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CD: NUI Esmé Quartet Alpha Classics, ALPHA 1271

05.09.2026 | cd

Esmé Quartett – familiäre Abgründe und geschwisterliche Bande

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Wer vier Streicher auf engstem Raum zusammenpfercht, erlebt nicht selten den raschen Verfall sämtlicher menschlicher Anstandsregeln. Man schlägt sich Notenständer an die Schienbeine, korrigiert die Phrasierung des Nachbarn mit giftigen Blicken und entwickelt über ein Jahrzehnt hinweg eine Form von geschwisterlicher Vertrautheit, die ebenso gut in kollektiver Mordlust wie in absoluter Telepathie münden kann. Das Esmé Quartett feiert nun sein zehnjähriges Bestehen, hat sich auf der Bratschisten-Position unlängst mit Dimitri Murrath verstärkt und legt bei Alpha Classics eine CD vor, die genau diesen Schwebezustand zwischen intimer Nähe und katastrophalem Schmerz zentriert. Nui heißt die CD, was im Koreanischen nach Angaben der Musikerinnen ganz schlicht „Schwester“ bedeutet. Man sollte sich von dieser sanften Vokabel jedoch nicht einlullen lassen. Denn was Wonhee Bae, Yuna Ha, Dimitri Murrath und Yeeun Heo hier aufziehen, ist keineswegs ein gemütlicher Plausch am Kamin, sondern ein extrem geschärftes, hocheffektives Musizieren am offenen Herzen der Romantik.

Dass im Zentrum dieses Programms das Es-Dur-Quartett von Fanny Mendelssohn steht, gehorcht zwar der erfreulichen Routine des Ensembles, auf jedem ihrer Alben Werke von Komponistinnen zu verankern. Fannys Stück, geschrieben im letzten Jahr ihres kurzen Lebens, wird hier aber erfreulicherweise nicht als feministisches Belegstück exhumiert, sondern als das genommen, was es schlicht ist: ein eigenwilliges, formal sprödes und harmonisch höchst beunruhigendes Dokument. Schon im einleitenden Adagio ma non troppo verweigert das Ensemble jeden süßlichen Tonfall. Wonhee Bae führt die erste Violine mit schlanker, gläserner Tongebung an, während das Fundament auffallend beweglich und schlank bleibt. Kein Gramm Fett liegt auf diesem Klang. Das darauffolgende Allegretto kommt keck daher, besitzt aber eine unterschwellige Schärfe, die dem Hörer das Lächeln rasch auf den Lippen gefrieren lässt. Wie hier die Motive hin und her geworfen werden, hat die Präzision einer meisterhaft geschliffenen Klinge. Die Romanze umgarnen die Begleitstimmen zwar mit zarter Eleganz, doch schimmert immer wieder ein seltsam fahles Licht durch das Werk. Und wenn die vier im abschließenden Allegro molto vivace über Stock und Stein stürmen, dann tun sie das mit einer atemberaubenden mechanischen Verlässlichkeit, die glücklicherweise nie in akademische Kälte abdriftet.

Man versteht diese Komposition Fannys ohnehin erst richtig, wenn man im Anschluss hört, was ihr jüngerer Bruder Felix nach ihrem plötzlichen Tod im Mai 1847 aufs Papier warf. Sein f-Moll-Quartett op. 80 ist ein rasender Ausbruch von Verzweiflung, ein Werk ohne jeden Trost, geschrieben von einem Mann, der ahnte, dass ihm selbst nur noch wenige Monate blieben. Das Esmé Quartett hat diesen Satz Schmerz nach eigener Aussage im letzten Jahrzehnt fast fünfzig Mal auf den Podiumstisch gelegt. Und genau das hört man. Hier wird nichts mehr probiert oder gesucht, hier sitzt jeder Akzent mit erschreckender Zwangsläufigkeit. Das Allegro vivace assai schlägt dem Hörer mit einer Ruppigkeit entgegen, die man diesem bildungsbürgerlichen Vorzeigekomponisten früherer Tage gar nicht zugetraut hätte. Die Bogenwechsel kratzen bewusst am feinen Ton, das Ensemble verweigert den hübschen Schmelz und setzt stattdessen auf insistierende, geradezu hysterisch wirkende Repetitionen. Im Allegro assai peitschen die Sforzati durch den Raum, als gelte es, eine Festung einzureißen. Wer meinte, Felix Mendelssohn sei der Mann für die feingliedrigen Elfenreigen, wird hier eines Besseren belehrt. Das Esmé Quartett serviert diesen Satz wie einen unerbittlichen Fiebertraum.

