CD NINO ROTA: Filmmusiksuite „KRIEG UND FRIEDEN“, Ballade für Horn und Orchester „CASTEL DEL MONTE“, Konzert für Streicher, Harfenkonzert, Exc. Filmmusik „ORCHESTERPROBE“; Capriccio
Felix Bender dirigiert das WDR FUNKHAUSORCHESTER KÖLN

Dass der in Mailand geborene Giovanni ‚Nino’ Rota Filmmusik kann, hat er über 150-mal bewiesen. Der in Sachen Musik frühreife Nino erhielt Unterricht u.a. von Ildebrando Pizzetti in Mailand und Alfredo Cassella in Rom. Als 20-Jähriger besuchte er 1931/1932 von Toscanini gepusht das Curtis Institute in Philadelphia, um dort seine Studien in Komposition und Dirigieren abzurunden. Vielleicht hat er da ja Hollywood und manche in romantisch sinnlichen Klängen schwelgenden Zelluloidstreifen kennenlernen dürfen. Biografisch gesichert sind der Beginn einer Freundschaft mit Aaron Copland und dass Fritz Reiner ihn höchstpersönlich unterrichtete.
Obwohl Rota zehn Opern (Lesen Sie dazu meine Besprechung der CD Nino Rota „Il cappello di paglia di Firenze“ im Online Merker vom 8.3.2023), über zwanzig Ballett- und Bühnenkompositionen, drei Sinfonien, drei Klavierkonzerte, drei Cellokonzerte, ein Posaunenkonzert, ein Fagottkonzert, ein Harfenkonzert, Konzerte für Streicher, Kammer- und Klaviermusik und Chorwerke schrieb, gründet sein Ruhm ausschließlich auf seinen Arbeiten für den Film. Exklusivkomponist für Federico Fellini, machten ihn auch seine Filmmusiken zu Meisterwerken von Luchino Visconti, Francis Ford Coppola oder Franco Zeffirelli („Romeo und Julia“) einem breiten Publikum weltweit bekannt.
Die vorliegende CD enthält neben der Suite zum Film „Krieg und Frieden„ und kurzen Ausschnitten zum Film „Orchesterprobe“ auch drei Beispiele seines Schaffens für den Konzertsaal, und zwar die Ballade für Horn und Orchester „Castel del Monte“ (Solist Marcel Sobol), ein Konzert für Streicher und ein Konzert für Harfe und Orchester (Solistin Esther Peristerakis).
Stets auf effektvolle Wirkung und dramaturgische Stringenz bedacht, bedient sich Nino Rota wild und ungeniert in der Musikgeschichte von der Barockzeit bis heute. Vor allem in den Filmmusiken gelingt es ihm, mittels Leitmotivtechniken und opernhafter Rhetorik die großen Gefühle anzusprechen und mit versteckten déjà-entendu-Erlebnissen die Eindringlichkeit des musikalischen Erlebnisses noch einmal zu steigern. Ein wunderbares Beispiel liefert gleich die Introduzione zu „Krieg und Frieden“, einem Film aus dem Jahr 1956 mit Henry Fonda, Mel Ferrer und Audrey Hepburn in den Hauptrollen, wo Rota gekonnt sein Süppchen u.a. aus Puccinis ersten Takten von „Tosca“, Richard Strauss „Alpensymphonie“ und der „Marseillaise“ kocht. Desgleichen sind die Anklänge an Siegfrieds Trauermarsch aus Wagners „Die Götterdämmerung“ in „La ritrata della Grande Armée“ (Track 8) unüberhörbar.
Dirigent Felix Bender attestiert Rotas Musik suggestive Wirkung, die erzählerische Kraft sei im besten Sinne plastisch. Besonders das 1964/65 im Auftrag des italienischen Kammerorchesters „I Musici“ entstandene Concerto per Archi hat es ihm angetan. Der Maestro nennt einige der Tricks Rotas beim Namen: Traum-Assoziationen und unerwartete Abdunkelungen bei Melodiebildung und Umgang mit Harmonien. Im virtuosen ‚Allegrissimo‘-Finale wird der Spagat „zwischen italienischen Elementen des 18. Jahrhunderts, deutscher Romantik und der frühen Avantgarde des 20. Jahrhunderts etwa im Sinne von Prokofiev“ gezogen.
Das Harfenkonzert hat Carlo Maria Giulini 1951 in Turin mit der Harfenistin und Widmungsträgerin Clelia Gatti Aldrovandi aus der Taufe gehoben. Dieses Konzert gehört zu den bekannteren Stücken Rotas, es gibt etwa eine Aufnahme mit der belgischen Harfenistin Anneleen Lenaerts bei Warner Classics. Das ansprechende Werk vereint Humor, sonnenhelle Frische, romantische Träumerei in Chiaroscuro und hymnische Erhabenheit. Die Kadenz im Allegro moderato gibt der Solistin (ausdrucksvoll Esther Peristerakis, Solo Harfenistin des WDR Funkhausorchesters Köln) Gelegenheit, die Qualitätsfarben des Instruments gestenreich und leidenschaftlich auszuspielen.
Als Abschluss des Albums erklingen drei Sätze der Musik zum Fellini-Film „Prova d’orchestra“ (1979): Risatine maliziose; Valzerino Nr. 72 und Galop. In dem humorvollen Setting geht es um eine alles andere als disziplinierte Orchesterprobe. Als Chorist im Wiener Singverein und der Singakademie habe ich es öfter erlebt, wie Instrumentalisten der berühmtesten Orchester während der Probe tun, was sie wollen, Autorevuen lesen, scherzen oder Dienst streng nach Vorschrift machen. Da wurden schon mal die Bögen auf die Gewerkschafts-Sekunde genau fallen und der Dirigent mit erhobenem Taktstock im Regen stehen gelassen. Freilich geht Fellini in seinem Film weit darüber hinaus und zeigt uns das Drunter und Drüber im Orchester als Metapher „einer Welt, die im selber geschaffenen Chaos unterzugehen droht.“ (NZZ). Als Kulminationspunkt schlägt eine Abrissbirne ein Loch in den Konzertsaal. Erst so aufgerüttelt spielen die Musiker die geübte Symphonie comme il faut. Die CD endet allerdings schon vor diesem grotesken Ende mit dem Galop, einem „schmissigen Kehraus“ durchaus wirkungsvoll.
Fazit: Das Album ist eine Lehrstunde, wie Filmisches sich im Konzertsaal behauptet, aber nicht zuletzt dank der intensiv den vielen Formen auf den Grund spürenden Interpretationen der Dirigenten Felix Bender und Michael Seal (Harfenkonzert), die diese Musik beim Schopf packen, ein vergnügliches polystilistisches, vor allem neoklassizistisches Manifest genießerischer italienischer Orchestermusik des 20. Jahrhunderts.
Dr. Ingobert Waltenberger

