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CD NIKOLAUS HARNONCOURT dirigiert Musik von Richard Wagner, Felix Mendelssohn und Robert Schumann; Sony

06.03.2026 | cd

CD NIKOLAUS HARNONCOURT dirigiert Musik von Richard Wagner, Felix Mendelssohn und Robert Schumann; Sony

„Isoldes Liebestod“ als Hommage zu Harnoncourts 10. Todestag am 5.3.2026: Hochromantisches Musikfest mit Live-Erstveröffentlichungen aus dem Grazer Stefaniensaal vom 25.6.1999

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Nikolaus Harnoncourt und Richard Wagner: Ein schwieriges, sehnsuchtsbehaftetes, äußerst ambivalentes Kapitel. Harnoncourt gestand dem Journalisten Kai Luehrs-Kaiser in einem Interview von 31.03.2012 in der Rondo Ausgabe 2/2012:“Mehrfach habe ich übrigens auch Anläufe für Wagners Meistersinger genommen. Aber dafür ist es inzwischen leider zu spät.“ Also das klingt alles andere als skeptisch. Ich denke, Harnoncourt kämpfte mit sich selbst, was Wagner betraf, möglicherweise an mehreren Fronten: der biografisch schwer verdaulichen, der musikalischen, die für ihn auch Fragen der Moral betraf und der Faszination für den innovativen, zukunftsweisenden Experimentalismus Wagners.

Wenn der große Originalklangprophet und historisch gründlichst arbeitende Dirigent im vom Rundfunk aufgenommenen und publizierten Kommentar zu Richard Wagners „Tannhäuser Ouvertüre samt Bacchanale“ Mendelssohn zitiert, der sich fragte, ob man dieses Thema so „brünstig“ ausdrücken dürfe, dann ahnt man eine dieser Klippen.

Um es gleich klarzustellen: Harnoncourt wäre auch ein toller Wagner-Dirigent gewesen bzw. war es an diesem singulären Junitag. Warum? Weil er im Moment des Musizierens mit dem ihm völlig vertrauten Chamber Orchestra of Europe und nach all den Erläuterungen, die er – man kann sich das vorstellen – während der Proben mit den Musikern teilte, im Konzert die Musik rauschhaft toben und wüten ließ, als ob es kein Morgen gäbe. In den Tempi rasanter und in den Rhythmen geschärfter als manche Kollegen, habe ich das harsch Orgiastische des Bacchanals noch nie kompromissloser gehört als bei Harnoncourt. Was Harnoncourt in diesen instrumentalen Ausschnitten aus „Tannhäuser“ wahrhaft revolutionär, mit sexueller hardcore Spannung aufgeladen und allen Mitteln einer geschärften Sinneswahrnehmung ausdrückt, ist in der Rezeption der Musik Wagners singulär. Ob man es lieber softer und klanglich einschmeichelnder haben wolle, hin oder her.

Zu Beginn des Konzerts vom 25.6.1999 dirigierte Harnoncourt Mendelssohns Konzertouvertüre „Das Märchen von der schönen Melusine“ op. 32 aus dem Jahr 1834. Da geht es um eine gefährliche, völlig ungleiche Beziehung: nämlich des zarten Wasserwesens Melusine, die sich mit ihrem spießbürgerlichen Ritter nur unter der Bedingung vereinen darf, dass er sie nicht in ihrer wahren Gestalt beim Baden mit dem fischförmigen Unterleib beobachten soll. Sie ahnen es: Das geht nur solange gut, bis der gute Mann seinen Schwur und damit dieses Tabu bricht.

Wie Harnoncourt in seinen Notizen zur Partitur bemerkt, sieht er das Werk als symbolistisch für ein Grundthema des Romantischen: „Die Auseinandersetzung der bürgerlichen Existenz mit dem Fantastischen und der Kunst, die ihre Entsprechung in der Umdeutung der Liebe als Flucht- und Sehnsuchtsort findet.“

Als Bonus zum Konzert ist auf dem Album ein knapp 19-minütiger Kommentar Harnoncourts zu dieser  „Melusine“ Mendelssohns enthalten. Harnoncourt fasst diese wunderbare Ouvertüre als sinfonische Dichtung auf. Zuerst hören wir die Welt der Melusine mit der feenhaft plätschernden Wassersphäre, wie sie Richard Wagner im „Rheingold“ thematisierte. Den Ritter wiederum symbolisiert eine Tarantella, von Harnoncourt entsprechend hart und brutal geformt. Die Mischung der beiden Sphären gelingt Mendelssohn mittels eines Oboensolos. Verführung, Liebesfeuer und Raserei bis zum Eid reizt Harnoncourt als Anwalt genau dieser emotionalen Grenzerfahrungen bis zum Äußersten aus. Zweifel kommen auf. In hochdramatischer Erzählweise lässt Harnoncourt die Kulmination des Verrats aufblitzen, bevor nutzlose Reue rasch in endgültigen Abschied und ferne Erinnerung mündet. Diese Interpretation ist schlichtweg ein Ereignis.