Erst im Adagio erlaubt die Gruppe ein Atemholen, das seinen Namen tatsächlich verdient. Yeeun Heo beginnt auf dem Cello mit einem dunklen, raunenden Ton, der sich langsam in den Raum frisst, ehe sich die übrigen Instrumente dazugesellen. Das ist berückend musiziert, weil die vier hier die Kunst des gemeinsamen Atmens perfektionieren. Kein Einsatz wirkt gemacht, alles entsteht aus einem fließenden Puls. Die Tontechnik von Alpha Classics unterstützt dieses Vorgehen glänzend: Die Instrumente stehen greifbar, aber keineswegs seziererisch im Raum, der Klang besitzt eine natürliche Wärme, die den aggressiven Spitzen des Spiels die harsche Härte nimmt, ohne die Konturen zu verwischen. Das Finale bricht schließlich aus dem Nichts hervor. Es ist ein wilder Ritt, schroffe Kontraste prallen aufeinander, Dynamiksprünge werden ohne jede Übergangszone exekutiert. Man muss diese unbarmherzige Direktheit mögen – wer nach schöngeistiger Erbauung sucht, ist bei Mendelssohns Spätwerk ohnehin an der falschen Adresse.

Zwischen diese beiden monumentalen Familiendramen hat das Quartett ein Auftragswerk der koreanisch-amerikanischen Komponistin Juri Seo platziert. River at the End of the Mind heißt die gut achtminütige Meditation, die sich auf das koreanische Volkslied „Mutter, Schwester“ bezieht. Solche Aktualisierungsversuche klassischer Programme gehen auf Tonträgern verdammt oft schief und wirken nicht selten wie mühevoll angeklebte Feigenblätter. Nicht so hier. Seos Stück entfaltet vom ersten Takt an eine ganz eigene, seltsam schwebende Atmosphäre. Flageoletts zirpen durch die Luft, mikrotonale Verschiebungen erzeugen ein leises Glitzern, das niemals in schallenden Lärm ausartet. Das Ensemble behandelt diese Partitur mit genau derselben strukturellen Schärfe wie die Klassiker. Es entsteht eine eigentümliche Ruhe, ein Innehalten, das dem nachfolgenden Vulkanausbruch des f-Moll-Quartetts eine fast beängstigende Folie bietet.

Das Esmé Quartett beweist mit dieser Veröffentlichung, dass es längst aus dem Stadium des hochgejubelten Nachwuchsensembles herausgewachsen ist. Hier spielt eine Formation, die nicht mehr durch bloße Geläufigkeit oder makellose Intonation beeindrucken muss – das setzt man in dieser Liga schlicht voraus. Was diese Aufnahme so immens wertvoll macht, ist die kompromisslose Verweigerung von Kitsch. Wo andere Quartette bei Mendelssohn in Tränen der Rührung zerfließen oder die Trauerarbeit in gepflegtem Biedermeier auflösen, setzen diese vier Musiker auf Struktur, Transparenz und eine geradezu unbarmherzige rhythmische Energie. Dass sie dabei im Programmheft ein wenig zu tief in den Topf der emotionalen Selbsterforschung greifen und von Schwesternschaft und Geborgenheit schwärmen, sei ihnen verziehen. Auf dem Instrument sprechen sie zum Glück eine deutlich sprödere, packendere Sprache. Wer erfahren will, wie viel Sprengkraft in zwei Mendelssohn-Geschwistern steckt, wenn man sie von all dem aufgetragenen Staub der Musikgeschichte befreit, muss dieses Album hören. Es ist ein Fest für Kenner, die das Raue dem Glatten vorziehen.

Dirk Schauß, im September 2026

 

 

 

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