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CD: Nicolas Worms – L’Enquête Alpha Classics, ALPHA1296

31.10.2026 | cd

Nicolas Worms – L’Enquête
Eine musikalische Selbstbefragung auf vier Instrumenten mit fünf Fragen

niko
Nicolas Worms, 1993 in Paris geboren, ist Komponist und Pianist in einer Person – und beides mit einer seltenen Unerschrockenheit. Nach der Reihe FLOT (2024), in der er sein Konzept der „Musik-Fiktion“ bereits erprobt hat, legt er mit L’Enquête (Untersuchung) ein noch persönlicheres, riskanteres Album vor. Es entspringt, wie er selbst schreibt, dem „einfachen, aber berauschenden Bedürfnis, das Unbekannte in mir zum Vorschein zu bringen“. Wer bin ich? Was kann ich aus meinem Erbe und aus meinen digitalen und analogen Tasteninstrumenten schöpfen? Die Antwort sucht er nicht im sicheren Terrain der Tradition, sondern in einer groß angelegten Selbstbefragung, die er mit der Konsequenz eines Ermittlers führt.

Vier Instrumente dienen ihm dabei als „Beweismittel“: der Konzertflügel, das E-Piano Yamaha CP-70, der analoge Synthesizer Prophet-V und ein modulares System. Alles, was man hört, entsteht aus diesen Klaviaturen und aus seinen Händen. Keine zusätzlichen Klangquellen, keine versteckten Layer – nur die vier Instrumente und die Neugier ihres Spielers. L’Enquête ist in vier Abschnitte und eine Coda gegliedert. Jeder Abschnitt wird von einer Frage eröffnet – Quoi?, Où?, Qui?, Quand?, Comment? – und durch ein gemeinsames Motiv aus vier aufsteigenden Tönen (C–D–E–F) miteinander verbunden. Drei Stücke folgen systematisch auf jede Frage, ohne die Antwort jemals festzuschreiben. Nur die letzte Frage bleibt bewusst offen. Manche Stücke sind im Stil einer Toccata oder einer Nocturne geschrieben, andere improvisiert, melodischer oder abstrakter. Der ständige Perspektivwechsel hält die Spannung aufrecht – wie bei jeder guten Untersuchung: man wechselt den Blickwinkel, geht auf den eigenen Spuren zurück und lässt sich überraschen.

Schon der Einstieg mit „Quoi?“ fächert die Musik sofort auf und entfaltet Farben. „Le chant du rossignol“ lässt eine ungewöhnliche Nachtigall erklingen: Klavier, das von elektronischen Klängen ergänzt und verfremdet wird, bis der Gesang unkenntlich, aber umso eindringlicher wird. „Une chose est une autre“ arbeitet mit ostinaten Figuren, „Mobile“ klingt maritim und körperlich nah – man hört sogar den Komponisten am Flügel schnaufen, ein seltener Moment physischer Präsenz, der die Studioaufnahme plötzlich sehr menschlich macht. „Où?“ öffnet kosmische Synthieweiten, „Sur le rocher, vers le buisson“ führt in eine hellere Welt. „Sur les réseaux“ ist voller seltsamer Geräusche und digitaler Störfelder, „Dans le ciel“ schwebt schwerelos über den Wolken. „Qui?“ donnert mit Tasten, „Autoportrait robot“ hüpft unruhig und mechanisch, „L’âme invisible“ bringt plötzliche, sakrale Ruhe. Besonders schön und befreiend wirkt „Sphinx“ – ein Aufatmen mitten in der Untersuchung, als würde für einen Moment Klarheit aufscheinen. Später folgen Elektrozauber, schicksalshafte Rufe („L’heure du cri“), schwebende Momente und die mystische „dernière nuit de mai“, bevor „Comment?“ die Untersuchung ohne endgültige Antwort beschließt.

Eine Dreiviertelstunde endloser Farben und Stilmixturen. Nie langweilig, manchmal seltsam, aber immer spannend. Worms mischt klassische Formgesten mit freier Improvisation, analoge Wärme mit digitaler Kühle, Melodie mit Abstraktion, ohne dass das Ergebnis jemals beiläufig oder beliebig wirkt. Die Brüche sind kalkuliert, die Übergänge überraschend, die Klangpalette erstaunlich weit. Man spürt die Neugier des Komponisten und die Freiheit des Interpreten, der sich selbst nicht schont und der bereit ist, auch die unangenehmen, unklaren oder sperrigen Seiten seiner eigenen musikalischen Persönlichkeit freizulegen.

L’Enquête ist kein gefälliges Debüt und auch kein sicherer Beitrag zur zeitgenössischen Klaviermusik. Es ist eine echte Untersuchung – in das eigene musikalische Ich, in die Möglichkeiten der Tasteninstrumente und in die Zwischenräume zwischen den Genres. Worms zeigt sich hier als eigenwilliger, mutiger Künstler, der weder der reinen Tradition noch dem reinen Experiment das Feld überlässt, sondern beides in eine persönliche, oft poetische Spannung bringt. Am Ende bleibt weniger eine Antwort als ein offenes Feld: Musik, die fragt, statt zu behaupten. Und genau deshalb so lohnend.

Dirk Schauß, im Oktober 2026

Nicolas Worms – L’Enquête

Alpha Classics, ALPHA1296

 

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