Richard Wagner hat die konzertante Version ‚Vorspiel und Liebestod‘ von „Tristan und Isolde“ als ‚Tod und Verklärung‘ bezeichnet. Harnoncourt findet diese Sicht schön, als „eine optimale Erklärung der Stücke“. Darüber hinaus ortet Harnoncourt einen Zusammenhang zwischen „Harmonie und Moral“. Harnoncourt geht hier von der musiktheoretischen Beobachtung aus, dass Wagner keine Dominante benutzte, sondern von einer Tonart in die andere chromatisch als Ausdruck einer Art von Atonalität glitt. Wagner schildere so das totale Fehlen von Moral.

Rein musikalisch geht Nikolaus Harnoncourt die beiden Ausschnitte aus „Tristan und Isolde“ im Vergleich zu „Tannhäuser“ ‚konventioneller‘ an. Aber ich wüsste auch nicht, wie man diese Partitur anders interpretieren könnte als dies in Nuancen unterschiedlich Karajan, Kleiber, Böhm oder eben Harnoncourt zelebrierten. Zu bewundern sind bei Harnoncourt die bis zum Zerreißen ausformulierten Spannungsbögen, die Klang- und Farbenpracht des Chamber Orchestra of Europe und wieder – man mag es kaum glauben – das rauschhaft Überwältigende dieser sublimen Musik. Die 38-jährige Violeta Urmana sang damals einen traumhaft entrückten Liebestod.

Die zweite klug programmierte Rahmen-Kontextualisierung führt uns zu Robert Schumanns „Requiem für Mignon, op. 98b. Da gibt es ein mehr als erfreuliches Wiederhören mit Elisabeth Kulman als Sopransolistin I. Auch das übrige Vokal-Ensemble mit Kaya Last (Sopran II), Martina Steffl (Alt), Luise Gündel (Alt II), Hiroyuki Ijichi (Bass) sowie dem Arnold Schoenberg Chor kann sich hören lassen. Schumann schrieb dieses kurze sechsteilige Stück 1849 in Dresden als Abschluss seines Zyklus Lieder, Gesänge und Requiem für Mignon aus „Wilhelm Meister“. Ein sonderbar reflexives Werk von jungen Sargträgern über die zu früh Verstorbene. Das Wesentliche ist die jubelnde Lebensbejahung, wie sie im Schlusschor eindrücklich besungen wird: „Kinder! Eilet in’s Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande begegne euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der Unsterblichkeit!“

Harnoncourt wusste in dieser Partitur nach Goethes Text das Theatralische und die Erlösungsidee zu einer höheren Einheit zu verbinden. Der Dirigent sah das Stück als „Gegenentwurf zu einer mehr und mehr ‚entspiritualisierten‘ und ‚enttranszendierten‘ Welt des Egoismus und der missverstandenen Liebe.“ (Michael Schetelich).

Was an der Edition noch besonders ist: QR-Codes im Booklet erlauben Einblicke in die jeweiligen Dirigierpartituren und Notizen des Dirigenten. Dem Nikolaus-Harnoncourt-Zentrum an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz sei Dank.

Fazit: Ein musikalisch packendes, unendlich interessantes wie aufschlussreiches Album nicht nur für die „Harnoncourt-Gemeinde“, sondern auch für die Interpretationsgeschichte der Musik Richard Wagners. Es bietet darüber hinaus eine weitere Begegnung mit den Qualitäten Harnoncourts als unterhaltsamer Conférencier seiner Arbeit.

Hinweis: In Wien wurde kürzlich eine Gedenktafel am ehemaligen Wohnhaus der Familie Harnoncourt enthüllt, die Nikolaus und Alice Harnoncourt ehren soll. Gleichzeitig ist im Bezirksmuseum Josefstadt die Ausstellung „Die Harnoncourts und der Concentus Musicus“ zu sehen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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