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CD OLIVIER MESSIAEN: TURANGALÎLA SYMPHONIE; Deutsche Grammophon

05.08.2025 | cd

CD OLIVIER MESSIAEN TURANGALÎLA SYMPHONIE; Deutsche Grammophon

Hommage zum 75. Jahrestag der Uraufführung und zum 35. Jubiläum der Letztfassung 1990: Andris Nelsons dirigiert das BOSTON SYMPHONY ORCHESTRA

Yuja Wang Messiaen: Turangalîla-Symphonie 1 CD, Jewelcase 409031

Furioses Schmunzelmonster von der Leine gelassen

Warum nur hat dieser Sergei Kussewitzky 1945 den Kompositionsauftrag an Olivier Messiaen für sein Boston Symphony Orchestra mit carte blanche erteilt? Länge, Besetzung, Stil und Termin der Fertigstellung, Messiaen hatte völlig freie Bahn. Der exzentrische Franzose auf dem besten Weg zum mystisch-religiös vebrämten Vogelgezwitscher Esoteriker, hatte die Bedingungslosigkeit dankbar angenommen und ein zehnköpfiges Monster kreiert.

Es handelt sich bei Turangalîla um keine klassische Symphonie, so etwas wie eine Durchführung gibt es erst mit der Bezeichnung „Développement de l’amour“ im achten Satz. Ein Ggnuines Klavierkonzert ist es auch nicht geworden, weil sich das Klavier nicht als konzertierender Partner zum Orchester, sondern eher – oft einem kleineren Ensemble integriert – als kolorierendes Beiwerk zum Blutglanz der Sterne und einigen Vogelsangserkundungen eingesetzt ist.

Uraufgeführt wurde der Klavier- und ondes-Martinot umwölkte Zehnteiler am 2. Dezember 1949 in Boston. Leonard Bernstein sprang kurzerhand für den erkrankten Kussewitzky ein. Die Reaktionen? Verhalten.

Heute gilt dieses skurrile, exzentrische Stück, von rhythmisch höllenlärmend bis hollywoodesk tränendrüsig alle Klischees der Kompositionskunst der europäischen Moderne lustvoll moussierend abgrasend, likörgezuckert mit allem möglichen folkloristischen Getön aus antikem Griechenland, Indien bis Indonesien, als sowas wie Kult. Auch 2023 huldigte Berlin mit keinen Geringeren als den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Simone Young Messiaens Monumentalismus.

Elektroakustik und Akkordcluster, alles was an Blech und Holz vorstellbar ist, so etwa eine kleine Trompete in D, drei Trompeten in C und ein Kornett in B und nicht zu vergessen das Riesen-Schlagwerk ganz nach balinesischer Art inkl. Glockenspiel, Celesta und Vibrafon, zudem Triangel, Tempelblock, Holzblock, türkischen und chinesischen Becken, Tamtam, Schellentrommel, Maracas und jeder Menge an Röhrenglocken lassen dieses von der Liebe und des Todes Wonnen in „Tristan und Isolde“ bis zum Universum reichende, megalomane Werk gewaltig erzittern. Und das Publikum mit dazu.

Die „Symphonie“ will „eine klangliche Erkundung von Liebe, Freude und Spiritualität“ sein und gibt sich nach dem hehren Worten des Schöpfers „tiefgründig, melodisch, dynamisch und farbenprächtig.“

Wer so viel will und laut posaunt, kann in der Regel seine Versprechen nicht halten oder stellt sich bewusst der Ambivalenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit. So ergeht es auch Messiaen mit seinem nach zwei Sanskrit-Wörtern programmatisch angelegtem Klanggemälde. Lîla soll u.a. das Spiel im Sinne der göttlichen Einwirkung auf die kosmische Ordnung, das Spiel der Erschaffung, der Zerstörung, der Wiedererschaffung, Leben und Tod symbolisieren, Turanga Bewegung und Rhythmus.  

Es ist das Verdienst der vorlegenden Aufnahme mit dem technisch fantastischen Boston Symphony Orchestra unter der theatralisch keine Extreme und Exzesse scheuenden Interpretation von Andris Nelsons, schonungslos und in aller rhythmischen Härte eines Techno-Events das Weltall-, Himmel- und Höllenstürmende der exotisch aufgepappten Partitur ungeglättet zur Diskussion zu stellen.

Unter präziser wie keine Schwierigkeit nivellierenden Mitwirkung der südkoreanischen Starpianistin Yuja Wang und Cécile Lartigau an den ondes Martinot hört sich der erste Satz wie eine verwunschene Parodie auf Alban Berg mal Stravinsky an. Die Introduktion schallt wie ein mit Lachgas aus der Reserve gelocktes Fabelwesen mit gefletschten Zähnen im maskenhaften Dauergrinsen.

