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CD NIKOLAI KAPUSTIN „BLUEPRINT“ – Klaviermusik für Jazztrio – FRANK DUPREE, JAKOB KRUPP, OBI JENNE; Capriccio

12.04.2022 | cd

CD NIKOLAI KAPUSTIN „BLUEPRINT“ – Klaviermusik für Jazztrio – FRANK DUPREE, JAKOB KRUPP, OBI JENNE; Capriccio

Geniale Grenzgänger zwischen klassischer Konzertmusik und Jazz –  „Es ist Zeit, die Grenzen zu sprengen.“

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Nikolai Kapustins langes Leben und sein vielfältiges künstlerisches Schaffen weisen ihn als einen der interessantesten Musiker sowjetisch/ukrainisch-russischer Provenienz des 20./21. Jahrhunderts aus. 1937 in der Ostukraine geboren, wurde er wegen des in der Region bald besonders brutal wütenden Zweiten Weltkriegs schon als Kind mit seiner Familie nach Kirgisistan gebracht. Am Moskauer Konservatorium als Pianist ausgebildet, kam er rasch mit Jazz in Berührung, einer Musikrichtung, die in der Sowjetunion vielfältig gepflegt wurde. In den frühen 60-er Jahren gab es sogar offizielle Einladungen an US-Jazzgrößen wie Benny Goodman oder Duke Ellington, die auf Tourneen für ihre Kunst auf begeisterte Zustimmung stießen. 

Nikolai Girschevich Kapustin, dessen umfangreiches Oeuvre u.a. sechs Klavierkonzerte, 20 Klaviersonaten, Sonaten für Cello und Klavier sowie ein Cellokonzert umfasst, war selbst schon als junger Musiker höchst erfolgreich als Jazzpianist, Arrangeur und Komponist aktiv. Er spielte mit seinem Quintett in der Moskauer Big Band von Juri Saulsky und dem Orchester von Oleg Lundstrem. Ab 1972 wirkte Nikolai Kapustin als Solist des Großen Symphonieorchesters des Moskauer Rundfunks. 

Im Westen wurde man erst spät auf Kapustin aufmerksam, als seine Werke in Mainz von Schott gedruckt wurden. Der Pianist Steven Osborne spielte bei der Wiederentdeckung eine bedeutsame Rolle, weil er im Jahr im Jahr 2000 eine vielbeachtete CD mit Werken Kapustins veröffentlichte. Kapustin starb im Juli 2020 in Moskau.

Aktuell ist es der gerade einmal 30 Jahre junge deutsche Pianist und Schlagzeuger Frank Dupree, der sich mit Verve, Elan, Schwung und Swing in die hoch virtuosen Klangwelten des Nikolai Kapustin stürzt. Nach seinem Maßstab setzenden Album mit Kapustins Klavierkonzert Nr. 4, Op. 56, dem Konzert für Violine, Klavier & Streichorchester Op. 105 sowie der Kammersymphonie, Op. 57, ist ebenfalls beim Label Capriccio, eine Zusammenstellung von 23 ausgewählten Jazz-Stücken für Klavier erschienen, die die drei Musiker für Jazztrio arrangiert haben. Frank Dupree, Klavier; Jakob Krupp, Bass und Meinhard ,Obi‘ Jenne, Schlagwerk.  

Kompositorisch spannend ist vor allem, dass diese mitreißende Musik, die so sehr nach Improvisation klingt, von Kapustin bis in die letzte Note hinein akribisch ausnotiert wurde. Die Initialzündung für Dupree kam, als ihm sein Musiklehrer ein Video mit Kapustin selbst am Klavier geschickt hatte. Dupree: „Ich liebe Musik, die von Jazz inspiriert ist: Gershwin, Weill, Bernstein, Stravinsky. Kapustins Schaffen geht noch einen Schritt weiter: Er nutzt den Jazz als seine Tonsprache und komponiert Improvisationen, die aus den Fingern Oscar Petersons oder Erroll Garners hätten stammen können.“

Dass das, was auf der CD so einfach und selbstverständlich klingt, hohe Ansprüche stellt, verschweigt Dupree nicht: Kapustin wechselt von Etüde zu Etüde, von Prélude zu Prélude von einem Jazzstil in den anderen. Manchmal ändert sich der Groove auch innerhalb des Stücks, einmal ist es Bossa-Nova, dann wieder Cool-Jazz oder ein Jazz-Waltz, was wiederum Auswirkungen auf den Anschlag des Pianisten hat. 

Wichtig für das Publikum ist aber letztendlich nur, dass dieses Jazztrio voller befreiender Leidenschaft und Lava heißer Glut bei der Sache ist. Mich persönlich erinnert das Album an meine schönsten Stunden in Jazzclubs in New York oder Chicago. Schließlich ist es ja so ganz und gar nicht selbstverständlich, dass gerade drei junge Musiker aus Deutschland mit Musik eines in der Ukraine geborenen, später in Moskau ansässigen Komponisten das schönste Jazz-Album des Jahres vorlegen. 

Genuss pur ganz im Sinne des Kapustin-Spruchs: „Unser Leben ist wie eine Jazz-Improvisation, es sollte immer spontan sein, immer im Moment und immer frei“ – Farbe, Rhythmen und Lebensfreude!

Sie hören: Sunrise (Daybreak) op. 26; Konzert-Etüden op. 40 Nr. 1, 2, 7, 8; Variationen op. 41; Motive Force op. 45; Big Band Sound op. 46; Jazz-Preludes op. 53 Nr. 1- 3- 4- 6-9, 11, 13, 15, 19, 23; The End of the Rainbow op. 112; Paraphrase über „Blue Bossa“ op. 123; Paraphrase über „Aquarela do Brasil“ op. 118

https://www.youtube.com/watch?v=k4R3oH-A8jc

 

Tipp: 2022 wird der großartige Frank Dupree die Klavierkonzerte Nikolai Kapustins live aufführen. 

 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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