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CD „NOUVELLE SYMPHONIE“ – JEAN-PHILIPPE RAMEAU – Auszüge aus Castor & Pollux, Zoroastre, Les Paladins, Les Indes Galantes, Acanthe & Céphise, La Naissance d’Osiris und Dardanus & Pygmalion; Château de Versailles Spectacles

05.05.2022 | cd

CD „NOUVELLE SYMPHONIE“ – JEAN-PHILIPPE RAMEAU – Auszüge aus Castor & Pollux, Zoroastre, Les Paladins, Les Indes Galantes, Acanthe & Céphise, La Naissance d’Osiris und Dardanus & Pygmalion; Château de Versailles Spectacles

MARC MINKOWSKI, LES MUSICIENS DU LOUVRE – Solist: FLORIAN SEMPEY

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Nach dem Riesenerfolg des Originalklangensembles „Les Musiciens du Louvre“ mit einer programmatisch frei floatenden Rameau Suite – bei der Deutschen Grammophon 2003 unter dem Titel „Une symphonie imaginaire“ erschienen – folgt nun 20 Jahre später „Une nouvelle symphonie“ nach. Erfolg verpflichtet. Waren es im Pilotprojekt ausschließlich instrumentale Nummern (Ouvertüren, Präludien, Tänze, zwei Transkriptionen von Trauerszenen), so gilt es diesmal der Sinfonie in der Oper und dem Gesang.

Eigentlich wollte die Opéra royal de Versailles im Winter 2020/21 eine von langer Hand vorbereitete Mozart-Trilogie realisieren. Dazu kam es Corona-bedingt nicht, weil alle Solisten in alle Winde verstreut blieben. Das Bühnenbild gammelte in einem Depot vor sich hin. Es gab aber das Orchester, den Dirigenten und die Erlaubnis der frz. Regierung, in leeren Sälen Tonaufnahmen zu produzieren.

Also entstand mit Unterstützung des Leiters von Château de Versailles, Laurent Brunner, die nun vorliegende CD – sozusagen als „Imaginäre Symphonie Nr. 2“. Im Gegensatz zur ersten hat Minkowski Szenen für Bassbariton eingefügt. Rameau hatte für genau diese Stimmlage die längste Solostelle des 18. Jahrhunderts komponiert, und zwar in der Oper „Les Indes galantes“.

Zum Programm: Das Album startet mit der Ouvertüre zu „Acanthe et Céphise“ mit ihren „brennenden Geigen, Hörnern und Klarinetten.“ In den anderen Opern lockten Marc Minkowski „so viele prächtige Seiten, wild oder zärtlich, subtil oder einfältig, selten oder berühmt, in jedem Fall überraschend.“ Wir folgen gebannt der Beschwörung der Troubadoure  und Furien, den wilden Spartanern, den afrikanischen Sklaven im türkischen Akt von „Les Indes Galantes“ , den Hirten, die die Geburt eines Prinzen feiern oder stellen uns die Pygmalion-Statue vor, die eine einschmeichelnde Sarabande tanzt.

Wenn ich Rameau höre, kommt mir immer das Vorspiel zu Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ in den Sinn. Mit dem Unterschied, dass sich Rameau als eigener Haushofmeister selber den ungehörigen Auftrag verpasste, die formal so strenge tragédie lyrique eines Lully mit Elementen des italienischen Sinfonia-Stils zu lüften, mit dem Duft von Marzipan und Limoncello appetitanregend zu garnieren. Selbstverständlich blieben das typisch französisch Deklamatorische, die tänzerisch beschwingten Ballette, das so süß subtile Parfum von Cassis und Anis, das scharfkantig Satirische seiner Vorgänger mit im Spiel. Längst obsolet ist der historische Zank, ob die angeblich schlechten Libretti Rameaus Kompositionskraft zum Banalen hin beeinflusst haben könnten.

Das Gegenteil ist der Fall. Kaum ein Komponist der Zeit darf sich rühmen, origineller und einzigartiger gewesen zu sein. Das Orchester war nicht stereotypisiert wie in Italien, vielmehr war es eine ästhetische Wahl des Komponisten, der das Orchester als dramaturgisches Mittel einsetzten, um die Szenerie zu verdeutlichen (Stürme und alle Art von Naturgewalten) und die Wirkung des Gesangs zu verstärken. Die Musiker hoben bestimmte Verse des Gedichts durch das Orchester hervor und gestalteten so die Psychologie der Figuren (Thomas Soury). Einen ähnlich zwingenden Individualitätsanspruch haben in der Barockzeit wohl nur Händel und Vivaldi aufzuweisen. Rameau soll mit der Geige in der Hand seine Musik geschrieben haben. Seine Markenzeichen sind virtuos auftrumpfende Violinen und Flöten in sehr hoher Lage, eine unverwechselbare Instrumentierung mit solistisch eingesetzten Bläsern und komplexeste Tanzrhythmen.

Marc Minkowski ist einer der temperamentvollsten französischen Dirigenten. Alle instrumentalen Volten und übermütigen Purzelbäume, aber auch die ungeheure Drastik in Rameaus Orchestersätzen geht er wie ein Wirbelwind an. Sein Orchester folgt ihm mit schlafwandlerischer Sicherheit, knackigen Einsätzen und raffinierter Klangwürze.

Es wäre kein Wunder, wenn dieser CD ein ebenso großer Erfolg wie der ersten beschieden wäre. Florian Sempey, der eben sein erstes fulminantes Solo-Album mit Arien und Duetten von Rossini bei Alpha Classics vorgelegt hat, darf sich bei Rameau von einer subtilen und mehr dem Wort verpflichteten Seite seiner Kunst präsentieren. Bei Rameau kommt zudem die voll klingende tiefe Lage des Sängers eindrucksvoll zur Geltung. Hören Sie die Tracks 4, 10, 15 und 18.

Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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