Im zweiten Satz offenbart sich Biografisches: Wer mit solchen Klängen, ironisch, antiromantisch und schwerenöterisch, die Liebe besingt, traut ihr nicht wirklich über den Weg. Messiaen hängt hier der Idee einer „verhängnisvollen, unwiderstehlichen Liebe“ nach. Dahinter stehen die komplexen und durchaus schuldbeladenen Gefühle die der Komponist für seine Schülerin, zukünftige Muse und spätere Ehefrau, die Pianistin Yvonne Loriod empfand., „während seine erste Frau wegen ihres sich ständig verschlechternden Gesundheitszustandes in einer Klinik untergebracht war.“ (Charles Aubert)

Der dritte Satz, Turangalîla I, atmet unter indonesischem Glockengebimmel meditative Unruhe. Wassertropfen fallen gemächlich auf eine Sonnenuhr, bevor die Musik wieder zu stampfen und heulen beginnt und sich dreht wie ein marokkanischer Sufi in Ekstase.  

Der vierte Satz steht im Temperament einer ausgelassenen nächtlichen Landfahrt. Dieser „Chant d’amour“ brüstet sich mit kosmischen Ein- und Ausblicken als paraphrasierte Sternenglanzromantik á la Richard Strauss. Nicht nur die „Alpensymphonie“ und „Zarathustra“ wehen gespenstisch durch die Noten.

Im fünften Satz wird die „Freude über das Blut der Sterne“ gefeiert. Heerscharen an Filmmusikschaffenden haben sich wohl an Elementen aus den Sätzen vier und fünf bedient., wobei diese „Joie du sang des étoiles“ mit hollywoodeskem Flitter, Glitter als glamouröse Revue mit imaginiert geschleuderten Beinen vorüberhuscht. Gershwins Stadtswingeleganz wandelt Messiaen in ein wahnwitziges Bacchanal.

Nach solch ausgiebig lustvoll zelebrierten, blutrot blinkenden Klangorgien darf sich der Hörer im sechsten Satz („Jardin du sommeil d’amour“) wohlverdient im Garten des Liebesschlafs erholen. Als sinnenwärmendes Klang-Spa kommt der Satz so einschmeichelnd daher wie ein mit Zimt und Minze angereicherter Orangenaufguss. Ein Lüfterl „Flieder“ und Vogelsangsüße runden das Intermezzo ab.

Turangalîla II (Satz sieben) weckt uns mit Klavier, Pauke und einem entfesselten Schlagzeug unsanft aus dem Traum. Satz acht erzählt von der „Entwicklung der Liebe.“ Kitsch as kitsch can. „Lady Macbeth von Mzensk“ mystisch eingedampft soll den Liebesakt als göttliches Ereignis erstehen lassen. Dabei wummert die Musik über weite Strecken so nervös und zappelig, als wäre wieder einmal Juno ihrem notorisch untreuen Göttergatten Jupiter auf den Fersen.

Da helfen im neunten Satz „Turangalîla III“ (bien modéré) nur noch Sternspritzer aus dem fahrenden Zuge auf dem Weg ins Finale. Dieser beschwingte Kehraus, zuerst polyrhythmisch gepfeffert, dann feist Broadway-gerüscht, geht runter wie ein „Sommerspritzer“ (=Weinschorle light) nach einem üppigem Heurigenbuffet.

Irgendwie habe ich während des Hörens doch ein gewisses Verständnis für das berühmte zugespitzte Urteil von Pierre Boulez entwickelt, der in der Musik u.a. „zu viel Zucker, zu viel Hollywood“ ortete und sie als „über weite Strecken vulgär“ beschrieb.

Dies gesagt, wartet das neue, live in der Bostoner Symphony Hall im April 2024 aufgenommene Album mit der klangmächtigsten, präzisesten und der alle größenwahnsinnigen Verrücktheiten auf die Spitze treibendsten Wiedergabe in klangtechnischer Brillanz auf.

Nach dem Hören tut zur Beruhigung der Magennerven ein Jägermeister gut. Zum „Einrenken des Gehörs“ empfehle ich eine Haydn-Symphonie, vielleicht aus der neuesten Edition (Nr. 17) der im Entstehen begriffenen Gesamtaufnahme unter Giovanni Antonini mit dem Kammerorchester Basel:  

Anm.: Das Booklet erhält interessante Abbildungen aus dem Archiv des Boston Symphony Orchestra, Fotos der Uraufführung, Ausschnitte aus der handschriftlichen Originalpartitur, Pressestatements und den Aufsatz „A Song of Love“ von Charles Aubert.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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