CD NORDIC JOURNEY, Vol. XV „Baltic Sojourn“– JAMES D. HICKS mit Orgelmusik aus Estland, Lettland und Litauen; Pro Organo
Vol. 15 erstmals auf einer deutschen Orgel eingespielt: Link-Gaida Orgel der Pauluskirche in Ulm

Auf das Unerwartete gefasst sein: Der US-amerikanische Musiker James D. Hicks startete mit der Serie von Orgelaufnahmen unter dem Titel Nordic Journey bereits im Jahr 2010. Laufende Forschungsarbeiten über das Orgelmusikschaffen aus Ländern rund um Nord- und Ostsee und einem Zeitraum von vier Jahrhunderten haben in diese bemerkenswerte CD-Reihe gemündet, die nun auch in Deutschland vertrieben wird.
Erstaunlich ist nicht zuletzt die Weite des Projekts: Der Organist hat im Zuge der Erkundungen und seines Interesses für zeitgenössisches Orgelmusikschaffen selbst über 60 Werke bei nordischen Komponisten in Auftrag gegeben bzw. nach altem Repertoire gegraben, das bislang hierzulande weder publiziert noch aufgenommen worden war.
Eine titanische Aufgabe, die sich James D. Hicks da gestellt hat und der dank des verständigen Engagements von Frederick Hohman, Produzent des 1984 gegründeten audiophilen Labels Pro Organo, hoffentlich noch lange nachgegangen werden kann. Abzuschließen ist ein derart umfangreiches wie dynamisches Vorhaben ohnedies nie.
Nun also legt Hicks eine Zwischenstation in den baltischen Staaten ein und wir hören auf dem Pinkevicius gewidmeten Album Musik von Jēkabs Mediņš, Alfred Karindi, Giedrius Kuprevičius, Ceslovas Sasnauskas, Romualds Jermaks, Malle Maltis, Vidas Pinkevicius und Rihards Dubra. Bei Malle Maltis‘ drei Orgelstücken kommt als Zweitinstrument noch die estnische Kantele, eine griffbrettlose Kastenzither (gespielt von Hedi Viisma), hinzu.
James D. Hicks hat sich für seine Aufnahmen des baltischen Repertoires für die in der deutschen romantischen Tradition verankerte Link-Gaida Orgel in Ulm mit ihren flexibel einzusetzenden, vielfältigen klanglichen Möglichkeiten entschieden. Die Gebrüder-Link-Orgel aus dem Jahr 1910 wurde zuletzt in den Jahren 2013-2015 von Thomas Gaida grundlegend renoviert.
Ich gestehe, mit Orgel-Aufnahmen in der Regel so meine Probleme zu haben. Nicht weil ich Orgel nicht mag, im Gegenteil, sondern weil eine oftmals mangelhafte Mikroplatzierung bzw. eine wenig ambitionierte Aufnahmetechnik kein annähernd adäquates Hörerlebnis zulassen.
Nicht so hier, wo von den ersten wuchtigen Akkorden an (Jēkabs Mediņš kurzes, aber brillantes Allegro appassionato) sich die gesamte enorme Bandbreite des verblüffenden orchestralen Klangs auf das natürlichste entfalten kann. Die Orgelsonate Nr. 3 des estnischen Komponisten Alfred Karindi stammt aus dem Jahr 1944. Der musikalische Allrounder Karindi, der in den fünfziger Jahren von den Sowjets zu vier Jahren Haft in einem mordwinischen Gefangenenlager verurteilt wurde, ist in seinen Orgelwerken, was die groß angelegte Form sowie das Ausschöpfen komplexer Virtuosität und klanglicher Kontraste anlangt, dem Stil Max Regers verwandt. Zahlreiche Registerwechsel, dynamische Extreme von einem mächtig aufrauschenden Orchesterorkan bis zu schwebend einschmeichelnden Passagen, bestimmen das unruhige, dennoch fluide Werk.
Nach drei kürzeren Kompositionen möchte ich Malle Maltis drei Stücke für Orgel und Kantele hervorheben. 1977 geboren, ist die gelernte Oboistin Maltis die jüngste unter den auf dem Album präsentierten Tonsetzern. Ihr interessantes Stück eint Elemente von elektronischer Musik und estnischer Folklore. Das von Hicks kommissionierte Stück entstand im Sommer 2023 und reflektiert signifikante Momente der sommerlichen Wahrnehmungen der Musikerin. Das dynamisch gut ausbalancierte Zusammen von Orgel und Zither ergibt reizvolle Klangerzählungen von einer zauberischen Mittsommernacht und dem langen Frühling in estnischen Wäldern. Die polyphone Adaption des Lieds „Pill oll‘ helle“ (=Lass meine Melodie erklingen) beschließt die Trilogie. Sie wurde erst jüngst, nämlich am 29.8.2023 uraufgeführt.
Auf vier Volkslieder seines Landes wiederum bezieht sich der Konzertorganist, Komponist und eifrige Blogger Vidas Pinkevicius in seiner litauischen Suite. Ein lebensfroher Marsch, ein spielerisch perlendes Scherzo, eine nachdenkliche Meditation sowie ein feuriges Finale bilden das atmosphärische Quartett des schönen, Hicks gewidmeten Stücks.
Unterhaltsam, herzerwärmend, virtuos!
Link zum Verlag:
https://proorgano.com/product/nordic-journey-volume-xv-baltic-sojourn-compact-disc-james-d-hicks/
Für die Streaming Freunde unter uns: Dieses Album und seine Titel sind seit Mitte Jänner 2024 über die Streaming- und Download Apps von Apple Music, Spotify und Naxos Music Library verfügbar:
- Jēkabs Mediņš: Allegro appassionato
- Alfred Karindi: Orgelsonate Nr. 3 in f-moll
- Giedrius Kuprevičius: Prelude im Gedenken an den litauischen Komponisten, Maler und Schriftsteller Mikalojus Konstantinas Čiurlionis (arr. für Orgel von Jūratė Landsbergytė)
- Česlovas Sasnauskas: Introduktion & Doppelfuge
- Romualds Jermaks: Latvian Folk Tune Con anima
- Malle Maltis: 3 Stücke (Estonian Suite) für Orgel & Kantele
- Vidas Pinkevicius: Lithuanian Folk Suite, Op. 150
- Rihards Dubra: Toccata
Dr. Ingobert Waltenberger

