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CD: Nikolai Miaskowsky: Albina Shaikhieva (Sopran), Alexander Trofimov (Tenor), Yekaterinburg Philharmonic Choir. Die russische Seele blickt in den Abgrund

17.02.2026 | cd

Die russische Seele blickt in den Abgrund

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Wenn man die Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts als ein Gebirge betrachtet, dann sind Schostakowitsch und Prokofjew die weithin sichtbaren, schneebedeckten Gipfel. Doch direkt daneben ragt ein massives, dunkles Massiv auf, das seltsamerweise oft im Nebel der Vergessenheit verschwindet: Nikolai Miaskowsky. Er war der Lehrer einer ganzen Generation, ein Mann von unerschütterlicher Integrität und ein Komponist, der mit seinen 27 Sinfonien ein Lebenswerk schuf, das in seiner Geschlossenheit und emotionalen Tiefe seinesgleichen sucht.

Dirigent Alexander Rudin und das Ural Youth Symphony Orchestra setzen mit ihrer neuesten Aufnahme ein klares Zeichen gegen das Vergessen. Es ist eine Einspielung, die nicht nur musikhistorisch wertvoll ist, sondern die den Hörer physisch packt und in eine Welt entführt, die von edler Melancholie, philosophischer Strenge und einer ständigen Vorahnung der Katastrophe geprägt ist. Miaskowsky ist kein Komponist für das oberflächliche Vergnügen; seine Musik fordert Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einer klanglichen Pracht, die tief unter die Haut geht.

Den Auftakt macht die symphonische Dichtung „Alastor“, ein Werk aus dem Jahr 1912, das dem jungen Sergei Prokofjew gewidmet ist. Basierend auf Shelleys Gedicht über einen einsamen Poeten, der auf der Suche nach einem unerreichbaren Ideal durch die Welt irrt, entfaltet Miaskowsky hier ein spätromantisches Breitwandkino. Die Musik beginnt in den tiefsten Regionen der Streicher, ein düsteres Rumoren, das sich langsam wie ein giftiger Nebel ausbreitet. Man spürt das Erbe Tschaikowskys in der Intensität der Linienführung, doch Miaskowsky geht einen Schritt weiter in Richtung einer herben, modernen Tragik. Die Instrumentierung ist meisterhaft: Während die Streicher eine unerträgliche Spannung aufbauen, schwirren die Bläserstimmen wie aufgeschreckte Vögel um das Hauptthema. Es ist ein ständiges Aufbäumen, ein monumentales Schichten von Klangkaskaden, die immer wieder in sich zusammenbrechen, bis das Werk schließlich in feinster Piano-Farbe vollkommen mysteriös im Nichts verhallt. Das Ural Youth Symphony Orchestra spielt dies mit einer Leidenschaft, die spüren lässt, wie sehr den Musikern diese Wiederentdeckung am Herzen liegt.

Einen radikalen Kontrast dazu bildet die siebte Sinfonie, entstanden in den frühen 1920er Jahren. In nur zwei Sätzen entwirft Miaskowsky hier eine Architektur der Kontraste, die eher an eine gigantische Tondichtung als an eine klassische Sinfonie erinnert. Der Beginn ist rätselhaft: Über einer chromatisch flirrenden Harmonie setzt eine Flöte mit einem pastoralen Thema an, das wie ein fernes Echo aus einer verlorenen, ländlichen Welt klingt. Doch der Frieden währt nicht lange. Ein gewaltiges Accelerando reißt den Hörer in ein turbulentes Allegro, in dem das gesamte Orchester wie in einem Fieberwahn agiert. Es ist eine Musik der maximalen Kontraste – hier ein lyrisches Klarinetten-Solo von zerbrechlicher Schönheit, dort dissonante Ausbrüche von brutaler Gewalt. Alexander Rudin führt das Orchester mit einer prägenden Hand durch diese zerklüftete Partitur. Es gelingt ihm, die Balance zwischen den kammermusikalischen Dialogen der Holzbläser und den massiv wirkenden Steigerungs-Momenten zu halten, ohne den roten Faden zu verlieren. Die Coda der Sinfonie ist von einer dissonanten Härte, die den Hörer erschüttert zurücklässt.

Das Herzstück und die wohl wichtigste Entdeckung dieser CD ist jedoch die Kantate „Der Kreml bei Nacht“ für Sopran, Tenor, Chor und Orchester. Es handelt sich um die erste Studioaufnahme dieses Spätwerks, und sie ist schlichtweg atemberaubend. Der Beginn führt in eine schwebende, atmosphärische Welt, in der sich die Akkorde nur mühsam nach vorne tasten, als würde man nachts durch die schweigenden Gänge einer alten Festung wandeln. Wenn dann der Yekaterinburg Philharmonic Choir einsetzt, entfaltet sich eine klangliche Macht, die typisch für die russische Sakraltradition ist, hier aber in den Dienst einer patriotischen, eher mystischen Geschichtsbetrachtung gestellt wird. Der Chor singt ungemein ausgewogen und homogen, mit einer Tiefe, die den Raum zum Schwingen bringt. Ein besonderes Juwel sind die Solisten: Alexander Trofimov verleiht dem Tenor-Part eine virile, baritonal timbrierte Wärme, die in ihrer Direktheit tief berührt. Seine Stimme hat eine Standhaftigkeit, die bestens zum heroisch-melancholischen Ton des Werkes passt.

Ihm gegenüber steht Albina Shaikhieva, deren Sopran wie ein Silberfaden durch die dichten Orchesterstrukturen schneidet. Ihr Gesang bleibt bis in die höchsten Lagen mühelos und klangschön, wobei sie eine Ausdrucksstärke an den Tag legt, die niemals in Sentimentalität abgleitet. Der fünfte und letzte Satz der Kantate ist ein formaler Geniestreich: Die erste Hälfte gehört dem gewaltigen Chor, der die Emotionen noch einmal auf die Spitze treibt, bevor die zweite Hälfte rein instrumental gestaltet ist. Das Orchester übernimmt das Wort und lässt das Werk so geheimnisvoll und leise verklingen, wie es begonnen hat. Es ist ein Abschied auf Zehenspitzen, ein letztes Nachdenken über ein Land und seine Geschichte.

Alexander Rudin und seine Musiker haben hier eine Referenzaufnahme geschaffen, die zeigt, dass Miaskowskys Welt nicht nur düster und gefährlich war, sondern auch von einer unendlichen Nobilität. Wer wissen will, wie das 20. Jahrhundert in Russland wirklich klang, jenseits der bekannten Pfade, muss diese CD hören.

Dirk Schauß, im Februar 2026

 

Nikolai Miaskowsky
Alastor op. 14

Sinfonie Nr. 7 h-moll op. 24

Der Kreml bei Nacht op. 75

Albina Shaikhieva (Sopran),
Alexander Trofimov (Tenor),
Yekaterinburg Philharmonic Choir

 

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