignas, Oh Dio! tu resti, Spitzignas, Che pena! che tormento! Wenn’s regnet, ist’s nass. Quello l’adira, Wir können nix dafüra, Cara Cobotchi! Pietà, es ist schon achti, Un pò di carità, Sonst machen ma…! a, a, a.“ Kein Wunder, dass der zweite Freund auf solch poetischen Unfug mit „Mir beiße scho de Flöh“ antwortet.
Das drei CDs umfassende Album, zu dem noch unbedingt Siegmund Weimeister am Hammerklavier sowie Klaus Stoll am Kontrabass lobend zu erwähnen sind, ist für Mozart-Begeisterte Ostern und Weihnachten zugleich. Die kreatürliche Empfindsamkeit, der spitze Humor, die akrobatische Leichtigkeit und unverschämte Eleganz, mit der hier Mozart dargeboten wird, erscheint wie von einer anderen Galaxie. Wenn Mireille Mossé aus einem Gedicht von Hans Arp fragt: „Wenn wir träumen, meinen wir zu wachen. Wenn wir wachen, meinen wir zu träumen. Dürfen wir klagen? Dürfen wir weinen? Dürfen wir spielen? Dürfen wir lachen?“. Ja, all das dürfen und sollen wir bei diesem herrlich poetischen und wundersam gesungenen Mitschnitt aus Salzburg 1994!
Anm.: Die Produktion übersiedelte im Festspielsommer 1994 für sieben Vorstellungen vom 7. bis 23. August in den Salzburger Residenzhof. Bei der Besetzung gab es zwei Änderungen. Soile Isokoski sang Sopran III und Vesselina Kasarova übernahm den Altpart.
Dr. Ingobert Waltenberger

